Freitag, 25. November 2016

Mein Hund zieht nur, weil er schnell hin will

Verhalten des Hundes, wie zum Beispiel "an der Leine ziehen", wird oft damit gerechtfertigt, der Hund wolle schnell dorthin. Dabei ist es manch einem Hund gleichgültig, ob das Objekt seiner Begierde Mensch, Artgenosse oder ein anderes Tier ist. Erblickt der Hund etwas, das er interessant findet, steigt er mitunter aufgeregt in die Leine und zieht seinen Menschen hinterher, um möglichst schnell Kontakt aufzunehmen. Doch ist es wirklich freundliches "Hallo"-Sagen, wenn der Hund kaum mehr zu halten ist? Ehrlich gesagt bezweifel ich, daß es so ist und dafür gibt es auch klare Hinweise:

1. Kontaktaufnahme von Hunden ist in der Regel leise

Die Annäherung zweier Artgenossen erfolgt in der Regel durch seitliche vorsichtige Annäherung, gegenseitiges Umkreisen und Beschnuppern. Ist man sich sympathisch, dann folgt vielleicht ein Spiel, ist man sich egal, geht man getrennte Wege. Hochterritoriale Hunde oder solche, die ein mangelhaftes Sozialverhalten an den Tag legen, machen auch schon einmal unmißverständlich klar, daß sie keinen Artgenossen in ihrer Nähe dulden. Immer aber erfolgt der erste Kontakt, die erste Annäherung in der Regel eher leise als laut.

2. Die frontale Annäherung ist respektlos und in der Regel ein Angriff auf die Individualdistanz des anderen

Kommt also ein Artgenosse auf den eigenen Hund frontal zugeschossen, ist klar, daß dieser ebenfalls frontal entgegentritt, sofern er Angriff als Reaktion auf diese Attacke wählt. Alternativ könnte er auch Übersprungsverhalten oder Flucht wählen, wird aber erfahren, daß sein Ziel, nämlich eine Distanzvergrößerung keinen Erfolg hat. Spätestens dann wird er beim nächsten Mal eine andere Strategie, nämlich die des Gegenangiffs wählen, um Eindruck zu machen.


3. Aggressives Verhalten dient der Distanzvergrößerung

Und frontale Annäherung, Blickfixieren, sowie Bellen und Knurren sind aggressives Verhalten. Dient dies an der Leine gezeigt, eigentlich der Distanzvergrößerung steht dem offenbar eine Fehleinschätzung des Hundebesitzers gegenüber, der behauptet: "Mein Hund will überall schnell hin!" Nun kommt in der Regel die Antwort: "Doch, doch, mein Hund will schnell dahin, und hat er Hallo gesagt, ist alles ok." Wie kann das sein? Nun, oben schrieb ich bereits, daß es immer eine Frage der Strategie ist, die der Hund wählt. Es gibt nur die Möglichkeiten der sogenannten 4 F's: Flirt, Fight, Freeze und Flight - zu deutsch: flirten ( = Übersprung), kämpfen, erstarrten oder flüchten. Jede Situation erlebt der Hund irgendwann einmal zum ersten Mal. So auch der Kontakt mit Artgenossen, um bei diesem Beispiel zu bleiben. Bei dieser Premiere versucht der Hund mit seiner Strategie, die sich aus Genetik und Vorbildverhalten der Mutter ableitet, die Situation zu beherrschen. Reicht seine Strategie aus, das Problem zu lösen, wird er sie beibehalten. Bleibt das Problem bestehen, wird er seine Strategie ändern. In der Regel machen die Hunde im Freilauf andere Erfahrungen mit Artgenossen als an der Leine. Im Freilauf ist flüchten zum Beispiel eine Option, die an der Leine nicht funktioniert. So kann es dazu kommen, daß der Hund lernt: Im Freilauf kann ich Probleme mit Flucht lösen, an der Leine nicht. Also braucht der Hund für die Leinensituation eine andere Strategie und nicht selten lautet die dann: Angriff ist die beste Verteidigung. So erklärt sich, warum Hunde im Freilauf scheinbar sozial kompetenter sind als an der Leine und wie Leinenaggression entstehen kann. In beiden Fällen aber macht der Hund auch die Erfahrung, daß sein Mensch nichts regelt und damit offenbar ihm die Aufgabe zuteilt. So wird dieser Hund immer danach streben, seinen Job zu tun - er wird immer reaktiver auf Außenreize.
Aus dem eigentlichen Bestreben nach Distanzvergrößerung wird der Wunsch, möglichst schnell den anderen "klarzumachen", bevor man selber klar gemacht wird. Frei nach dem Motto: Wer zuerst dem anderen zeigt, wer das Sagen hat, hat nicht das Nachsehen.


4. Verhalten, das sich lohnt, wird bestärkt

Das kennen wir schon aus der Hundeerziehung Stichwort positive Verstärkung. Hat der Hund also mit seiner gewählten Strategie gefühlt Erfolg, weil der Artgenosse vielleicht klein beigibt und entsprechend reagiert, poliert das möglicherweise ziemlich das eigene Ego auf. Ein gutes Gefühl, jemanden beeindruckt zu haben, ist etwas, das gerade unsichere Hunde aufbaut. Also wird dieses Verhalten bei nächster Gelegenheit wieder gezeigt. Und nicht nur das: Es wird schneller, öfter und heftiger gezeigt. So funktioniert Lernen.

5. Alternativverhalten und Abbruch als Lösung?

Diesem sich selbst belohnenden Problemverhalten nun eine Alternative entgegenzusetzen, ist denkbar schwierig und in der Praxis sehr aufwändig und oftmals nur mit mäßigem Erfolg anzutrainieren. Es ist im üblichen Hundetraining nach der Methode der positiven Verstärkung ausgesprochen schwierig, wenn es um Verhalten geht, daß der Hund NICHT zeigen soll. Schnell landet man dann in den Bereichen der positiven und negativen Strafe. Abbruchsignale sollen den Hund vom gezeigten Verhalten umlenken auf ein Alternativverhalten. Doch löst das das Problem des Hundes? Oder lenkt es nur ab? Was kommuniziert man dem Hund, wenn man angesichts einer potentiellen Artgenossen-Attacke, emotional und im Management stets mit dem eigenen Hund beschäftigt ist? Zeigt das nicht nur noch mehr die eigene Unfähigkeit und Unsicherheit, mit Außenreizen umzugehen?

Halten wir fest:
- Im Freilauf kann der Hund besser agieren, weil er alle Möglichkeiten hat, zu reagieren
- An der Leine stehen manche Verhaltensweisen und Reaktionsoptionen nicht zur Verfügung
- Aggressives Verhalten dient der Distanzvergrößerung
- Problemverhalten wird nicht weniger, solange es sich lohnt
- Abbruch und Alternativverhalten sind nicht der Weisheit letzter Schluß


Doch wie lösen wir nun das Problem?


Zunächst ist es wichtig zu wissen, in wie weit sich dieses Verhalten schon gefestigt hat und ob bereits eine Generalisierung stattgefunden hat. In welchen Situationen, bei welchen Begegenungen zeigt sich dieses Verhalten? Gibt es Unterschiede in den Hunderassen, beim Geschlecht, ob angeleint oder nicht, ob die Leine durchhängt oder straff ist oder reagiert der Hund egal, ob der andere unter Kontrolle ist oder nicht. Ein Hund, der an straffer Leine vor seinem Menschen läuft, ist nicht unter Kontrolle und forciert das Problemverhalten des eigenen Hundes.
Weiterhin ist wichtig, wie groß die gefühlte Individualdistanz des eigenen Hundes ist, in der er Artgenossen ertragen kann, ohne unangemessen zu reagieren. Dann sollte man mit Distanzen beginnen, die vom eigenen Hund gut auszuhalten sind. Wichtig ist vor allem, daß während der Trainingsphase KEINE Situationen mehr auftreten, bei denen das Problemverhalten gezeigt werden kann bzw. muß. Ein guter Hundetrainer arbeitet daran, die Sicherheit des Hundes zu berücksichtigen, die Kompetenz des Hundehalters zu stärken und den Hund aus den Verantwortungen zu nehmen. Dies gelingt in der Regel nicht über Abbruch und Alternativverhalten, sondern über Management und Coaching.


Ein Hund, der in der Leine hängt, will nicht zu anderen hin, sondern von anderen weg.

Donnerstag, 3. November 2016

Dominanz, Abrichtung und Unterwerfung

Wie kann das sein? Wir leben in einer multimedialen Welt mit Zugang zu Internet everywhere. Man kann sich jede Fernsehsendung immer wieder ansehen, Mediatheken und   Livestreams machen bewegte Bilder stets verfügbar. Bücher für die Oldschool-Leseratten gibt es en masse. Für die nicht ganz so bibliophilen gibt es Internetforen und Facebook, Instagram und sonst was, um zu lesen, zu diskutieren oder auch nur anzusehen.

Und doch...immer und immer wieder höre ich von alten Märchen. Wissen, das man nicht mehr als solches bezeichnen kann, so überholt ist es. Mythen oder Irrungen trifft es besser. Irrungen im Umgang mit dem Hund, Irrungen über sein Verhalten und große Irrtümer wie Menschen sich Hunden gegenüber verhalten sollen.

Gerade gestern erreichte mich wieder ein Anruf, bei dem die Besitzerin eines 10 Monate alten Hundes davon berichtete, man hätte ihr geraten, den Hund zu unterwerfen, er müsse eingenordet werden, sie sollte mal klar machen, wer das Sagen hat. Er wäre aufmüpfig und würde sich dominant verhalten. Leute - ein 10 Monate alter Hund! Eine französische Bulldoge noch dazu - ganz ehrlich! Was war passiert? Der Hund ist unsauber! Er pinkelt in die Bude - ein klares Kennzeichen von Übernahme der Weltherrschaft! (Ironie aus!)
anhand der Körpersprache erkennt man Widerstand gegen die Maßregelung

Man hat es dann auch mit dem Hund durchgeführt - ihn unterworfen. "Und hat es etwas geändert?", frage ich. "Nein, er hat dabei gepinkelt", ist die Antwort. Ich mache den Besitzern keine Vorwürfe. Zu oft erreichen mich die Nachrichten über solche Vorgehensweisen, nach klugen Tipps aus der Umwelt, nicht selten von "Fachleuten". Ich frage mich ernsthaft, wie diese Irrungen alle Attacken von Aufklärung, Bauchgefühl und gesundem Menschenverstand überleben können. Von wissenschaftlichen Erkenntnissen, die kund getan werden, mal ganz zu schweigen.

Längst ist die Beziehungsstruktur unter Hunden von der angeblich hierarchischen Dominanztheorie widerlegt. Nochmal zum Mitschreiben: Caniden (= Hundeartige) leben in einem dem Menschen ähnlichen
F A M I L I E N V E R B A N D aus Mutter, Vater und den Kindern mehrerer Jahrgänge, manchmal noch Onkel und Tanten dabei.

Der Führungsanspruch oder besser - die Führungsverpflichtung wird nicht erkämpft, sondern ergibt sich aus der Konstellation: Die Eltern sind (wie bei uns Menschen) diejenigen, die über mehr Lebenserfahrung verfügen. Sie sind schlicht ÄLTER und erfahrener. Da macht es Sinn, sich an ihnen zu orientieren. Natürlich erziehen sie den Nachwuchs auch und das ist manchmal auch grob (aus unserer Sicht), aber stets nachvollziehbar und angemessen. 

