Mittwoch, 11. November 2015

Tinka - der Teddy

Foto: privat
Für den einen ist sie eine Hütehundmischung, für die Ehefrau unberechenbar. Für das eine Kind ist sie ein tapsiger Kuschelbär und für das andere Kind (beide zum Glück erwachsen) ist sie eine Zeitbombe. Das waren die ersten Informationen über Tinka - und dass sie gebissen hat.
Ok, dachte ich mir, und hatte einen Shepherd-Mix im Kopf...bis wir über das Gewicht der Hündin sprachen: Ja, sie habe krankheitsbedingt etwas zugenommen, nun müsse sie abnehmen. 10 Kilo hätte man schon geschafft. Moment, Moment...krankheitsbedingt? Wieso denn und was bitte hat sie denn gewogen, wenn sie 10 kg abgenommen hat? Ja, sie hat so lange Kortison bekommen, gegen die Entzündungen und Schmerzen...Äh...ok...wieso? Sie ist doch erst zwei Jahre alt? Ja, zwei Jahre aber sie hat HD und nur ein Auge, außerdem fehlt ihr ein Teil der Schädeldecke. Und gewogen hat sie irgendwas bei 50 kg.
So... -Stress-Schütteln meinerseits- äh...jetzt wird es Zeit, sie anzusehen: Beim Weggehen, um Tinka zu holen, sagt der Besitzer noch über die Schulter zu mir gewandt: "Sie kommt übrigens aus Bulgarien, von einer Pflegestelle!"

Was ich dann zu sehen bekomme, ist ein Karakachan-Mischling ohne Mischling.

Sie kam vor 1,5 Jahren in diese Familie, tapsig, plüschig und irgendwie auch Mitleid erregend. Alle haben sich sofort in sie verliebt. Sie kam aus einer anderen Familie, die sie aus der Pflegestelle übernommen hatte. Nur hatten sie sich mit diesem Hund übernommen und wollten ihn wieder abgeben. So kam es, daß dieser "Hütehund-Mischling" die Familie wechselte und im Norden Deutschlands in einer Kleinstadt landete.

