Donnerstag, 17. März 2016

Die Würde des....ist unantastbar


Zum Beitrag MDR "Gino beißt zu" vom Montag, den 04.01.2016

In diesem Bericht geht es um einen 4-jährigen Terrierrüden, der Probleme bereitet. Immer wieder beißt er die Besitzerin oder Familienmitglieder.

Der Versuch einer Analyse:
1.) 0:20 - 0:24
- Hund steht frontal vor der Kamera
- hinter dem Hund ist eine Begrenzung (Tür oder Wand)
- Ohren sind nach hinten gerichtet
- der Kopf des Hundes liegt leicht in den Nacken und nach hinten gerichtet
- der Blick geht vorne in die Kamera
- der Hund bellt und knurrt
- beim Bellen geht der Kopf kurz nach vorne, aber sofort wieder zurück
- erst bellt er, dann knurrt er.

Zugehöriger Funktionskreis (nach Zimen*):
Verhalten des Schutzes und der Verteidigung
Kennzeichen: zurückschrecken, Abstandhalten, Abwehrgesicht, Abwehrdrohen
Flucht ist dem Hund in dem gezeigten Ausschnitt nicht möglich (wäre aber denkbar), da der Hund vor einer Begrenzung steht. Der Hund ist vermutlich in einem Engpass, da sich vorne die Kamera (mit einem fremden?) Menschen befindet.

2.) Die Besitzerin erklärt, würde sie ihn in einem solchen Moment (wie zuvor beschrieben) hochnehmen, "dann knurrt er und dann beißt er". Sie erklärt sein Verhalten als seinen "Willen".

Zugehöriger Funktionskreis:
Verhalten des Schutzes und der Verteidigung
Kennzeichen: Abwehrschnappen, Abwehrbeißen, Vorstoßen, Angriff

3.) Die Besitzerin erklärt, Krallen schneiden oder Fellpflege sind nicht durchführbar. Er würde kurz die Lefzen hochziehen und dann in die Hand beißen.
Diese Aussage ist ohne weitere Informationen über Körperhaltung und Mimik sowie Ausführung des Beißens nur begrenzt einzuordnen.
Zugehöriger Funktionskreis könnte sein:
Protestverhalten ("Protestiert wird gegen jede, nach der Rangsituation unrechtmäßige aggressive Verhaltensweise, sei es eine Verletzung der Individualdistanz,..."*) 

4.) 0:40
Hund bellt in hoher Tonlage in mehreren Sequenzen, wirft dabei einmal den Kopf schräg nach oben, ein Ohr ist nach vorne gerichtet, eines nach hinten. Der Blick geht nach vorne, wobei auch die Augen nach hinten außen gerichtet sind. (Auf Möglichkeiten zur Flucht orientiert?)
Zugehöriger Funktionskreis: Verteidigung des Territoriums durch Verbellen ("Hauptausdrucksleistung bei der territorialen Verteidigung ist das Bellen."*)

5.) Es werden die Bißwunden, die der Hund der Besitzerin zugefügt hat, gezeigt. Die Wunden zeigen jeweils einen schlitzförmigen Verlauf, was darauf schließen lässt, daß der Hund zugebissen und dann zurückgezogen hat.
Zugehöriger Funktionskreis:
Verhalten des Schutzes und der Verteidigung: Abwehrbeißen
Defensives Aggression

6.) 1:04 - 1:07
- Der Hund liegt oder kauert auf dem Fußboden, zwischen Sofa und Tisch
- die Körperhaltung ist geduckt
- die Rute ist nicht zu erkennen
- Ohren sind nach hinten gerichtet
- der Blick geht von unten nach oben
- kein Blickfixieren, die Augen bewegen sich schnell hin und her
- der Blick pendelt von einer zur anderen Seite (zwei potentielle Bedrohungen von vorne und der Seite?)
- der Hund knurrt
- der Hund zieht die Lefzen hoch
- der Hund zuckt zweimal (in Erwartung eines Schreckreizes, einer Berührung?)

Zugehöriger Funktionskreis:
Verhalten des Schutzes und der Verteidigung
Kennzeichen: Flucht in geduckter Haltung (nur begrenzt möglich, da räumlich in die Enge getrieben), Sich-Drücken, Sich-in-Ecken-Drücken, Zusammenzucken, Zurückschrecken, Abstandhalten, Abwehrgesicht, Abwehrdrohen

Analyse und Diagnose des Tierverhaltenstherapeuten:
"Hund kam nicht raus, hat Panik gekriegt = Distanzierungsbeißen" und "schmerzbedingte Aggression gezeigt" und "fortan Angst gehabt vor ähnlichen Situationen. Dazu kam dann die Erfahrung mit dem Hundetrainer, der angeblich den Hund am Halsband bis zum Atemstillstand gewürgt haben soll.