Aber es ist vor allem eines: Situativ - das heißt, der Hundevater oder die Hundemutter maßregelt in der Situation und nicht einfach nur, um klarzustellen, wer das Sagen hat. Danach ist wieder gut. Führungspersönlichkeiten haben es einfach nicht nötig, sich dazustellen. Sie werden aufgrund ihrer höheren Kompetenz anerkannt, nicht weil sie auf den Putz hauen. Das auf den Rücken-drehen, der Schnauzgriff oder das Herunterdrücken des Hundes durch seine Bezugsperson muß auf ihn geradezu lächerlich wirken, wenn es "einfach nur so" gemacht wird oder - schlimmer noch - aufgrund eines Verhaltens, das der Hund aus Unsicherheit oder Angst zeigt. Maßregelungen werden von den Elterntieren nur dann gezeigt, wenn der Welpe oder Junghund eine vorher gesetzte Grenze überschritten hat. 
hier zum Vergleich ein Schnauzgriff (fast ohne Körperkontakt!)
von dem Vater gegenüber der Tochter, die ihm Respekt zollt

Dies kann zum Beispiel das unerwünschte Unterschreiten der Individualdistanz des Elterntieres sein oder das unerlaubte Entfernen aus der Gruppe und ihrem Bewegungsradius. Um das zu verstehen und richtig umzusetzen, braucht es Beobachtungsgabe und das Erkennen von Verhalten, sowie Verständnis für Natürlichkeit. Darin liegt vielleicht auch die Antwort auf die Frage: Wie kann es sein?...wir sind so verkopft, so weit weg von Natürlichkeit, immer wollen wir alles verändern und beeinflussen, auf Teufel komm raus. Hunden werden sogar natürliche Beziehungsformen nicht mehr zugestanden, sie müssen sich auf unsere Vorstellung von Zusammenleben einlassen und sich dem anpassen. Wenn wir ihnen denn wenigstens eine Ersatzfamilie mit Ersatzeltern bieten würden, doch auch hier disqualifizieren wir uns, wenn wir alten Irrungen Glauben schenken und sie ungefiltert anwenden. Was wir dann verändern ist die Grundlage der Beziehung: Das Vertrauen schwindet, das Problemverhalten nicht.




Mittwoch, 19. Oktober 2016

Der Hund funkt SOS


Den Hund als hochsoziales Lebewesen in die menschliche Gesellschaft bzw. Familie zu integrieren, kann nur auf den Grundlagen des natürlichen Hundeverhaltens gelingen. Der Hund hat ein Recht dazu, soziale Anerkennung zu erfahren und sich mit seinen Kompetenzen einbringen zu können.

Jeder Hund ist, wie jeder Mensch auch, eine eigene Persönlichkeit. Jeder Hund hat eigene Stärken und Schwächen, Vorlieben und Abneigungen. Was man allerdings in der Tierhaltung im Allgemeinen und der Hundehaltung im Speziellen sieht, sind Hunde, die für den Zweck der Menschen angeschafft und gehalten werden. Der Mensch will etwas, der Hund muß es leisten. Verhalten wird uniformiert, alle machen das Gleiche nach dem gleichen Prinzip, egal ob Dackel oder Bernhardiner, egal ob alt oder jung.

Die Ansprüche, die der Mensch an den Hund hat, gehen weit darüber hinaus, was wir innerhalb unserer menschlichen Familie einem Partner oder Familienmitglied abverlangen würden. Der Hund soll funktionieren, für uns arbeiten, unsere Bedürfnisse erfüllen und sich dabei unauffällig und angepasst benehmen, wenn er in die Öffentlichkeit gebracht wird. Seine eigenen hündischen Bedürfnisse werden dabei nicht selten vollkommen außer Acht gelassen bzw. auf die Futtergabe reduziert. Dennoch behaupten nicht wenige Hundehalter, ihr Hund sei ein Familienmitglied.

Angebot ohne Nachfrage?


Nie hatten wir mehr Hundetrainer und Hundeschulen, nie war das Beschäftigungsangebot für den Hund so bunt und umfangreich. Nie hatten wir mehr Einblicke in die Psyche, das Denkvermögen und wissenschaftliche Erkenntnisse der Kynologie. Und nie hatten wir mehr ernsthafte Probleme mit dem Hund und der Hund mit sich.
Krankheiten, Allergien, Qualzuchten, Giftköder, aber auch Beißvorfälle und entlaufene Hunde sind nur einige Probleme.
Ein ganzes Netzwerk von Fachleuten kreist um die Tierart Hund. Tierärzte, Fachtierärzte mit Spezialisierungen auf einzelne Rassen, Ernährung oder Verhalten, technisch aufwändigste Diagnosegeräte, ein Fachwissen, das seinesgleichen sucht, Tierheilpraktiker, KommunikatorInnen, Hundeerziehungs-, Verhalten- und Ernährungsberater mehr oder weniger amtlich geprüft und zugelassen, eine Futtermittelindustrie, die boomt und Milliardenumsätze einfährt, Equipment vom Halti über Thundershirt bis hin zum ergonomisch geformten Hundebett, von der Bekleidung für Hunde einmal ganz abgesehen.
Nahrungsergänzungsmittel, Homöopathie, Bachblüten, Akupunktur und Naturheilkunde aber auch aufwändigste medizinische Therapien und Operationsmethoden sind erhältlich und möglich, wenn auch kaum bezahlbar. Dogwalker, Dogsitter und Hundetagesstätten und auch das Fernsehen hat das Medium Hund für sich entdeckt - Hundeflüsterer tun in 45 Minuten ihr Fachwissen kund, mit Erfolg oder auch nicht, unterhaltsam allemal.

 Hundeschulen übertreffen sich in dem Angebot ihrer Kurse: Von Dogdancing über Ziel-Objekt-Suche® bis hin zum Mantrailing, Anti-Jagd-Training oder Degility wird das Angebot nahezu unüberschaubar. Auch Schafe kann man "zum Spaß" (von wem?...) mit seinem Hund hüten, um den Border oder Aussie artgerecht auszulasten. Und wer einen Goldie hat, kann aus ihm einen Therapiehund oder Schulbesuchshund machen. Ausbildungen dazu gibt es auch jede Menge.
Wenn man will, kann man jeden Tag etwas Neues mit dem Hund machen, spazierengehen natürlich sowieso. Und in den Hundewald oder besser noch auf die Freilauffläche, damit der Hund auch seine Sozialkontakte zu Artgenossen pflegen kann. Damit er "in seiner Sprache mit seinesgleichen" die Kommunikation ausüben kann, auch wenn er das vielleicht gar nicht will.
An den Wochenenden kann der interessierte Hundefreund dann zusätzlich Intensivunterricht in Form von Seminaren buchen, dann gibt es ein bis zwei Tage geballe Ladung Fachwissen mit oder ohne Praxis für Spezialthemen und am Ende vielleicht sogar eine Prüfung einer der unzähligen Hundeführerscheine oder Begleithundeprüfungen. Wem das noch nicht reicht, der wird gleich selber Hundetrainer, auch dafür ist das Angebot inzwischen unüberschaubar und man könnte meinen, wir haben bald mehr Hundetrainer als Hunde.

Der Markt rund um den Hund ist bunt und wie ich finde - ver-rückt. Das Tier Hund geht unter in der Fülle der Angebote, er wird nahezu erdrückt auch von dem Druck, den die Umwelt auf den Hundehalter ausübt. Kauf man sich einen Hütehund, heißt es gleich: "Oh, den mußt Du aber kopfmäßig auslasten, der langweilt sich schnell!" und zieht der Terrier ein, hört man: "Der wird Dich ordentlich auf Trab halten." Entsprechendes gilt für andere Rassen und Typen.

Alles nur positiv?


Nie wurde positiver und freundlicher mit Hunden umgegangen. Stachelhalsbänder sind zu Recht tierschutzrelevant und harte Ausbildungsmethoden verpönt. In manchen Kreisen gilt jedwede Begrenzung des Hundes als fraglich, egal ob es die Leine am Halsband, die Hundebox als Rückzugsort oder ein einfaches "Nein!" ist. In dieser ach so blumigen, von Ideen und Innovation nur so strotzenden Hundwelt finde ich tatsächlich eine Menge von verhaltensauffälligen und problematischen Hunden im Alltag. Von den massiv zunehmenden "Zivilisations-" Krankheiten einmal ganz abgesehen.
Wie kann das sein?


Meine These: Wir sind auf dem Holzweg


Warum? Nun, weil wir immer noch Dressur und Training, Schule und Ausbildung, Lernen und Funktionieren, Belohnen und Bestärken im Kopf haben. Doch würden wir das mit einem Familienmitglied auch so tun? Ich hoffe nicht!

Kein Mensch käme auf die Idee, sein Kind zum Beispiel auf diese Art und Weise zu behandeln. Schlimm genug, daß an vielen Stellen in unserem Bildungs- und Arbeitssystem auf das Belohnungsprinzip zurückgegriffen wird. Viele Menschen üben dennoch einen Beruf aus, der ihnen Spaß bringt, wenn vielleicht auch nicht das große Geld.
Lehrer zum Beispiel bekommen ihr Gehalt, um den Kindern etwas beizubringen. Sie haben für die Kinder in der Regel keine so wichtige soziale Bedeutung wie zum Beispiel die Eltern oder Geschwister. Deutlicher wird dies noch, wenn man sich andere Geschäftsbeziehungen anschaut. Zum Beispiel beim Bäcker: Ich erwarte als Kunde eine gute Ware für mein Geld und der Bäcker erwartet echtes Geld für seine Ware. Ob ich nun der Kunde bin oder meine Nachbarin, ob mein Bäcker nun Müller oder Schulze heißt, ist für alle egal. Hauptsache der Deal klappt. Das nennt man eine sekundäre, eine Geschäftsbeziehung.
Davon gibt es viele in unserem Leben, in der Regel spielt der soziale Aspekt eine minimale Rolle. Man erwartet Leistung und ist bereit, dafür zu bezahlen. Keiner hat an den anderen eine soziale Erwartung und oft nicht einmal Interesse. Hat der Kunde gezahlt, ist die Ware geliefert, ist die Angelegenheit erledigt.

Primäre Beziehung


In familiären Umfeld sieht das Ganze schon anders aus. Hier geht es nicht um Geld, hier geht es um die Person an sich. Der Charakter, seine Individualität ist wichtig. Dieser Mensch ist nicht einfach austauschbar gegen einen anderen, der die gleiche Leistung erbringen oder das gleiche Geld bezahlen könnte wie in einer Geschäftsbeziehung.

Jeder kennt die Situation, wenn aus einem Kunden ein Freund wird: Vorher Geschäftspartner, nun Sozialpartner. Man mag ihm nun plötzlich kein Geld mehr abnehmen für eine Leistung, die man erbracht hat. Zumindest fühlt es sich komisch an und umgekehrt heißt es: "Beim Geld hört die Freundschaft auf!"

