Sonntag, 13. März 2016

Kimba ist ein unsicherer Hund. Kimba kommt aus widrigen Verhältnissen und wurde von ihrer jetzigen Besitzerin übernommen, weil sie einen unkomplizierten Hund wollte. Ein Beagle-Labbi-Mischling versprach dies genau zu erfüllen. Also kam Kimba ins Haus und in eine neue Familie. Im Laufe der Zeit stellte man fest, daß Kimba so ihre Problemchen hatte. Sie reagiert extrem auf Wildgeruch und verschwindet dann auch mal schnell über den Deich. Kerstin hat Mühe, immer rechtzeitig vor Kimba Wild zu sichten, in der Regel ist Kimba schneller mit ihrer Nase und auf und davon. So bleibt Kerstin nichts anderes übrig, als sie immer mehr an der Leine zu halten, damit sie nicht entwischt. Doch nicht nur Wild veranlasst die Hündin zum Alleingang, auch wenn sie irgendwo ein plötzliches Geräusch hört, einen Knall oder Schuß, gibt sie Hackengas. Und das passiert leider auch ziemlich oft, aber vor allem unvorhersehbar, denn Kerstin wohnt in Hafennähe, wo Containerschiffe entladen werden und nicht selten schallt vom Hafen ein lautes Geräusch herüber. Auch am Deich und in den nahe gelegenen Wäldern sind Jäger unterwegs und in den Baumschulen ringsherum vertreiben Schußanlagen die Elstern und Raben. Kimba lebt also in einer Welt voller Bedrohungen und Verlockungen. Durch die defizitäre Haltung von Kimba in ihren ersten Lebensbmonaten ist sie mit einem nicht belastbaren Nervenskostüm versehen, zudem hat sie durch die Erfahrung, sich dem Einflußbereich von Kerstin entziehen zu können, eigene Strategien entwickelt und verfestigt, wie sie ihre Bedürfnisse unabhängig von Kerstin, spontan und schnell durchsetzen kann.
 Entscheidet sich Kimba für Flucht, ist sie weg. Entscheidet sie sich für die Jagd, ist sie auch weg. Nicht mehr ansprechbar, impulsiv und ohne wenn und aber. Zuhause zeigt sich Kimba umgänglich, bekannten Menschen zugewandt und auch sehr treu. Sie ist verschmust, immer freundlich, dabei aber in unbekannten Situationen und bei fremden Menschen übervorsichtig und stets auf der Hut. Artgenossen machen ihr Angst, wenn sie fremd sind. Sie hat einige bekannte Hunde, mit denen sie gut zurecht kommt. Alles in allem eigentlich ein für den Menschen unkomplizierter Hund, bei dem man "nur" am Rückruf arbeiten muß, dann wird das schon klappen - sollte man auf den ersten Blick meinen. Doch bei Kimba liegt, wie bei so vielen, der Hund woanders begraben, Kimba hat ein ein sehr geringes Selbstbewußtsein, traut sich nichts zu, außer Weglaufen und versinkt sofort in Frustgebell, wenn man sie durch die Begrenzung der Leine "zwingt", sich mit bestimmten Situationen auseinanderzusetzen. Ich spreche hier nicht von "Geräuschdesensibilisierung" oder "Flooding", sondern von Herausforderungen, vor die sie gestellt wird, die aber nicht direkt zu lösen sind. Sie stellt sich wie ein bockiges Kind hin, schaut schnell fragend zur Besitzerin, wenn sie denkt, sie könnte (und müsste?) sich nicht trauen, zum Beispiel einen Dummy aus einem Karton mit raschelndem Papier zu fischen. Eigentlich traut sie sich schon nicht, den Dummy ins Maul zu nehmen. Sie würde ihn nur zu Kerstin schubsen, wenn überhaupt. Auch das ist Kommunikation und zeigt, wie klein sie ihr Licht beschreiben würde, könnte man sie fragen. Nun könnte man meinen, es sei ein gutes Zeichen von sicherer Bindung, daß Kimba Frauchen anschaut. Ja, grundsätzlich stimme ich dem auch zu, aber in Kimbas Fall ist es etwas Anderes: Kimba lässt uns lernen, daß man sich als kleines schutzloses Hundchen auch schön hinter Frauchen verstecken kann, wenn man denkt, man könnte es nicht schaffen. Oder besser: Wenn man als Hund von sich überzeugt ist, daß man es nicht schaffen wird - also probiert man es erst gar nicht, sondern gibt den Auftrag sofort an Frauchen ab. Eine interessante Form der Zusammenarbeit, wie sie nicht das Ziel sein sollte, zumindest nicht bei einem Hund, der ein solch schlechtes Selbstwertgefühl hat. Denn bringt sich Frauchen tatsächlich in dieser Situation ein, wozu Kerstin verständlicherweise geneigt ist, kann Kimba sich daran nicht weiterentwickeln. Sie würde in ihrer Position als Nichtsnutz verbleiben und könnte nicht an Herausforderungen wachsen. Sie wäre nicht „gezwungen“, eigene Lösungen auszuprobieren, sondern könnte einfach den Job an Kerstin abgeben und wäre aus dem Schneider.
 Wer mich kennt, weiß, daß ich es für die Hunde von Vorteil finde, wenn Hunde ihren Menschen die Verantwortung überlassen. Dies gilt allerdings nicht für die Herausforderungen, die Menschen ihren Hunden stellen können. Der Hund sollte Vertrauen in seinen Menschen haben, und der Mensch sollte seinem Hund zutrauen, daß er die gestellte Aufgabe auch lösen kann. So stärkt man die Beziehung, investiert Vertrauen und Zutrauen und kann das Selbstwertgefühl des Hundes und damit seine soziale Integration in die Partnerschaft ermöglichen.
 Der geneigte Leser merkt schon: Hier geht es nicht um das Erfüllen eines „Befehls“ oder das Abarbeiten einer Lektion für eine zweifelhafte Belohnung. Nein, hier geht es um die individuelle Einschätzung einer Situation, eines Teams, einer Beziehungsqualität und die Frage, welche Kapazitäten und Kompetenzen bringt jeder einzelne mit und wo sind Defizite bzw. Entwicklungspotentiale, um diese einzelnen Komponenten zu optimieren. Es geht also in der Übung NICHT darum, ob und das der Dummy apportiert und abgegeben wird, sondern die Art und Weise, wie sich Kimba mit der Anforderung auseinander setzt. Sie verrät uns damit, welche Strategie sie für sich und Problemsituationen bevorzugt und wie sie mit Frust und Herausforderung umgeht.
 In Kimbas Fall war die Aufgabe folgendermaßen: Ein auf der Seite liegender Pappkarton mit leeren Plastikflaschen gefüllt und großen Papierstreifen wie man sie als Füllmaterial für Versandartikel kennt. Darin versteckt liegt ein Futterdummy. Kerstin führt Kimba an der Leine an den Karton, bleibt im Abstand von etwa einem Meter vor dem Karton stehen und schickt die Hündin zum Suchen. Diese nähert sich schnüffelnd dem Karton, ist von der gesamten Körperspannung nach hinten gerichtet, also eher bereit, nach hinten wegzuspringen, als denn nach vorne zu gehen. Nur die Nase nimmt die Witterung am Boden auf, aber als Kimba feststellt, daß sie den Dummy zwar riechen aber nicht sehen kann, gibt sie direkt auf. Sie versucht nicht einmal, an den Karton heranzukommen, zu groß ist die Unsicherheit und Sorge, es könnte etwas von oben rutschen oder ihr entgegen fallen. Sie wendet sich ab und schaut in die Runde. Kerstin motiviert mit Stimme, weiterzusuchen, woraufhin Kimba abwendet und von dem Karton weggeht. Kimba geht um Kerstin herum und bleibt seitlich hinter ihr stehen. Jetzt ist Kerstin zwischen Kimba und dem Karton. Kimba streckt sich und bellt Kerstin schließlich an.