7.) 1:44  - 1:47
- Hund schaut schräg nach vorne, an der Kamera vorbei
- Ohren leicht seitlich aufgestellt
- Augen blinzeln
- der Blick wandert ruhig aber unsicher

Aktivität würde ich als abwartend, zurückgenommen, beschwichtigend einordnen

8.) 1:57 - 2:03
- Hund liegt bäuchlings auf dem Fußboden ohne direkte Begrenzung (eher frei im Raum)
- schaut seitlich hoch mit leichter Erwartungshaltung (zur Besitzerin?)
- Ohren leicht seitlich aufgestellt
- er schleckt sich über die Nase
- er gähnt
- er schleckt sich erneut zwei Mal über die Nase

Auch diese Aktivität würde ich als abwartend, zurückgenommen und beschwichtigend einordnen

9.) 2:27 - 2:32
- Hund liegt bäuchlings auf dem Fußboden
- der Kopf ist abgelegt
- die Augen schauen entspannt nach vorne
- er blinzelt (kurz vor dem Einschlafen?)
- Ohren hängen entspannt seitlich

Zugehöriger Funktionskreis:
Ruhe und Schlaf

10.) 2:33 - 2:38
- Hund sitzt und schaut nach oben
- Ohren sind aufgestellt und nach vorne gerichtet
- der Blick geht nach oben (zum Frauchen?)
- die Augen blinzeln etwas
- die Nase schnuppert

Diese Aktivität würde ich als abwartend (leichte Tendenz zu abfordernd?) einschätzen

11.) Die Moderatorin erklärt, Gino würde aus purer Angst vor menschlichen Händen beißen.

12.) 3:12 - 3:15
- Hund läuft zur Tür, verzögert dabei einmal mit flüchtigem Blick (und Erwartung?) nach hinten
- bellt und knurrt
- schaut abwechselnd zur Tür und nach hinten
- Rute hängt, ist leicht unter den Bauch gezogen
- Ohren nach hinten gerichtet
- unsicherer Blick
- Rücken rund
- er bleibt an der Tür stehen

Zugehöriger Funktionskreis:
Verhalten des Schutzes und der Verteidigung
Kennzeichen: Flucht in geduckter Haltung (nur begrenzt möglich, da räumlich begrenzt), Sich-Drücken, Sich-in-Ecken-Drücken, Zusammenzucken, Zurückschrecken, Abstandhalten, Abwehrgesicht, Abwehrdrohen

13.) 3:50
Erklärung des Tierverhaltenstherapeuten, daß und weshalb Gino kein Drohverhalten mehr zeigt. 
Irritiert mich etwas, da (s.o.) alles Drohverhalten ist, was Gino zeigt...

14.) 4:04
"Gino muß also das normale Hundeverhalten wieder lernen."
Aus meiner Sicht verhält sich Gino komplett normal.

15.) 4:10
"Keiner fasst den Hund an!"
Das wäre eine sinnvolle Maßnahme, wenn man den oben aufgeführten Analysen folgt. Allerdings sollte dies auch für Frauchen ausdrücklich gelten und zwar ausnahmslos (auch nicht über konditionierte Kommandos, da diese das Bedürfnis des Hundes nach körperlicher Unversehrtheit nicht respektieren.

16.) 4:42
"hektische Bewegungen in der Nähe von Gino sind tabu"
Denkbar wäre als Erklärung, daß Gino in der Vergangenheit auch mit Strafreizen beim Bellen belastet worden ist. (z.B. Wurfschelle), zumindest deutet seine Erwartungshaltung (s.o.) darauf hin.

17.) Der Tierverhaltensberater empfiehlt Bett und Sofa als Tabuzone zu erklären, um einer erneuten Engpass-Situation vorzubeugen. "Nicht wegen Rangordnung und so, das ist Blödsinn, das gibt's nicht." (?)
 Ich schätze es eher so ein, daß eine Ressourcenverteidigung des Hundes zu erwarten wäre, aufgrund der unsicheren Bindung und den unklaren sozialen Strukturen und darauf folgend den unklaren Entscheidungskompetenzen und -befugnissen in dem Zweier-Team Mensch-Hund.

18.) Wenn er auf dem Sofa oder Bett liegt, soll die Besitzerin die Türklingel auslösen oder eine Tasse fallen lassen, damit der Hund dort hinläuft, um zu sehen, was los ist. Das sei die Reaktion eines "souveränen Leittieres", welches sie ab sofort darstellen soll. Sie soll sich von dem Verhalten nicht provozieren lassen. "Konsequenz versus Härte."
 Ich sehe hier eine Diskrepanz zu dem vorher gesagten, es gäbe keine Rangordnung. Wenn es sie denn doch gibt, stellt sich die Frage, ob es beim Hund als souveräne Leittier-Aktion verstanden wird, wenn man den Raum verlässt, weil der Hund auf dem Sofa sitzt und vielleicht schon über Blickfixieren Drohverhalten zeigt...Eine Provokation des Hundes, wenn er auf dem Sofa liegt, sehe ich ebenfalls nicht; Funktionskreis: Komfortverhalten und konsequent den Raum verlassen wird vom Hund sicher nicht als Konsequenz auf sein nicht erwünschtes Verhalten verstanden, sondern eher als Bestätigung alles richtig gemacht zu haben, um sich den übergriffigen Menschen vom Hals zu halten...