Menschen sind auch nur soziale Tiere


Freunde, Partner und Familienmitglieder zeichnen sich vor allem dadurch aus, daß man sie und ihre Eigenheiten gut kennt. Man ist aber auch vertraut miteinander, kennt Schwächen und Stärken. Man kann sich auf den anderen verlassen und zusammen ist man stark für Herausforderungen oder gemeinsame Ziele. Man ist bereit, für den anderen einzutreten, auch wenn es keinen mittelbaren Vorteil für einen selber verspricht. In Studien hat man übrigens herausgefunden, daß auch Ratten und Wölfe füreinander eintreten, ja vielleicht sogar der einzelne selber einen Nachteil in Kauf nimmt, um dem anderen einen Vorteil zu verschaffen (aber nur in sozialer Verbundenheit!). Geht es allerdings darum, ein Ziel nur gemeinsam erreichen zu können und arbeitet der Partner nicht mit, wird dies vom anderen gemaßregelt und abgestraft. (Studien Inbal Ben-Ami Batal Uni Chicago 2011 und Sarah Marshall-Pescini Uni Mailand 2012)

Gegeneinander in freundschaftlichen Beziehungen aufzurechnen, gehört sich nicht und ist nicht umsonst Gift für die Beziehung. Es geht um die Sache an sich und nicht um das Übervorteilen des anderen. Wir nehmen Einiges in Kauf, um dem anderen aus der Patsche zu helfen und erwarten keine Gegenleistung dafür. Jeder für jeden, einer für alle, alle für einen. Das ist das Prinzip der Partnerschaft bzw. familiären Gruppenbildung und die Basis für primäre Beziehungen.


Was der Hund braucht:


Bei Hunden ist das nicht anders (s.o.). Mehr noch: Das Prinzip der Geschäftsbeziehung spielt für ihre soziale Gruppe keine Rolle. Man könnte meinen, sie sind gar nicht in der Lage, ein solches Konstrukt als Bindungsform einzugehen.Vielleicht tun sie es auch gar nicht und wir denken nur, wir hätten zum Hund eine Bindung bzw. Beziehung...

Die natürliche Gruppenstruktur des Hundes entspricht der menschlichen Familie. Man ist ein Clan, bestehend aus Mutter und Vater sowie den Kindern aus zwei bis drei Jahrgängen. Hunde sind also von vorneherein auf die primäre Beziehung fokussiert. Sie haben eine entsprechende Erwartung, wenn sie (zwangsweise) in eine neue Gruppe kommen, weil der Mensch den Hund aus seiner bisherigen entnimmt. Hunde untereinander schließen sich zusammen, weil sie in die Zukunft planen und nicht, weil die 1-Sekunden-Regel einen mittelbaren Vorteil verspricht. Hunde untereinander verfahren nicht nach Lerntheorien, sie belohnen sich weder mit Leckerchen noch mit Spiel oder anderen externen Motivationen.  Hunde leben und kommunizieren äußerst fein miteinander, weil es für alle Beteiligten von Vorteil ist, nicht alleine zu sein. Der andere bringt Kompetenz mit, die man selber vielleicht nicht hat. Hunde sind intrinsisch motiviert, aus sich selbst heraus, nicht alleine zu sein. Ein Armutszeugnis, wer dafür externe Motivation benötigt.

Was der Hund bekommt:


Nun kommt der Hund  in die menschliche Familie und wird nach dem positiven Verstärkungsprinzip "ausgebildet", "trainiert" oder "dressiert". Der Hund lernt nun die Geschäftsbeziehung kennen. Denn das, was da passiert, ist der Erwarten einer Leistung (= Befehl, Kommando) und die Bereitschaft des Menschen dafür zu bezahlen, zu entlohnen. Wir nennen das dann Motivation und Belohnung nach den klassischen Lerntheorien - Konditionierung. Offiziell heißt es, dies sei das Einzige, was wissenschaftlich gesichert ist und schließlich auch funktioniert. Bei Tauben, Hühnern, Zootieren und Hunden, unseren Sozialpartnern...
Mag sein, daß es funktioniert, das will ich hier auch gar nicht in Abrede stellen. Die Lerntheorien sind - abgesehen davon, daß es Theorien sind, sicher auch heute noch gültig. Doch wenn man sich vor Augen hält, welche wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse wir heute, knapp hundert Jahre nach den ersten lerntheoretischen Ergebnissen im Bereich der Kognitionsforschung und Neurobiologie haben, dann wird klar, daß die Lerntheorien nur einen Bruchteil von Verhalten erklären können. Es funktioniert, aber es ist und bleibt ein künstlicher Umgang mit dem Hund. Im Zirkus sind Kunststücke mit Wildtieren verpönt, doch sollte man darüber nachdenken, was wir unseren Hunden zumuten oder in Fernsehshows zum Superstar küren - haben wir das Recht, nur weil es "funktioniert"?

Der Hund verliert in seiner neuen Familie also zunehmend mehr die primäre Beziehung zu den nun menschlichen Ersatz-Familienmitgliedern und damit die Hoffnung auf eine "normale" Gruppe, die fortführt, was die bisherige bzw. die Hundemutter begonnen hatte. Die Qualitäten der Beziehungen sind nur noch zu Artgenossen natürlich: Man spricht eine Sprache und versteht sich - im positiven wie negativen.


Warum schließen sich Hunde an?


Hunde agieren miteinander nicht nach den Lerntheorien. Hunde entscheiden, ob sie sich zusammenschließen nach der Frage: "Ist es von Vorteil, in dieser Situation nicht alleine zu sein?"
Vorteile sind immer dann gegeben, wenn die Bedürfnisse des Hundes zu mehreren besser zu befriedigen sind als alleine. Welches sind die Bedürfnisse des Hundes?
Das Sicherheitsbedürfnis für die eigenen Individualdistanz, der Jagdinstinkt zum Nahrungserwerb, der Territorialinstinkt und die Ressourcenwahrung für die potentielle Jungenaufzucht und das Überleben, der Sexualinstinkt zur Fortpflanzung und das Bedürfnis nach Sozialkontakt für soziale Interaktionen und Integration.

Wenn also der Zusammenschluß mit einem Artgenossen einen Vorteil im Erfüllen mindestens eines der Bedürfnisse hat, ergibt sich daraus, daß der Hund genau danach seine Entscheidung trifft. Sieht der Hund auch nur eines seiner Bedürfnisse in der Befriedigung gefährdet, wird er sich gegen den Artgenossen (oder Menschen) wenden und möglicherweise aggressiv verteidigend reagieren. So erklärt sich manche (unerwartete) (Artgenossen)-Problematik.


Zusammenleben mit dem Mensch - der Hund hat keine Wahl


Biete ich dem Hund nun eine menschliche Familie als neues soziales Umfeld, hat der Hund ja keine Wahl, er kann nicht gehen.
Er erwartet, oder besser: er erhofft von seiner neuen Gruppe Vorteile für seine eigene Bedürfnisbefriedigung und ist im Gegenzug bereit, sich auch im Vorteil der anderen einzubringen - wenn es denn um eine primäre natürliche Beziehung geht.
Die Bedürfnisbefriedigung ist aber nur möglich - und das ist der Sinn von Gruppen - wenn jedes einzelne Gruppenmitglied eine bestimmte Kompetenz zum Vorteil der gesamten Gruppe und damit für jeden einzelnen mit einbringt. Das Prinzip lautet: "Einer für alle, alle für einen - gemeinsam sind wir stark!" Jede Gruppe ist nur so gut wie die einzelnen Mitglieder kompetent.
Für die Beziehung mit Menschen würde dies bedeuten: Der Hund bringt seine Kompetenz mit ein und der Mensch bietet seine Fähigkeiten für ein gemeinsames Ganzes.

Und genau an diesem Punkt passiert üblicherweise exakt das Gegenteil: Der Hund wird in eine Geschäftsbeziehung gedrängt. Er erlebt den Menschen als inkompetent, was hundliche Belange angeht. Der Mensch ist nicht wichtig für die Gruppe, er hilft dem Hund nicht seine Bedürfnisse zu stillen, stattdessen hindert ihn der Mensch daran und erpresst über Vorenthalten von elementaren Grundlagen. Bedürfnisbefriedigung (schnuppern, fressen, kuscheln) wird vom Menschen vorenthalten, weil der Hund nicht korrekt leistet, das nenne ich Erpressung.
Und das hat Konsequenzen: In einer Geschäftsbeziehung erhält der Hund keine Möglichkeit, seine eigene Kompetenz, seine Stärken für die Gruppe einzubringen. Diese werden in der Regel vom Menschen nicht erkannt und spielen auch für das gewünschte Zielverhalten keine Rolle. Der Mensch hat etwa im Kopf, das der Hund tun soll. Egal welche Qualitäten der Hund hat, er wird entpersonifiziert.

Integration in die Gruppe durch Akzeptanz der Persönlichkeit


Kein Mensch würde dies mit seinem Kind tun. Erkenne ich eine besondere Vorliebe oder Fähigkeit bei meinem Kind, dann fördere ich es ohne Druck. Es darf sich entwickeln und mit seinen Kompetenzen in die Gruppe (Familie, Schule, Kindergarten, Sportverein etc.) einbringen. Wenn es ihm hilft, seine Persönlichkeit zu stärken, in bestimmten Situationen zum Beispiel sicherer zu werden, dann kann ich es als Mutter oder Vater auch unterstützen, seine Schwächen zu überwinden. Doch elementar ist, zu schauen, welche Kompetenz jeder einzelne mitbringt. Es geht um gemeinsame Ziele zum Vorteil jedes Einzelnen und jeder bringt sich mit ein und wird wertgeschätzt. Das ist übrigens der Unterschied zwischen Lohn und Lob: Lohn ist Bezahlung, Lob ist soziale Anerkennung. Ich nenne das "soziale Integration".

Auch Hunde sind kompetent


Welche Kompetenzen sind das denn für den Hund? Nun, wir Menschen bringen  jede Menge Kompetenzen mit, von denen der Hund keine Ahnung hat. Er sieht in ihnen keinen Sinn. Mein Hund wird nicht verstehen können, warum ich mit meinen Fingern gerade auf die Tasten haue (übrigens ganz intrinsisch motiviert, denn ich erhalte kein Geld für diesen Blog ;-) ). Er wird auch nicht wissen, daß ich diesen Text gerade schreibe. Viele unserer Kompetenzen haben für Hunde keine Bedeutung. Also müssen wir uns Gedanken darüber machen, welche Kompetenzen für den Hund wichtig sind.



Was ist wichtig aus der Sicht des Hundes?


Oben habe ich es bereits ausgeführt: Es sind Kompetenzen, die die Bedürfnisse des Hundes befriedigen: Sicherheit, Territorium, Jagd, Fortpflanzung und soziale Integration. Hier liegt eine Riesenchance für Hundehalter vergraben, wichtige Kompetenz zeigen zu können: Wenn der Mensch für Sicherheit zum Beispiel sorgen kann, ist dies eine wichtige, wenn nicht gar die wichtigste überhaupt. In der Regel überlässt der Hund dem Menschen gerne diese Aufgabe, nur wenige Hunde sind dazu wirklich kompetent (in der Regel Herdenschutzhunde). Schafft der Mensch es nicht, den Hund von seiner Kompetenz zu überzeugen, oder schlimmer: Der Mensch verhindert er es geradezu, indem er den Hund  ständig in problematische Situationen bringt, dann übernimmt der Hund diese Aufgabe: Er sorgt für Sicherheit bei allen möglichen, vor allem aber bei bedrohlichen Reizen. Das nennt man dann unangepasstes Verhalten in der Öffentlichkeit oder gegenüber Artgenossen: Aggression als angebliche Verhaltensstörung.