Kerstin schaut zu Kimba und versucht sie mit Stimme und Leine wieder zum Karton hinzudirigieren. Kimba schaut Kerstin an und bellt. Kerstin steht auf und will sich dem Karton nähern, da stoppe ich das Ganze. Warum? Weil beide in einem Muster hängen und der Teufel "im Detail" steckt. Kerstin wünscht sich so sehr, daß Kimba es schafft,, den Dummy anzustupsen. Kimba hingegen meint von sich, daß sie es im Leben nicht schaffen kann und es doch bitte Kerstin für sie tun könnte. So kommunizieren beide aneinander vorbei. Kerstin ist geneigt, sofort zu Hilfe zu eilen, weil ihr Kimba leid tut und sie sich doch wünscht, Kimba könnte sich überwinden. Kimba wäre einverstanden, wenn Kerstin den Dummy für sie dort herausholen könnte. Doch würde Kimba daran wachsen? Oder würde es sie eher klein halten? 
Also bitte ich Kerstin folgendes zu beachten:
- Kimba nicht mehr ansehen, sondern nur noch auf den Karton zu schauen
- wenn Kimba sich mit dem Karton irgendwie beschäftigt, also ihn ansieht, davor schnuppert oder einen Schritt in Richtung Karton macht, dann sollte Kerstin begeistert motivierend mit Kimba sprechen. Dabei ist es wichtig, daß Kerstin daran glaubt, daß es Kimba schaffen wird, den Dummy zu berühren
- wenn Kimba NICHT mit dem Karton beschäftigt ist, also in der Gegend herumschaut, sie anguckt oder bellt, sollte Kerstin GAR NICHTS tun, außer zum Karton schauen.