Erst lebte sie am liebsten draußen im Garten, mochte nicht spazieren gehen und lag eigentlich im Haus immer im Weg, doch die Familie wich großzügig aus. Als die Familie dann an eine Hauptverkehrsstraße zog, entwickelte sie zusehends ein Problem mit Umweltgeräuschen, vor allem Autos und Trecker. Doch auch plötzliche Knall- oder Scheppergeräusche lösten bei ihr panische Flucht aus. Sie floh in den Keller oder verkroch sich im Badezimmer. Man wunderte sich, dass sie immer weiter wuchs und schwerer wurde und langsam machte sich der Gedanke breit, es sei doch mehr als "nur" ein Hütehundmischling. Als es die ersten Situationen gab, bei denen Tinka die Kinder anknurrte, weil sie ihren Weg kreuzten oder den Raum betraten, in dem sie es sich gerade auf dem Sofa gemütlich gemacht hatte, machte sich Ratlosigkeit breit.
Ein Hundeschulbesuch brachte keine Besserung, Tinka machte einfach gar nichts mit. Kaum auf der Fläche, legte sie sich hin. Leckerchen interessierten sie nicht und auch keine andere Motivation. Sie verlies kaum das Grundstück, man mußte sie hinter sich herziehen, so störrisch war sie. Nur in freier Fläche, auf dem Deich oder auf einer offenen Wiese, da taute sie auf: Sie tobte albern im Wind und selbstvergessen durch die Wellen der Elbe. Leider war sie in solchen Momenten auch nicht abrufbar.
Tinka wuchs heran, machte die Hausregeln klar und fand Geräusche immer schlimmer. Ein Hund, eigentlich nicht lebensfähig in unserer Welt. Ich lerne Tinka kennen, da ist sie zwei Jahre alt, hat die Familie gut im Griff und bereits in einer Abschiedssituation einen Freund der Kinder ins Gesicht gebissen. Tinka macht unmissverständlich klar, wie sie sich ihren Begriff von Individualdistanz vorstellt.
 Es ist der Moment, der einem als Hundetrainer schon mal den Boden unter den Füßen wegzieht: Einerseits ein vielleicht misshandelter, traumatisierter Hund - in Bulgarien geht man mit Ausschuss nicht gerade zimperlich um und auf der anderen Seite eine Familie, die es gut meinte, nun aber selber traumarisiert war und sich natürlich große Sorgen um die Sicherheit der Menschen machte. Was tut man als Berater, in einer Situation, in der man realisiert: Hier kann es am Ende eigentlich nur Verlierer geben...? Kann der Hund bleiben? Unter welchen Voraussetzungen? Wer muss welche Kompromisse eingehen? Was ist mit den Erwartungen, Hoffnungen der Familie? Spazierengehen, Fahrradfahren, Aktivitäten...? Mit einem solchen Hund? Hundehaltung kann und sollte Spaß machen - welche Einschränkungen muss die Familie in Kauf nehmen? Wohin mit dem Hund, wenn die Familie Besuch bekommen möchte? Wie einen Schutz der Kinder garantieren, wenn Tinka im Haus ist? Welche Aktivitäten mit einem Hund, der nur ein Auge hat und HD, vom Schädel ganz zu schweigen. Tinka - ein Hund, bierernst und auf dem Weg, erwachsen zu werden, Strategien zu entwickeln, sich Reize vom Hals zu halten und keinesfalls plüschig kuschelig. Ein Hund, der in seinem Ursprung ohne irgendeine Begrenzung oder gar Einflussnahme von Menschen, absolut souverän und selbständig seinen Job macht, nun hier in dieser Enge der Kleinstadt zu halten...wo beginnt die Tierschutzrelevanz für solch einen Hund?
 Ich musste der Familie sehr wehtun, ihnen sagen, was sie dort im Haus haben und erklären, daß so gut wie alles, was sie dachten, nicht eintreten würde...Zu guter Letzt habe ich sie vor die Wahl gestellt: Tinka behalten, auf vieles verzichten, sich einschränken und verabschieden von Wünschen und Hoffnungen oder ein neues Zuhause suchen...oder vielleicht auch entscheiden, sie gehen zu lassen, wenn man ihr kein lebenswertes Leben ermöglichen kann.
 Natürlich wurde sie gründlich tierärztlich untersucht, um auszuschließen, daß das andere Auge ebenfalls beeinträchtigt ist. Doch als feststand, daß sie mit dem zweiten Auge sehen kann und auch keine weitere Erkrankung diagnostiziert wurde, fasste die Familie gemeinschaftlich einen Entschluss. Wir setzten uns erneut zusammen und man verkündete mir: "Wir haben entschieden: Tinka bleibt bei uns, wir haben so viel mit ihr durch, das schaffen wir auch noch!"

So haben wir es gemacht - einen "Schlachtplan" erstellt und die Schrauben gesucht (und gefunden), an denen wir drehen mussten, um die Gesamtsituation für Hund und Mensch zu klären und zu verbessern. Dies betraf sowohl Management-Maßnahmen, als auch Trainingsformen und die Habituation und Sozialisierungsmaßnahmen, die offenbar im Welpenalter versäumt worden sind. Heute - ein halbes Jahr später - ist Tinka ein Hund, der sich "vorbildlich" - um den Besitzer zu zitieren - verhält. Dies ist das Verdienst der Besitzer, die sich trotz ihrer komplett anderen Erwartungen, mit Haut und Haar diesem - ihrem - Hund verschrieben haben. Ein Weg voller Kompromisse für alle Beteiligten. Dennoch - nirgendwo anders könnte Tinka es besser haben, Respekt für diese Familie! Dieser Hund wird bis an sein Lebensende viel Arbeit bedeuten, viel Geld kosten und diese Familie (und mich) um eine Vielzahl von Erfahrungen bereichern. Wenn man dazu bereit ist, dann gibt es am Ende nur Gewinner - aber das sollte man sich klar machen - gut gemeint reicht manchmal eben nicht aus und bei Tinka war es wirklich auf Messers Schneide.

PS: Normalerweise schreibe ich hier keine Geschichten von meinen Kunden auf, aber in diesem Fall habe ich die ausdrückliche Erlaubnis der Besitzer, es zu tun: Um anderen Mut zu machen, Entscheidungen zu treffen und durchzuziehen - ohne die rosarote Brille.