Zeigt der Mensch seine Kompetenz nicht, hat das Folgen:


Der Hund stellt in der Regel irgendwann fest, daß der Mensch offenbar gar keine Kompetenz hat. Er interessiert sich für nichts, was für den Hund wichtig ist. Solche Hunde sind an den Menschen "gebunden", weil sie keine Wahl haben. Eigentlich würden sie gehen und sich kompetentere Gruppenmitglieder suchen. Erkennbar ist dies daran, daß sie sich wenig bis gar nicht am Menschen orientieren, häufig im großen Radius unterwegs sind und in Hundegruppen "aufleben" und scheinbar dringend Sozialkontakte brauchen. Welch verpasste Chance für den Menschen!


Kompetenz zeigen als Basis der Beziehung - ein Beispiel


Wie genau kann das nun bei der sozialen Integration aussehen? Im optimalen Fall übernimmt der Mensch von Anfang an die Aufgabe, um beim oben genannten Beispiel zu bleiben, für Sicherheit zu sorgen. Dies können Maßnahmen im Management wie Begrenzungen des Hundes aber auch ein ensprechendes Verhalten im Umgang mit Reizen sein. Alles ist Kommunikation, also hat alles eine Aussage und so ist es auch: Der Hund beobachtet den Menschen und zieht seine Schlüsse daraus: Ist der Mensch kompetent oder nicht, bringt es einen Vorteil, mit ihm zusammen zu sein? Gelingt es dem Menschen, in möglichst vielen Bereichen der Hundebedürfnisse kompetent zu sein, dann wirkt sich dies automatisch auf die Beziehungsqualtität und damit Orientierung des Hundes am Menschen aus. Gelingt es weiterhin, den Hund nun mit seinen individuellen Qualitäten ebenfalls zu integrieren, ihn also zeigen zu lassen, was er gut kann, dann erfährt der Hund eine Akzeptanz seiner Persönlichkeit und wird wertgeschätzt. Das ist mit Geld (oder Leckerchen) gar nicht zu bezahlen... Er erfährt sich als ein wichtiges Mitglied der Gruppe. Noch ein Grund weniger, sich eine neue zu suchen.


Individuelle Entscheidungen je nach Hundepersönlichkeit


Allerdings sollte der Hundebesitzer bei der Förderung des Talentes darauf achten, ob dieses auch wirklich zum Vorteil des Hundes ist. So sind z.B. viele Hütehunde und auch Terrier besonders talentiert, auf Bewegungsreize ohne Impulskontrolle durchzustarten. Doch was das mit dem Hund macht, kann jeder sehen: er dreht hoch und ist kaum mehr zur Ruhe zu bekommen. Dies ist zwar ein rassetypisches Talent, läuft aber bei vielen Hunden in die falsche Richtung und sollte nicht gefördert werden.

Doch jeder Hund hat etwas, das er besonders gut kann. Meistens wird man im Bereich des Jagdverhaltens fündig: Der eine kann besonders gut vorstehen, der andere anschleichen und der nächste ausbuddeln. Hunde lieben es, das zu tun, was sie gut können. Uns geht es ja genauso. Die Kunst und Aufgabe bsteht darin, die Vorliebe, das Talent zu erkennen und entsprechend zu fördern ohne zu fordern. Habe ich zum Beispiel einen Hund, der gerne apportiert oder etwas trägt, dann kann ich ihm Aktivitäten anbieten, bei denen er Dinge tragen darf, die für uns beide oder einen von uns wichtig sind: Autoschlüssel, Hausschuhe, Wäscheklammern oder Sonstiges. Durch Vorbildverhalten des Menschen lernt der Hund, wie er beim Aufräumen oder Waschmaschine füllen, helfen kann. Die Begeisterung des Menschen wird als "Lob" empfunden (und ist ja auch so gemeint) und nicht als "Belohnung". Der Hund wird sozial integriert und nicht für sein Zielverhalten bezahlt.


Soziale Integration hat psychische Auswirkungen


Auch neurobiologisch sorgt soziale Anerkennung für die Ausschüttung spezifischer Neurotransmitter und beeinflusst damit ebenfalls die Emotionen des Hundes. Bei soziopositiven Interaktionen wird vor allem Oxytocin ausgeschüttet, man nennt es auch das Bindungs- und Wohlfühlhormon. Es wird außerdem stressmindernd. Hingegen werden bei Aktivitäen mit vorzugsweiser positiver und negativer Verstärkung bzw. Bestrafung überwiegend Stresshormone wie Adrenalin und Dopamin ausgeschüttet. Dopamin ist im Übrigen das Hormon, welches das Suchtzentrum im Gehirn aktiviert...


Frühe Erfahrungen sind grundlegend


In jungen Jahren des Hundes führen die jeweiligen Hormon- und Neurotransmitter-Zusammensetzungen für die Ausbahnung von Nervenzellstrukturen im Gehirn. Manche "Spuren" werden stärker, andere bilden sich zurück oder verschwinden ganz. Der Hundebesitzer beeinflusst also durch seinen Umgang mit dem Hund, ob dieser sich zu einem seiner Art entsprechend intelligenten oder verdummten Tier entwickelt und welche Spuren verkümmern.


Manche Hunde sind hochverzweifelt


Viele Hunde, die ich sehe, versuchen bis an ihr Lebensende verzweifelt in Kontakt mit ihrem Menschen zu treten. Sie tun dies auf vielerlei Art: Manche bellen, andere beißen in die Leine oder springen ihren Menschen an, um nur einige Verhaltensweisen zu nennen. Immer aber handelt es sich um Verhalten, das der Mensch nicht haben will. Nun versucht man nach dem Strafprinzip, meist mit "anonymen Strafen", bei denen der Hund nicht weiß, wer sie auslöst, das Verhalten abzustellen. Damit negiert man die kommunikative Aussage des Hundes. Der soziale Graben wird tiefer, die unbekannte Bedrohung durch den Strafreiz erhöht. So werden die Missverständnisse zwischen Mensch und Hund immer größer, der Hund verzweifelt und bleibt unverstanden.
Meistens sind Hunde, die in einer Geschäftsbeziehung mit ihrem Menschen leben, solche, die nicht primär integriert wurden. Es sind Hunde, denen man Verhalten abverlangt, welches sie ohne Erpressung durch Futter oder Entzug von Zuwendung, nicht zeigen würden.
Mit ihnen findet eine fantastische Wandlung statt, wenn sie realisieren, daß ihr Mensch plötzlich ihre Sprache spricht - man versteht sich auf ein Mal, es sind Veränderungen möglich: Der Hund schließt sich freiwillig dem Menschen an, orientiert sich an ihm und kann sein Verhalten ändern. Der Mensch benötigt keine externen Verstärker oder Motivationen mehr. Für den Hund gibt es nichts Wichtigeres als mit seinem Menschen zusammen zu sein. Gemeinsam statt gemeinsam einsam. Alles was dann kommt, ist ein Geschenk.

Ängstigende Situationen sind nicht mehr unüberwindbar, gemeinsame Ziele lassen den Hund entsprannen und offen werden für andere, weniger ernsthafte Aktivitäten. Man kann wieder albern sein und ausgelassen spielen. Auch Diskussionen werden überflüssig. Es sind keine Übungen oder Training mehr nötig, man kommuniziert, versteht einander und erlebt gemeinsam. Zusammen schafft man alles.

Die Arbeit mit Problemhunden ist primär eine Beziehungsarbeit. Dies sollte wörtlich genommen werden, denn es hilft nicht, nur irgendeine Beziehung zum Hund zu haben. Die Qualität der Beziehung ist ausschlaggebend. Ansonsten doktert man an den Symptomen herum und operiert im Zweifel das falsche Bein.

Ich wünsche mir für alle Hunde dieser Welt eine Akzeptanz ihrer hündischen Bedürfnisse und die Erfüllung derselben mit Unterstützung des Hundehalters:
Soziale Integration für das hochsoziale und überaus intelligente sowie unglaublich interessante Tier Hund durch einen natürlich Umgang.



Freitag, 7. Oktober 2016

Wenn Du denkst, Du denkst, dann denkst Du nur, Du denkst...


"Das macht er sonst nie!", "Der will nur spielen!", "Das meint er nicht so...!", "Das darf er ja auch, ist ja sein (Ball, Futter, Platz, Garten, Haus...)!", "Der ist so klein!", "Der ist so jung!" "Der kann nicht anders, es ist ein...(Labbi, Terrier, Hütehund...)!"

Wer kennt sie nicht? Erklärungsversuche, Rechtfertigungen oder besser: Ausreden. Warum ist das so? Warum sehen wir die Dinge gerne anders als sie wirklich sind?


Wir denken in Kategorien


Nun, das Säugetiergehirn, also auch das des Menschen, ist darauf ausgelegt, alles was es wahrnimmt in Kategorien zu packen. Das erleichtert die Bewertung ungemein. Es gibt für alles eine Schublade und jede Kategorie verfügt über einen eigenen Erfahrungsschatz zur Einschätzung und Beurteilung einer Situation. Wir sind also geneigt, jede Situation zunächst in eine Kategorie einzusortieren. So sehen wir die Dinge mit unseren eigenen Augen und gehen mit jeder kommenden Situation nicht mehr unvoreingenommen um.
Was das Hundeverhalten betrifft, haben wir die Kategorien schon geschaffen, bevor der Hund überhaupt zu uns kommt.


Hunde sind freundlich


Wir gehen von vornherein davon aus, daß Hunde in der Regel niedlich sind, gerne spielen und Leckerchen mögen. Hunde untereinander sind friedlich gestimmt, "wollen Hallo sagen" und gerne miteinander toben. Wenn für einen Hund Zwangsmaßnahmen eingesetzt werden, dann heißen sie "Mauli" oder "Halti". Beschäftigt man sich mit dem Hund ist es mit einem "Spieli" und fressen tun sie "Leckerchen" oder "Kekse". Unser Vokabular macht schon klar, welche grundsätzliche Sichtweise wir in Bezug auf den Hund haben: Wir nehmen ihn nicht ernst. Er ist für uns ein Wesen, das immer fröhlich sein soll, verspielt, ewig jugendlich albern und ohne jede ernste Absicht.


Hunde sind anders


Wenn es dann doch dazu kommt, daß der Hund ungewöhnlich - nicht in diese Kategorien passend - reagiert, dann kommen Ausreden. Redet man sich raus, setzt man sich nicht mit der Situation auseinander, sondern verbleibt in seiner Kategorie. Ist ja auch bequem darin, das gibt ein sicheres Gefühl, man kennt sich aus. Wir halten diese neue Situation für eine Ausnahme und gehen zur Tagesordnung über - bis zum nächsten Mal. Dann erschrecken wir uns wieder und finden die nächste Ausrede. Bis irgendwann eine Situation passiert, wo es keine Ausrede mehr gibt. Das kann dann so aussehen, daß Besucher das Haus nicht mehr betreten können, andere Tiere bedroht werden oder Kinder in Gefahr geraten.