19.) Es folgt ein Training, bei dem Gino Körperberührungen selber herstellt, indem er Frauchen aus der Hand Käsepaste leckt. Es soll eine positive Assoziation zwischen Händen und Futter hergestellt werden. "Solange er frißt, kann er gestreichelt werden." Soll das heißen, daß der Mensch es sich erkauft, den Hund streicheln zu dürfen? Was meint der Mensch damit? Vielleicht: "Ich beruhige mein schlechtes Gewissen, daß ich körperlich übergriffig werde, obwohl ich weiß, daß es Dir (Hund) nicht gefällt und ich es eigentlich von unserer Beziehung her nicht "darf", ich will es aber, also setze ich es durch!" ? Und was kommt beim Hund an? Futter dient normalerweise (auch) der Kommunikation. Wenn man damit inflationär umgeht, ist man wohl nicht in der Lage, es zu verteidigen. Dies könnte dazu führen, daß Gino zukünftig a) mehr fordert, b) mehr verteidigt und damit c) mehr droht. Das stünde einer Lösung im Wege.

Meine Analyse: Der Hund handelt aus der Motivation der Selbstverteidigung heraus. Er ist defensiv aggressiv, zeigt adäquates Drohverhalten und scheint mir als hochsoziales Tier von Frauchen bisher weder Schutz noch Respekt seiner Persönlichkeit und körperlichen Unversehrtheit erfahren zu haben. Im Gegenteil: Von Frauchen und anderen Menschen hat er mutmaßlich körperliche Übergriffigkeiten erfahren, wurde in Situationen gebracht, die ihn überforderten. Die Beziehung zu Frauchen erscheint mir nicht geklärt zu sein, damit ergibt sich eine unsichere Bindung und eine nicht belastbare Struktur. Gino ist auf sich gestellt und hat die Erfahrung gemacht, daß sein Drohverhalten nicht respektiert wird. So mußte er sich selbst zur Wehr setzen, um seinen Körper zu schützen. Dazu kommt eine leichte Tendenz der territorialen Verteidigungsbereitschaft. Terrier sind nicht besonders territorial, geben diese Verantwortung gerne an den Menschen ab. Übernimmt er diese Aufgabe nicht und fühlt sich der Hund in seiner Individualität bedroht, zudem in die Ecke getrieben, weil Fluchtmöglichkeiten nicht bestehen, ist eine selbstverteidigende Aggression nachzuvollziehen. Terrier sind aber durchaus als Solitärjäger gewillt, wichtige Ressourcen zu verteidigen. Zur wichtigsten Ressource zählt die Sicherheit, also die eigene körperliche Unversehrtheit und natürlich das räumliche Territorium, also die Wohnung und bekannte Umgebung des täglichen Gassiganges, aber auch komfortable Liegeflächen wie Bett oder Sofa, Spielzeug als Beuteersatz aber auch Futter. Mein Ratschlag wäre an einer sicheren Bindung zu arbeiten, Frauchen sich das Vertrauen verdienen zu lassen und nicht Gino zum Vertrauen zu erpressen (über Futter) und für klare Strukturen zu sorgen, die Verlässlichkeit und Sicherheit geben. Dafür müsste mindestens sicher gestellt werden, daß es keine körperlichen Übergriffigkeiten gegenüber Gino mehr gäbe: Je kleiner und wuscheliger der Hund ist, umso größer sind eigentlich die Probleme für den Hund. Alle Hunde sind ab einem Alter von etwa 2 Jahren erwachsen und ernsthaft, das sollte als Erstes respektiert werden.

Dieses Fallbeispiel zeigt recht anschaulich wie viel und doch so wenig man aus einem Beitrag von nicht einmal 8 Minuten tatsächlich erkennen kann. Für eine individuelle Analyse bräuchte es natürlich viel mehr Informationen über Mensch und Hund, Vorgeschichte, Gesundheitszustand, Zusammenleben, Erwartungen etc. Was aber aus meiner Sicht recht deutlich wird, ist die Tatsache, daß diese Form der Verhaltenstherapie per Medien einen hohen Nachahmungseffekt haben. Und genau das halte ich für problematisch. Wenn die Motivation des Hundes (nach den Funktionskreisen rein ethologisch analysiert), nicht beachtet wird (und das wird sie im Film aufgrund der Zeit nicht), dann erfolgt jede "Therapie" ohne vernünftige "Diagnose" und das halte ich für ungünstig. Im Zweifel sind die Probleme hinterher manifester als vorher. Daher kann auch mein Ansatz oben nur der Versuch eines Therapievorschlages sein, als diesen bitte ich ihn zu verstehen.

* nach Zimen "Wölfe und Königspudel" Piper Verlag München


















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