Kerstin schafft es sehr feinfühlig und sensibel mit einem super Timing, sich zurückzunehmen, wenn Kimba sie um Hilfe bittet. Die Hündin wird heftiger, motzt jetzt mit tiefer Stimme und Stakkato-Bellen Kerstin an, die konsequent ruhig und konzentriert bei sich bleibt. Kimba hört plötzlich auf zu bellen, geht zum Karton, während Kerstin sie wieder unterstützt.Kimba zieht sich einen Papierstreifen heraus und zerreist ihn. Kerstin bleibt in der verbalen und mentalen Unterstützung - jede Aktion von Kimba mit dem Karton und seinem Inhalt wird von Kerstin begeistert unterstützt.


Während Kimba sich mit dem Karton beschäftigt, weht von der Seite eine abgelegte Plastikplane langsam in Kimbas und Kerstins Nähe. Die Hündin ist geneigt, wegzuspringen, doch ein Blick zu Kerstin verrät ihr - offenbar geht von der Plane keine Gefahr aus. Noch Minuten vorher wäre Kimba angesichts der wehenden Plane mit eingezogener Rute geflüchtet und hätte sich mit eigener Entscheidung der Situation entzogen. So war sie in Kommunikation, Orientierung mental bei Kerstin und konnte die Einschätzung, davon ginge keine Gefahr aus, übernehmen. Kimba bleibt am Ball und mit dem Karton beschäftigt und schafft es, den Dummy frei zulegen. Um Kimba zu erklären, daß es vorteilhaft wäre, den Dummy zu apportieren, wählen wir einen weiteren Trick: Ich bitte Kerstin, den Dummy zu öffnen und das Futter so für Kimba zugänglich zu machen. Allerdings soll sie den geöffneten Dummy wieder in den Pappkarton UNTER das Papier legen. Kimba hat jetzt die Wahl: Wieder das Papier herauswühlen oder die Nase in das Papier und die Plastikflaschen stecken, um an das Futter zu kommen. Die Hündin nähert sich, schnuppert, steckt die Nase in das Papier und frißt etwas. Doch die Berührung mit den Papierstreifen und den Plastikflaschen ist ihr nicht geheuer. Sie nimmt ganz vorsichtig einen kleinen Teil der Stofflasche vom Verschluß des Dummys ins Maul und zieht ihn aus dem Karton. Auch dies geschieht wieder unter der begeisterten Unterstützung von Kerstin. Der Dummy landet vor dem Karton auf dem Fußboden und darf natürlich von Kimba direkt ausgeleert werden.

Dieses Beispiel zeigt anschaulich, welch großes Potential in der Arbeit mit dem Futterdummy steckt, wie hervorragend er geeignet ist, mit Angst- und unsicheren Hunden zu arbeiten, um ihr Selbstwertgefühl zu steigern. Die Bedeutung des Futterdummys in Kommunikation, Kooperation und als therapeutisches Instrument für die Arbeit an der Beziehungsqualität ist durch kein anderes Hilfsmittel im Hundetraining zu erreichen. Und dieses Beispiel zeigt, daß auch mit Leckerchentraining oder dem Training mit Belohnungen diese Erfahrungen für Kimba nicht möglich gemacht hätte. Doch auch die richtige Unterstützung zur rechten Zeit wie auch Passivität und das perfekte Timing zeigen das sensible Zusammenspiel in der Kommunikation und die möglichen Fehlerquellen. Danke an Kerstin und Kimba für diese eindrucksvolle Lektion!

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