Plötzlich und unerwartet?


Dies hat sich in der Regel lange vorher angekündigt, doch der Besitzer hat die Alarmglocken nicht gehört. Das ist die eigentliche Gefahr, wenn wir in Kategorien denken. Wir sehen und hören nicht mehr hin. Wir nehmen das warnende Knurren nicht ernst, sondern denken: "Solange er knurrt, beißt er nicht zu." Wir gestehen dem Hund ernsthafte Absichten nicht zu, weil wir seine wahre Natur nicht sehen wollen oder aus Unkenntnis nicht Bescheid wissen. Wir haben nur wenig Ahnung davon, was ein Hund eigentlich ist: Ein hochsozialer Beutegreifer mit territorialer Verteidigungsbereitschaft. Wir wollen ihn sehen als Plüschtier, Familienmitglied und Kinderersatz; als ein Lebewesen, daß sich uns anzupassen hat, wobei wir nicht bereit sind, dafür etwas zu tun.


Hundeerziehung oder hündische Erziehung?



Der (junge) Hund muß nicht "Sitz!, Platz! und Fuss!" lernen. Der Hund sollte eine soziale Integration erfahren, wie es auch in seiner hündischen Familie passieren würde: Mit Regeln und Akzeptanz seiner Natur: Keine Hundeerziehung sondern eine hündische Erziehung mit klaren Regeln, Grenzen und Konsequenzen. Kommt der Hund in seine menschliche Familie, sollte man fortführen, was die hündische Familie begonnen hat: Grenzen setzen statt grenzenlose Freiheit, Regeln einhalten statt unkontrollierte Selbständigkeit, Zusammenarbeit und soziale Integration statt Unabhängigkeit. Dann orientiert sich der Hund am Mensch auch ohne, daß sich dieser ein Leckerchen an die Stirn hält. Wenn wir uns von den Kategorien trennen, bereit sind, neue Schubladen zu öffnen und davon ausgehen, daß alles, was der Hund tut, auch eine kommunikative Bedeutung hat, öffnen wir uns schon für neue Erkenntnisse, die uns sonst verborgen bleiben.

Donnerstag, 4. August 2016

Wenn Dein Hund Autofahren zum Kotzen findet...

 Es ist ein weit verbreitetes Problem. Der Hund mag nicht Auto fahren. Entweder wird ihm so schlecht, daß er sich übergeben muß oder aber er hechelt, ist unruhig, fiept vielleicht und schließlich meidet er die Nähe des Fahrzeugs und weigert sich, einzusteigen.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, damit umzugehen, manchmal bleibt die Problematik trotz Medikamenten oder Naturheilkunde bestehen. Jede noch so kleine Strecke wird zur Tortour für Hund und HalterIn. Die Nerven liegen auf beiden Seiten blank und zuletzt wird entschieden, daß der Hund daheim bleiben muß oder in die Pension geht, wenn man in den Urlaub fährt. Aus dem Traum vom Begleiter Hund, der überall dabei sein kann, wird der Alptraum: Wohin mit dem Hund, wenn man mobil sein will? Die Lebensqualität wird stark eingeschränkt, wenn man einen Hund hat, der Autofahren zum Kotzen findet. 
Die Tiermedizin lockt mit diversen sogenannten Antiemetika, Reisetabletten für den Hund, die gegen Übelkeit wirken sollen. Kann klappen, muß aber nicht. Was tun?

WENN DAS AUTO ZUM PROBLEM FÜR DEN HUND WIRD:

Symptome: 
- Speicheln, Hecheln, Sabbern, Schmatzen, erhöhter Puls, ängstlicher Blick, Unruhe, Lautäußerungen wie Jaulen oder Winseln, Erbrechen. In schwerwiegenden Fällen schon beim Anblick bzw. Annäherung ans Auto

Diagnose 1: Übelkeit und Reisekrankheit

Ätiologie:
- Irritation bzw. Störung des Gleichgewichtssinn evtl. durch Erkrankungen des Innenohres
- Der Gleichgewichtssinn ist bei Jungtieren noch nicht voll ausgereift. Dies kann Reiseübelkeit hervorrufen, die möglicherweise nach einiger Zeit von selber verschwindet, meist im Alter von ca. 12 Monaten.

Therapie:
- Antiemetika vom Tierarzt
- Bachblüten
- Naturheilkunde
- Pflanzenextrakte wie z.B. Ingwer
- Akupunktur
- Akupressur
- Verändern der Reiseposition: Im Kofferraum ist es häufig sehr laut, schlecht belüftet und schlecht gefedert (viele Vibrationen), manchmal reicht es schon, den Hund auf der Rücksitzbank oder im Fußraum unterzubringen.

Doch nicht jede Problematik mit dem Autofahren ist automatisch auf Übelkeit oder Reisekrankheit zurückzuführen. Folgende "Differentialdiagnosen" sollten unbedingt berücksichtigt werden. Vor allem, wenn z.B. Antiemetika vom Tierarzt nicht helfen, sollte an andere Ursachen gedacht werden:

Diagnose 2: Fehlverknüpfung
 - Wird der Hund zu einem Zeitpunkt transportiert, als es ihm zum Beispiel durch einen Magen-Darm-Infekt schlecht geht, kann es zu einer Fehlverknüpfung der Übelkeit mit dem Auto kommen. Nachfolgend meidet der Hund das Auto, da er erwartet, daß ihm wieder übel wird.

Therapie:
- Desensibilisierung

Diagnose 3: Aufregung
 - Wird der Hund in der Regel mit dem Auto zu aufregenden Aktivitäten gefahren, kann sich der Hund derart in eine Erwartungshaltung hineinsteigern, daß ihm übel wird

Therapie:
- Fahrten nur noch zu Orten, an denen nichts für bzw. mit dem Hund geschieht.
- Durchbrechen der Erwartungshaltung
- Überlegen, ob die Aktivitäten wirklich zum Vorteil des Hundes sind, wenn sie ihn im Vorfeld schon so sehr aufregen

Diagnose 4: Dehydrierung
 - Gehört zum Symptombild vor allem Sabbern und Speicheln und schluckt der Hund den Speichel nicht ab (was die Übelkeit verstärken würde), dann verliert der Hund durch das Hecheln und Speicheln sehr schnell sehr viel Flüssigkeit. Diese Dehydrierung belastet den Kreislauf stark, was wiederum die Übelkeit verstärkt

Therapie:
- Mindestens jede Stunde eine Pause einlegen und erst weiterfahren, wenn der Hund getrunken hat. Zur Not das Wasser mit Brühe attraktiver machen.

Diagnose 5: Angst
 - Hat der Hund mit dem Auto oder dem Fahren schlechte Erfahrungen gemacht, wird er das Auto meiden. Dazu zählen zum Beispiel Unfälle aber auch Schimpfen oder Stress vom Besitzer können ausreichen, einen sensiblen Hund zu verunsichern und ihn zu ängstigen

Therapie:
- Desensibilisierung

Diagnose 6: Unsicherheit
- Manche Hunde können nicht loslassen, schaffen es nicht, sich der Bewegung des Autos anzupassen. Oder der Hund hat eine schlechte Erfahrung im Auto gemacht als möglicherweise die nicht gesicherte Box in einer Kurve oder anderen Situation im Fahrzeug verrutscht ist. Für diese Hunde bedeutet jede Bewegung des Fahrzeugs ein Balanceakt. Sie versuchen alles auszugleichen, wollen auf keinen Fall liegen. Die Daueranspannung der Muskulatur ermüdet extrem und strengt so an, daß die Hunde hochfrequent hecheln.

Therapie: 
- Der Hund muß langsam an die Bewegungen des Fahrzeugs gewöhnt werden.
- Möglicherweise ist die Unterbringung in einer engen Hundebox mit großzügiger Auspolsterung eine gute Wahl. Die Box darf jedoch auf gar keinen Fall rutschen oder sich selbständig bewegen
- Alternativ reisen solche Hunde auf dem Schoß eines Mitfahrers, der den Hund stabilisiert und fest hält. Natürlich muß der Hund mit einem Sicherheitsgeschirr und Gurt fixiert und gesichert werden.

Diagnose 7: Augentinnitus
- Manche Hunde können die Licht- und Bildeffekte im Nahbereich beim Autofahren nicht verarbeiten. Das Nervensystem ist mit vielen schnellen Bildern möglicherweise überfordert. Dies betrifft vor allem Hunde mit langen Nasen, da diese in der Regel weitsichtig sind.

Therapie:
- Sichtmöglichkeiten nehmen durch Abhängen der Fensterscheiben oder der Box

Diagnose 8: Geräusche
- Reifen- oder Windgeräusche machen dem Hund Angst

Therapie:
- Desensibilisierung

 Alle diese Maßnahmen sind möglichst unter fachkundiger Anleitung durchzuführen. Wenn der Hund das Autofahren zum Kotzen findet, ist es wichtig, herauszufinden, warum. Nur so kann man eine erfolgversprechende Therapie des Problems finden. Besonders wichtig ist, solange man sich mit dem Hund in der Therapiephase befindet, sollte es keine Situation mehr geben, in der ihm übel wird. Ansonsten könnte es den Erfolg der Therapie gefährden. Jedes weitere Mal macht die ganze Angelegenheit problematischer.
In diesem Sinne wünsche ich allen Mensch-Hund Teams allzeit gute Fahrt und hoffe sehr, mit dieser Übersicht einigen Hunden helfen zu können, damit sie zukünftig die Fahrten mit ihren Besitzern wieder entspannt genießen können.

 

Donnerstag, 28. Juli 2016

Was man sich so zu sagen hat...Hundekontakt menschlich gesehen

Jomo trifft Ronja. Jomo, ein kastrierter erwachsener 7 Jahre alter und ernsthafter Hund mit gewisser Veranlagung zur territorialen Sicherheitsveranwortung trifft auf die optisch bereits bekannte aber noch nicht wirklich kennengelernte 2-jährige unkastrierte Hündin Ronja. 
 Was nun folgt, sind Beobachtungen und meine eigene Interpretation (der man nicht folgen muss).
 Die Hunde trafen bei Jomo zuhause auf der spärlich eingezäunten Freifläche aufeinander. Ronja ist diese Fläche bekannt, Jomo zählt sie zu seinem Territorium. Zunächst begeben sich beide Frauchen mit den Hunden in einigem Abstand zueinander auf die Fläche und setzen sich gegenüber hin. Die Hunde legen sich alsbald nieder, allerdings durchaus einander zugeneigt und mit Interesse aneinander. Als bei beiden Hunden die Erwartungsanspannung deutlich nachlässt, lösen die Besitzerinnen unaufgeregt die Leinen von den Halsbändern und erlauben ohne viel Akzentuierung beiden Hunden, sich zu entfernen. Jomo läuft zu Ronja, kreuzt kurz vor ihr und beginnt Runden zu drehen, um für Ronja den Hasen zu machen. Nach ein paar Runden, in denen er feststellt, daß Ronja seiner Geschwindigkeit offenbar nicht gewachsen ist und sie frustriert zu bellen beginnt, hört Jomo auf zu rennen und trabt außen am Zaun entlang: Rute hoch, federnden Schrittes sucht er gezielt strategische günstige Stellen auf, um zu markieren. Ronja folgt ihm und schnuppert hinter seinen Markierungen her. Leider schafft seine Blase nur die halbe Runde, so läuft er eine zweite und markiert auf der zweiten Hälfte nochmals dreifach an den noch nicht markierten Stellen. So zeigt er Ronja, daß er durchaus Qualitäten als Sicherheitsbeamter anzubieten hat, da er sich als erwachsener ernsthafter und territorialer Hund mit hündischen Bedürfnissen sehr gut auskennt: Safety first! So könnte er, sollte es zu einer Eheschließung kommen, durchaus seine Familie samt Nachwuchs gegen Feinde verteidigen und im Territorium für Sicherheit sorgen. Diese Botschaft ist an Ronja gerichtet, die dafür allerdings nicht viel übrig hat. Sie trabt hinter Jomo her, scheint aber nicht wirklich zu wissen, wie wichtig dieser Job ist. Vermutlich ist sie dafür noch zu jung.
 Als nächstes erklärt ihr Jomo, daß man nun, da alles gesichert ist, auch jagdlich etwas unternehmen könnte: Er setzt sich hinter den Treibball, der auf der Fläche liegt und wirft erst Ronja und dann mir einen Blick zu. Ronja kennt noch keinen Treibball und weiß damit auch nichts anzufangen, womit Jomo allerdings nicht rechnen kann, denn in seiner Welt sind Hunde durchaus jagdlich aktiv und das auch mit großen Bällen. Er fragt also auch mich, ob ich mir vorstellen könnte, jetzt jagdlich aktiv zu sein, um das zweite große Grundbedürfnis des Hundes zu stillen: Jagen und Nahrungsaufnahme.
 Ich gehe auf diesen Vorschlag nicht ein, denn ich möchte wissen, wie die Geschichte nun weitergeht. Daraufhin verlässt Jomo den Platz hinter dem Treibball und macht eine Spielaufforderung Richtung Ronja. Er lässt sich nochmal eine Runde von ihr jagen, um festzustellen, daß sie immer noch zu langsam für ihn ist. Er verliert die Lust und erklärt mir, daß er Ronja zwar ganz nett findet, aber sie offenbar doch nicht die richtige Partnerin für ihn sei. Wir verlassen in Ruhe mit beiden Hunden die Fläche. Beide laufen entspannt und an lockerer Leine neben uns her in einer Reihe.
 Ich bin mir sicher, Ronja und Jomo sind und bleiben gute Freunde - mehr aber auch nicht. Und für alle, die diese Interpretation für übertrieben vermenschlicht halten: Ich bin mir sicher, würde man diesen Ablauf des Treffens so nicht interpretieren, würde man den Moment verpassen, das Treffen zu beenden. Dies würde möglicherweise dazu führen, daß Jomo es hätte beenden müssen und wäre vermultich der Moment, von dem es dann später heißt: Plötzlich ist es gekippt und beide haben sich in die Haare bekommen. Ganz sicher aber hätte es auch etwas mit der Beziehung zu mir und zukünftigen Sozialkontakten zu Argenossen gemacht: Sollte man die Zeichen und Kommunikation seines Hundes nicht verstehen wollen, um nicht zu vermenschlichen oder unwissenschaftlich zu interpretieren, geht einem einfach ganz viel Information flöten. Jeder kann für sich selber wählen, hinzusehen und zu lernen oder wegzusehen und sich dann über den Verlauf zu wundern. Für mich ist jede Situation mit meinem Hund und seiner Kommunikation ein Zugewinn - es gibt nichts Spannenderes aus meiner Sicht.
 Ich wünsche allen Menschen ganz viele Momente des Hinsehens und der unglaublich faszinierenden Ausdrucksweise von Hunden und den Mut, hinzusehen und hineinzuinterpretieren - einfach ganz unwissenschaftlich.

Donnerstag, 28. April 2016

konditioniert - dressiert - trainiert - integriert?

Folgende Situation: eine Frau ist im Wald mit ihren beiden Hunden unterwegs. Nennen wir sie Kerstin und die Hunde Fly und Tine. Tine ist eine erwachsene 3,5 Jahre alt Colliehündin und Fly ein Hütehundmix-Mädchen im Alter von 8 Monaten. Kerstin hat das Colliemädchen Tine im Alter von 12 Wochen vom Züchter und Fly aus dem Auslandstierschutz übernommen. Die Colliehündin ist sehr an Kerstin orientiert, da sie als Welpe sehr krank war und Kerstin aus Sorge Tine immer sehr eng bei sich hatte. Fly hingegeen hat man auf der Straße neben ihrer toten Mutter und den Geschwistern gefunden und mitgenommen, da war sie geschätzte 3 Monate als.Alle drei sind nun im Wald unterwegs, als Fly plötzlich wie der Blitz mit der Nase am Boden zur Seite schießt und im Wald verschwindet. Tine und Kerstin bleiben auf dem Weg zurück und hören wie Fly offenbar einer Wildspur folgend rhythmisch bellende Laute von sich gibt. So kann Kerstin einigermaßen verfolgen, wo sich Fly aufhält. Sie ist beunruhigt, also ruft sie Fly hinterher, obwohl sie sich nicht sicher ist, ob Fly auf ihr Rufen reagiert. In der Hundeschule sind sie gerade dabei, den Rückruf zu trainieren, aber so richtig sitzen tut der noch nicht. Wie erwartet, lässt sich Fly nicht blicken. Dennoch kann man ihren Weg gut anhand der Spurlaute verfolgen und so hofft Kerstin, daß Fly gleich wiederkommt. Tine folgt ebenfalls per Blick dem Kläffen, bleibt aber bei Kerstin und macht keinerlei Anstalten, Fly zu folgen. Kerstin beginnt sich darüber zu ärgern, daß ihr Fly entwischen konnte. Man hatte ihr in der Hundeschule dazu geraten, sie nicht von der Leine zu lassen, damit sie in diesem Alter noch keine positive Jagderfahrung machen kann. Der Hundetrainer hatte ihr erklärt, daß das Jagen selbstbelohnend sei, auch wenn der Hund sicherlich nicht schnell genug wäre, um wirklich ein Wildtier zu reißen. Kerstin hat ein schlechtes Gewissen, denn sie spürt, dies könnte genau die Situation sein, von der der Trainer gesprochen hatte. Dennoch bleibt ihr nichts anderes übrig als zu warten. Zum Glück kommt Fly schnell zurück. Plötzlich taucht sie zwischen zwei Bäumen auf und läuft mit rundem Rücken und wedelnder Rute auf Kerstin zu. Kerstin atmet durch und schluckt ihren Ärger herunter. Zu groß ist die Erleichterung und auch die Freude darüber, daß Fly offenbar doch schon ganz gut hört und der Rückruf klappt. Kerstin lobt Fly, zieht ein Leckerchen aus der Tasche und spricht zu ihr mit hoher Stimme, um Fly zu zeigen, daß es richtig ist, zurückzukommen. Im gleichen Moment jedoch springt Tine nach vorne auf Fly zu, knurrt sie an und drückt sie auf den Boden. Kerstin ist erschrocken und schimpft mit Tine. Tine weicht Kerstin aus, blickt sie von unten her an, fixiert aber im nächsten Moment die am Boden liegende Fly. Kerstin versucht, Fly zu trösten und zum Aufstehen zu bewegen. Sie sorgt sich, ob Fly nicht doch lieber wieder das Weite suchen will, wenn sie beim Zurückkommen auf diese Art von Tine "begrüßt" wird. Fly springt auf, wedelt wie ein Welpe mit der Rute und springt an Kerstin hoch.


In dem Moment stürzt sich Tine erneut auf Fly und drückt sie wieder auf den Boden, indem sie die Schnauze von Fly ins Maul nimmt und runterdrückt. Fly jault einmal auf, wirft sich auf die Seite und wimmert. Kerstin ist stinksauer auf Tine, brüllt sie an und Tine springt weg, um der wütenden Kerstin auszuweichen. Dennoch bleibt der Blick auf Fly geheftet. Kerstin ist ratlos, was denn nur in Tine gefahren ist und beschließt, mit beiden Hunden nach Hause zu gehen. Sie ruft beide zu sich und marschiert los. Tine läuft an ihr vorbei nach vorne und schnuppert am Wegesrand. Kerstin ist erleichtert, daß Tine sich offenbar beruhigt hat. Fly läuft ebenfalls an ihr vorbei, ihre Körperhaltung ist locker und Kerstin freut sich, daß Fly diesen Ausflug offenbar ohne Schaden überstanden hat. Fly macht auf dem Rückweg keinerlei Anstalten, den Weg zu verlassen, sie klebt förmlich in der Spur von Tine, schnuppert hier und da, wo Tine geschnuppert hat und auch die Colliehündin lässt Fly komplett in Ruhe. Von Aggression wie in der Situation im Wald ist keine Spur mehr zu sehen. Kerstin ist etwas verunsichert, wie sie das Verhalten von Tine einschätzen soll, sie macht sich Sorgen, die beiden Hündinnen könnten sich nicht verstehen und am Ende müsste sie sich vielleicht von einem der beiden Hunde trennen. Doch der Rückweg lässt sie etwas entspannen, da es zu keiner weiteren Auseinandersetzung der beiden kommt, sie laufen hintereinander in lockerem Trab bis zum Auto. So nimmt sich Kerstin vor, mit dem Hundetrainer zu besprechen, wie sie am Abruf von Fly arbeiten kann, damit das besser klappt und was zu tun ist, damit Tine sich mit Fly wieder besser versteht. Zur Sicherheit will sie mit beiden Hunden ersteinmal getrennt unterwegs sein. So kann sie sich besser auf jeden einzelnen konzentrieren und an der Bindung zu Fly arbeiten. Sie befürchtet außerdem, daß die Attacke von Tine dazu geführt hat, daß Fly nicht mehr so gerne zurückkommt und hofft, daß Fly nicht SIE damit in Verbindung gebracht hat, daß es Ärger gab. Fly soll gerne zurückkommen, so wird es doch im Abruftraining gelehrt. Also macht sich Kerstin am nächsten Tag alleine mit Fly auf und sucht sich eine Wiese, um den Abruf zu trainieren. In ihrer Tasche hat sie Fleischwurst, die riecht gut und lässt sich prima als Belohnung füttern. In der anderen Tasche hat sie ein dickes Stück Käse - einen Superjackpot. Käse gibt es nur ganz selten und nur für ganz besonders gute Leistungen. Auf dem Hinweg läuft Fly etwas vor, schnuppert rechts und links, bleibt aber artig auf dem Weg. Jedes Mal, wenn Kerstin sie anspricht, bleibt Fly stehen, schaut sich direkt zu ihr um und auf Kommando kommt Fly angetrabt. Sie bekommt ein Stück Fleischwurst und darf ihren Weg fortsetzen. Kerstin entspannt sich, es läuft alles super. Fly macht keinerlei Anstalten, irgendeiner Spur zu folgen, nur als ein angeleinter Hund von vorne kommt, springt sie bellend vor. Zum Glück lässt sich Fly aber schnell abrufen, kommt direkt zu Kerstin zurück und bekommt diesmal drei Brocken Fleischwurst, weil Kerstin sehr stolz darauf ist, daß sie sich abrufen lies. Kerstin und Fly kommen also ohne Probleme an der Wiese an. Fly schnuppert am Waldesrand und Kerstin denkt sich, das sei eine gute Gelegenheit schon gleich den Abruf auch unter Ablenkung zu üben. Sie ruft mit hoher Stimme "Hiiiiiiier!". Fly schießt herum, galoppiert auf Kerstin zu und freut sich mit wedelnder Rute. Kerstin ist froh, daß alles so gut läuft, holt ein Stück Käse aus der Tasche und belohnt Fly für den gelungenen Rückruf. Ihre Erleichterung, daß Fly offenbar keinen Schaden genommen hat durch die Aggression von Tine, erfüllt sie auch mit Stolz. Sie freut sich schon auf die nächste Trainingsstunde in der Hundeschule, wo sie zeigen kann, wie toll der Rückruf klappt. Sie denkt, sie hat alles richtig gemacht und entscheidet, mit Fly in den Wald zu gehen, denn das Spurlaufen neulich war wohl nur ein Ausrutscher. Man kann es ihr auch nicht verdenken, hat doch Kerstin mit Mantrailing angefangen und ihr damit ja schon auch den Weg geöffnet, die Nase einzusetzen. Beide gehen entspannt des Weges, Fly lässt sich abrufen und Kerstin platzt vor Stolz auf ihre kleine folgsame Hündin.

Einige Wochen später ist Kerstin wieder mit beiden Hunden im Wald. Das Aggressionsverhalten von Tine Fly gegenüber hat sich nicht wiederholt und Kerstin ist entspannt. Beide Hunde laufen vorne auf dem Weg, schnuppern hier und da und alles ist ruhig, als plötzlich vorne ein Reh den Weg kreuzt. Tine hat es nicht gesehen, weil sie gerade intensiv ein Grasbüschel beschnupperte, aber Fly. Fly schießt nach vorne wie der Blitz. Kerstin erschreckt sich, ruft reflexartig "Hiiiiiiier!", Fly läuft zunächst noch etwas weiter, stoppt dann aber kurz bevor sie die Colliehündin erreicht. Kerstin freut sich wie ein kleines Kind über ihren Hund und ruft nochmal, damit sich Fly einen Jackpot abholen kann. Während des weiteren Weges denkt Kerstin über die Situation nach und auf einmal kommt ihr der Gedanke in den Kopf, es könnte vielleicht gar nicht der Abruf gewesen sein, der Fly gestoppt hat. Sie war schließlich noch etwas weiter gelaufen und auch gar nicht zurückgekommen. Ohnehin hatte sie in den letzten Wochen das Gefühl, daß sich etwas verändert. Irgendwie orientiert sich Fly immer mehr an Tine statt an ihr.

Was war geschehen? In der ersten Situation als Fly aus dem Wald zurückkam, nahm sie körpersprachlich eine beschwichtigende Haltung ein: Rücken krumm, Rute unten, Kopf geduckt, Ohren zurück. Ihr war klar, sie würde Ärger bekommen, denn sie war aus dem sozialen Verband "eigenmächtig" ausgestiegen. Sie erwartete eine Maßregelung, die sie von der Mama in der 7./8.Woche auch bekommen hatte. Statt Ärger bekam sie von Kerstin eine positive Stimmung, da sich Kerstin über das Zurückkommen freute und dies auch positiv bestärken wollte, damit der Hund über Konditionierung lernen würde, dass es sich lohnt, zurückzukommen. Dennoch erfolgte durch die erwachsene Colliehündin die Maßregelung, mit der Fly eigentlich von Kerstin "als adäquate Ersatzmama" gerechnet hatte. So gab es für Fly beides: Positive (= ich füge etwas hinzu) Belohnung und positive Strafe (Schreckreiz, Schnauzgriff, Runterdrücken) von der Collie-Hündin. Beide Maßnahmen haben nach den Lerntheorien Konsequenzen: Die von Kerstin: Komm immer zurück (Rückruf), das lohnt sich für Dich und die von der Colliehündin wäre demnach: Komm nicht zurück, dann kriegst Du Ärger.
Beide Maßnahmen haben aber daneben auch kommunikativen Charakter: Die von Kerstin sagt aus: Egal was Du vorher getan hast, was Du jetzt tust, ist richtig und die von der Colliehündin sagt aus: "Das, was Du vorher getan hast, hat auch eine Bedeutung und zwar für uns als Gruppe und das geht nicht! Du kannst nicht aus der Gruppe aussteigen, Dein eigenes Ding machen und Dich und uns damit in Gefahr bringen!"
Und genau das würde auch passieren, wenn z.B. eine Kindergartengruppe - angeleitet von erwachsenen Fürsorgegaranten - gemeinsam auf dem Weg zum Bus ist und ein Kind meint, es müsse jetzt Blumen auf einer Wiese pflücken. Man würde dafür sorgen, daß die Gruppe zusammenbleibt und notfalls auch mit dem blumenpflückenden Kind schimpfen, um es von seinem Vorhaben abzuhalten. Auch das wäre per Definition eine positive (ich füge etwas hinzu) Strafe.

Konditionierungen wie Kerstin sie im Rahmen des Rückruftrainings durchführt, müssen um generalisisert zu werden, hunderte von Malen an unterschiedlichen Orten durchgeführt werden. Die soziale Komponente spielt dabei eine untergeordnete Rolle, der Hund würde zu jedem gelaufen kommen, der ruft und ein Leckerchen rausrückt. Erziehung im sozialen Kontext, wie sie die Collie-Hündin durchgeführt hat, müssen mitnichten hunderte von Malen durchgeführt werden. Sie sitzen in der Regel beim ersten Mal. Der Hund hat ein obligates Bestreben, in eine soziale Gruppe integriert zu werden. Wer alleine ist, ist verloren, so sein genetisches Erbe. Also ist er von sich aus geneigt, soziale Interaktionen richtig zu interpretieren, hündisches Verhalten zu verstehen und zu akzeptieren. Dies gewährt ihm die Sicherheit, durch Kommunikation im Dialog verstanden zu werden und selber auch verstehen zu können. Rückruf und Leckerchengabe ist auch Kommunikation, allerdings eine, die im sozialen Kontext eher gegenteiligen Charakter hat, da diese Form (Rückruf) und Futtergabe unter Hunden so nicht stattfinden würde. So KANN der Hund dieses Verhalten nicht in einen sozialen Kontext einsortieren, weil er sozusagen dafür keine Matrix hat. Die Zeiten, in denen die Mamahündin den Welpen freiwillig Futter abgegeben hat, sind seit der 7.Woche vorbei. Seitdem wird Futter verteidigt und Tabus gesetzt, einen "Rückruf" hat es so nicht gegeben. Stattdessen wurde unerlaubtes Entfernen von der Gruppe geahndet und korrigiert.

Was also lernt Fly in diesem Beispiel und das erklärt auch ihr Verhalten in der zweiten Wildsichtungssituation? Sie lernt, daß die Colliehündin ein verlässlicher Sicherheitsgarant ist, den man ernst nehmen sollte, an dem man als Jungspund nicht einfach vorbeizurasen hat und orientiert sich entsprechend an ihr. Sie scheint das Leben und die Gefahren zu kennen und richtig einschätzen zu können. Kerstin hingegen hat ja offenbar keine Ahnung vom Leben, lässt Fly selber Erfahrungen machen, in Situationen, die Fly wichtig findet und versucht in gestellten Situationen Verhalten zu dressieren. Dafür erkauft sie sich Flys Aufmerksamkeit, die Fly ihr freiwillig (also ohne Lohn) gar nicht geben würde. Sie ist kein Sicherheitsanker und verdient damit auch keine Aufmerksamkeit oder den Anspruch auf Vorgaben, was zu tun oder zu lassen ist.
Erziehung ist eben nicht Dressur oder Training, sondern Integration in die soziale (Menschen-)gruppe unter Berücksichtigung dessen, was der Hund von uns erwarten darf, wenn wir ihn aus seiner eigentlichen sozialen Gruppe herausreißen.

Donnerstag, 17. März 2016

Die Würde des....ist unantastbar


Zum Beitrag MDR "Gino beißt zu" vom Montag, den 04.01.2016

In diesem Bericht geht es um einen 4-jährigen Terrierrüden, der Probleme bereitet. Immer wieder beißt er die Besitzerin oder Familienmitglieder.

Der Versuch einer Analyse:
1.) 0:20 - 0:24
- Hund steht frontal vor der Kamera
- hinter dem Hund ist eine Begrenzung (Tür oder Wand)
- Ohren sind nach hinten gerichtet
- der Kopf des Hundes liegt leicht in den Nacken und nach hinten gerichtet
- der Blick geht vorne in die Kamera
- der Hund bellt und knurrt
- beim Bellen geht der Kopf kurz nach vorne, aber sofort wieder zurück
- erst bellt er, dann knurrt er.

Zugehöriger Funktionskreis (nach Zimen*):
Verhalten des Schutzes und der Verteidigung
Kennzeichen: zurückschrecken, Abstandhalten, Abwehrgesicht, Abwehrdrohen
Flucht ist dem Hund in dem gezeigten Ausschnitt nicht möglich (wäre aber denkbar), da der Hund vor einer Begrenzung steht. Der Hund ist vermutlich in einem Engpass, da sich vorne die Kamera (mit einem fremden?) Menschen befindet.

2.) Die Besitzerin erklärt, würde sie ihn in einem solchen Moment (wie zuvor beschrieben) hochnehmen, "dann knurrt er und dann beißt er". Sie erklärt sein Verhalten als seinen "Willen".

Zugehöriger Funktionskreis:
Verhalten des Schutzes und der Verteidigung
Kennzeichen: Abwehrschnappen, Abwehrbeißen, Vorstoßen, Angriff

3.) Die Besitzerin erklärt, Krallen schneiden oder Fellpflege sind nicht durchführbar. Er würde kurz die Lefzen hochziehen und dann in die Hand beißen.
Diese Aussage ist ohne weitere Informationen über Körperhaltung und Mimik sowie Ausführung des Beißens nur begrenzt einzuordnen.
Zugehöriger Funktionskreis könnte sein:
Protestverhalten ("Protestiert wird gegen jede, nach der Rangsituation unrechtmäßige aggressive Verhaltensweise, sei es eine Verletzung der Individualdistanz,..."*) 

4.) 0:40
Hund bellt in hoher Tonlage in mehreren Sequenzen, wirft dabei einmal den Kopf schräg nach oben, ein Ohr ist nach vorne gerichtet, eines nach hinten. Der Blick geht nach vorne, wobei auch die Augen nach hinten außen gerichtet sind. (Auf Möglichkeiten zur Flucht orientiert?)
Zugehöriger Funktionskreis: Verteidigung des Territoriums durch Verbellen ("Hauptausdrucksleistung bei der territorialen Verteidigung ist das Bellen."*)

5.) Es werden die Bißwunden, die der Hund der Besitzerin zugefügt hat, gezeigt. Die Wunden zeigen jeweils einen schlitzförmigen Verlauf, was darauf schließen lässt, daß der Hund zugebissen und dann zurückgezogen hat.
Zugehöriger Funktionskreis:
Verhalten des Schutzes und der Verteidigung: Abwehrbeißen
Defensives Aggression

6.) 1:04 - 1:07
- Der Hund liegt oder kauert auf dem Fußboden, zwischen Sofa und Tisch
- die Körperhaltung ist geduckt
- die Rute ist nicht zu erkennen
- Ohren sind nach hinten gerichtet
- der Blick geht von unten nach oben
- kein Blickfixieren, die Augen bewegen sich schnell hin und her
- der Blick pendelt von einer zur anderen Seite (zwei potentielle Bedrohungen von vorne und der Seite?)
- der Hund knurrt
- der Hund zieht die Lefzen hoch
- der Hund zuckt zweimal (in Erwartung eines Schreckreizes, einer Berührung?)

Zugehöriger Funktionskreis:
Verhalten des Schutzes und der Verteidigung
Kennzeichen: Flucht in geduckter Haltung (nur begrenzt möglich, da räumlich in die Enge getrieben), Sich-Drücken, Sich-in-Ecken-Drücken, Zusammenzucken, Zurückschrecken, Abstandhalten, Abwehrgesicht, Abwehrdrohen

Analyse und Diagnose des Tierverhaltenstherapeuten:
"Hund kam nicht raus, hat Panik gekriegt = Distanzierungsbeißen" und "schmerzbedingte Aggression gezeigt" und "fortan Angst gehabt vor ähnlichen Situationen. Dazu kam dann die Erfahrung mit dem Hundetrainer, der angeblich den Hund am Halsband bis zum Atemstillstand gewürgt haben soll.

7.) 1:44  - 1:47
- Hund schaut schräg nach vorne, an der Kamera vorbei
- Ohren leicht seitlich aufgestellt
- Augen blinzeln
- der Blick wandert ruhig aber unsicher

Aktivität würde ich als abwartend, zurückgenommen, beschwichtigend einordnen

8.) 1:57 - 2:03
- Hund liegt bäuchlings auf dem Fußboden ohne direkte Begrenzung (eher frei im Raum)
- schaut seitlich hoch mit leichter Erwartungshaltung (zur Besitzerin?)
- Ohren leicht seitlich aufgestellt
- er schleckt sich über die Nase
- er gähnt
- er schleckt sich erneut zwei Mal über die Nase

Auch diese Aktivität würde ich als abwartend, zurückgenommen und beschwichtigend einordnen

9.) 2:27 - 2:32
- Hund liegt bäuchlings auf dem Fußboden
- der Kopf ist abgelegt
- die Augen schauen entspannt nach vorne
- er blinzelt (kurz vor dem Einschlafen?)
- Ohren hängen entspannt seitlich

Zugehöriger Funktionskreis:
Ruhe und Schlaf

10.) 2:33 - 2:38
- Hund sitzt und schaut nach oben
- Ohren sind aufgestellt und nach vorne gerichtet
- der Blick geht nach oben (zum Frauchen?)
- die Augen blinzeln etwas
- die Nase schnuppert

Diese Aktivität würde ich als abwartend (leichte Tendenz zu abfordernd?) einschätzen

11.) Die Moderatorin erklärt, Gino würde aus purer Angst vor menschlichen Händen beißen.

12.) 3:12 - 3:15
- Hund läuft zur Tür, verzögert dabei einmal mit flüchtigem Blick (und Erwartung?) nach hinten
- bellt und knurrt
- schaut abwechselnd zur Tür und nach hinten
- Rute hängt, ist leicht unter den Bauch gezogen
- Ohren nach hinten gerichtet
- unsicherer Blick
- Rücken rund
- er bleibt an der Tür stehen

Zugehöriger Funktionskreis:
Verhalten des Schutzes und der Verteidigung
Kennzeichen: Flucht in geduckter Haltung (nur begrenzt möglich, da räumlich begrenzt), Sich-Drücken, Sich-in-Ecken-Drücken, Zusammenzucken, Zurückschrecken, Abstandhalten, Abwehrgesicht, Abwehrdrohen

13.) 3:50
Erklärung des Tierverhaltenstherapeuten, daß und weshalb Gino kein Drohverhalten mehr zeigt. 
Irritiert mich etwas, da (s.o.) alles Drohverhalten ist, was Gino zeigt...

14.) 4:04
"Gino muß also das normale Hundeverhalten wieder lernen."
Aus meiner Sicht verhält sich Gino komplett normal.

15.) 4:10
"Keiner fasst den Hund an!"
Das wäre eine sinnvolle Maßnahme, wenn man den oben aufgeführten Analysen folgt. Allerdings sollte dies auch für Frauchen ausdrücklich gelten und zwar ausnahmslos (auch nicht über konditionierte Kommandos, da diese das Bedürfnis des Hundes nach körperlicher Unversehrtheit nicht respektieren.

16.) 4:42
"hektische Bewegungen in der Nähe von Gino sind tabu"
Denkbar wäre als Erklärung, daß Gino in der Vergangenheit auch mit Strafreizen beim Bellen belastet worden ist. (z.B. Wurfschelle), zumindest deutet seine Erwartungshaltung (s.o.) darauf hin.

17.) Der Tierverhaltensberater empfiehlt Bett und Sofa als Tabuzone zu erklären, um einer erneuten Engpass-Situation vorzubeugen. "Nicht wegen Rangordnung und so, das ist Blödsinn, das gibt's nicht." (?)
 Ich schätze es eher so ein, daß eine Ressourcenverteidigung des Hundes zu erwarten wäre, aufgrund der unsicheren Bindung und den unklaren sozialen Strukturen und darauf folgend den unklaren Entscheidungskompetenzen und -befugnissen in dem Zweier-Team Mensch-Hund.

18.) Wenn er auf dem Sofa oder Bett liegt, soll die Besitzerin die Türklingel auslösen oder eine Tasse fallen lassen, damit der Hund dort hinläuft, um zu sehen, was los ist. Das sei die Reaktion eines "souveränen Leittieres", welches sie ab sofort darstellen soll. Sie soll sich von dem Verhalten nicht provozieren lassen. "Konsequenz versus Härte."
 Ich sehe hier eine Diskrepanz zu dem vorher gesagten, es gäbe keine Rangordnung. Wenn es sie denn doch gibt, stellt sich die Frage, ob es beim Hund als souveräne Leittier-Aktion verstanden wird, wenn man den Raum verlässt, weil der Hund auf dem Sofa sitzt und vielleicht schon über Blickfixieren Drohverhalten zeigt...Eine Provokation des Hundes, wenn er auf dem Sofa liegt, sehe ich ebenfalls nicht; Funktionskreis: Komfortverhalten und konsequent den Raum verlassen wird vom Hund sicher nicht als Konsequenz auf sein nicht erwünschtes Verhalten verstanden, sondern eher als Bestätigung alles richtig gemacht zu haben, um sich den übergriffigen Menschen vom Hals zu halten...

19.) Es folgt ein Training, bei dem Gino Körperberührungen selber herstellt, indem er Frauchen aus der Hand Käsepaste leckt. Es soll eine positive Assoziation zwischen Händen und Futter hergestellt werden. "Solange er frißt, kann er gestreichelt werden." Soll das heißen, daß der Mensch es sich erkauft, den Hund streicheln zu dürfen? Was meint der Mensch damit? Vielleicht: "Ich beruhige mein schlechtes Gewissen, daß ich körperlich übergriffig werde, obwohl ich weiß, daß es Dir (Hund) nicht gefällt und ich es eigentlich von unserer Beziehung her nicht "darf", ich will es aber, also setze ich es durch!" ? Und was kommt beim Hund an? Futter dient normalerweise (auch) der Kommunikation. Wenn man damit inflationär umgeht, ist man wohl nicht in der Lage, es zu verteidigen. Dies könnte dazu führen, daß Gino zukünftig a) mehr fordert, b) mehr verteidigt und damit c) mehr droht. Das stünde einer Lösung im Wege.

Meine Analyse: Der Hund handelt aus der Motivation der Selbstverteidigung heraus. Er ist defensiv aggressiv, zeigt adäquates Drohverhalten und scheint mir als hochsoziales Tier von Frauchen bisher weder Schutz noch Respekt seiner Persönlichkeit und körperlichen Unversehrtheit erfahren zu haben. Im Gegenteil: Von Frauchen und anderen Menschen hat er mutmaßlich körperliche Übergriffigkeiten erfahren, wurde in Situationen gebracht, die ihn überforderten. Die Beziehung zu Frauchen erscheint mir nicht geklärt zu sein, damit ergibt sich eine unsichere Bindung und eine nicht belastbare Struktur. Gino ist auf sich gestellt und hat die Erfahrung gemacht, daß sein Drohverhalten nicht respektiert wird. So mußte er sich selbst zur Wehr setzen, um seinen Körper zu schützen. Dazu kommt eine leichte Tendenz der territorialen Verteidigungsbereitschaft. Terrier sind nicht besonders territorial, geben diese Verantwortung gerne an den Menschen ab. Übernimmt er diese Aufgabe nicht und fühlt sich der Hund in seiner Individualität bedroht, zudem in die Ecke getrieben, weil Fluchtmöglichkeiten nicht bestehen, ist eine selbstverteidigende Aggression nachzuvollziehen. Terrier sind aber durchaus als Solitärjäger gewillt, wichtige Ressourcen zu verteidigen. Zur wichtigsten Ressource zählt die Sicherheit, also die eigene körperliche Unversehrtheit und natürlich das räumliche Territorium, also die Wohnung und bekannte Umgebung des täglichen Gassiganges, aber auch komfortable Liegeflächen wie Bett oder Sofa, Spielzeug als Beuteersatz aber auch Futter. Mein Ratschlag wäre an einer sicheren Bindung zu arbeiten, Frauchen sich das Vertrauen verdienen zu lassen und nicht Gino zum Vertrauen zu erpressen (über Futter) und für klare Strukturen zu sorgen, die Verlässlichkeit und Sicherheit geben. Dafür müsste mindestens sicher gestellt werden, daß es keine körperlichen Übergriffigkeiten gegenüber Gino mehr gäbe: Je kleiner und wuscheliger der Hund ist, umso größer sind eigentlich die Probleme für den Hund. Alle Hunde sind ab einem Alter von etwa 2 Jahren erwachsen und ernsthaft, das sollte als Erstes respektiert werden.

Dieses Fallbeispiel zeigt recht anschaulich wie viel und doch so wenig man aus einem Beitrag von nicht einmal 8 Minuten tatsächlich erkennen kann. Für eine individuelle Analyse bräuchte es natürlich viel mehr Informationen über Mensch und Hund, Vorgeschichte, Gesundheitszustand, Zusammenleben, Erwartungen etc. Was aber aus meiner Sicht recht deutlich wird, ist die Tatsache, daß diese Form der Verhaltenstherapie per Medien einen hohen Nachahmungseffekt haben. Und genau das halte ich für problematisch. Wenn die Motivation des Hundes (nach den Funktionskreisen rein ethologisch analysiert), nicht beachtet wird (und das wird sie im Film aufgrund der Zeit nicht), dann erfolgt jede "Therapie" ohne vernünftige "Diagnose" und das halte ich für ungünstig. Im Zweifel sind die Probleme hinterher manifester als vorher. Daher kann auch mein Ansatz oben nur der Versuch eines Therapievorschlages sein, als diesen bitte ich ihn zu verstehen.

* nach Zimen "Wölfe und Königspudel" Piper Verlag München