Donnerstag, 28. April 2016

konditioniert - dressiert - trainiert - integriert?

Folgende Situation: eine Frau ist im Wald mit ihren beiden Hunden unterwegs. Nennen wir sie Kerstin und die Hunde Fly und Tine. Tine ist eine erwachsene 3,5 Jahre alt Colliehündin und Fly ein Hütehundmix-Mädchen im Alter von 8 Monaten. Kerstin hat das Colliemädchen Tine im Alter von 12 Wochen vom Züchter und Fly aus dem Auslandstierschutz übernommen. Die Colliehündin ist sehr an Kerstin orientiert, da sie als Welpe sehr krank war und Kerstin aus Sorge Tine immer sehr eng bei sich hatte. Fly hingegeen hat man auf der Straße neben ihrer toten Mutter und den Geschwistern gefunden und mitgenommen, da war sie geschätzte 3 Monate als.Alle drei sind nun im Wald unterwegs, als Fly plötzlich wie der Blitz mit der Nase am Boden zur Seite schießt und im Wald verschwindet. Tine und Kerstin bleiben auf dem Weg zurück und hören wie Fly offenbar einer Wildspur folgend rhythmisch bellende Laute von sich gibt. So kann Kerstin einigermaßen verfolgen, wo sich Fly aufhält. Sie ist beunruhigt, also ruft sie Fly hinterher, obwohl sie sich nicht sicher ist, ob Fly auf ihr Rufen reagiert. In der Hundeschule sind sie gerade dabei, den Rückruf zu trainieren, aber so richtig sitzen tut der noch nicht. Wie erwartet, lässt sich Fly nicht blicken. Dennoch kann man ihren Weg gut anhand der Spurlaute verfolgen und so hofft Kerstin, daß Fly gleich wiederkommt. Tine folgt ebenfalls per Blick dem Kläffen, bleibt aber bei Kerstin und macht keinerlei Anstalten, Fly zu folgen. Kerstin beginnt sich darüber zu ärgern, daß ihr Fly entwischen konnte. Man hatte ihr in der Hundeschule dazu geraten, sie nicht von der Leine zu lassen, damit sie in diesem Alter noch keine positive Jagderfahrung machen kann. Der Hundetrainer hatte ihr erklärt, daß das Jagen selbstbelohnend sei, auch wenn der Hund sicherlich nicht schnell genug wäre, um wirklich ein Wildtier zu reißen. Kerstin hat ein schlechtes Gewissen, denn sie spürt, dies könnte genau die Situation sein, von der der Trainer gesprochen hatte. Dennoch bleibt ihr nichts anderes übrig als zu warten. Zum Glück kommt Fly schnell zurück. Plötzlich taucht sie zwischen zwei Bäumen auf und läuft mit rundem Rücken und wedelnder Rute auf Kerstin zu. Kerstin atmet durch und schluckt ihren Ärger herunter. Zu groß ist die Erleichterung und auch die Freude darüber, daß Fly offenbar doch schon ganz gut hört und der Rückruf klappt. Kerstin lobt Fly, zieht ein Leckerchen aus der Tasche und spricht zu ihr mit hoher Stimme, um Fly zu zeigen, daß es richtig ist, zurückzukommen. Im gleichen Moment jedoch springt Tine nach vorne auf Fly zu, knurrt sie an und drückt sie auf den Boden. Kerstin ist erschrocken und schimpft mit Tine. Tine weicht Kerstin aus, blickt sie von unten her an, fixiert aber im nächsten Moment die am Boden liegende Fly. Kerstin versucht, Fly zu trösten und zum Aufstehen zu bewegen. Sie sorgt sich, ob Fly nicht doch lieber wieder das Weite suchen will, wenn sie beim Zurückkommen auf diese Art von Tine "begrüßt" wird. Fly springt auf, wedelt wie ein Welpe mit der Rute und springt an Kerstin hoch.


In dem Moment stürzt sich Tine erneut auf Fly und drückt sie wieder auf den Boden, indem sie die Schnauze von Fly ins Maul nimmt und runterdrückt. Fly jault einmal auf, wirft sich auf die Seite und wimmert. Kerstin ist stinksauer auf Tine, brüllt sie an und Tine springt weg, um der wütenden Kerstin auszuweichen. Dennoch bleibt der Blick auf Fly geheftet. Kerstin ist ratlos, was denn nur in Tine gefahren ist und beschließt, mit beiden Hunden nach Hause zu gehen. Sie ruft beide zu sich und marschiert los. Tine läuft an ihr vorbei nach vorne und schnuppert am Wegesrand. Kerstin ist erleichtert, daß Tine sich offenbar beruhigt hat. Fly läuft ebenfalls an ihr vorbei, ihre Körperhaltung ist locker und Kerstin freut sich, daß Fly diesen Ausflug offenbar ohne Schaden überstanden hat. Fly macht auf dem Rückweg keinerlei Anstalten, den Weg zu verlassen, sie klebt förmlich in der Spur von Tine, schnuppert hier und da, wo Tine geschnuppert hat und auch die Colliehündin lässt Fly komplett in Ruhe. Von Aggression wie in der Situation im Wald ist keine Spur mehr zu sehen. Kerstin ist etwas verunsichert, wie sie das Verhalten von Tine einschätzen soll, sie macht sich Sorgen, die beiden Hündinnen könnten sich nicht verstehen und am Ende müsste sie sich vielleicht von einem der beiden Hunde trennen. Doch der Rückweg lässt sie etwas entspannen, da es zu keiner weiteren Auseinandersetzung der beiden kommt, sie laufen hintereinander in lockerem Trab bis zum Auto. So nimmt sich Kerstin vor, mit dem Hundetrainer zu besprechen, wie sie am Abruf von Fly arbeiten kann, damit das besser klappt und was zu tun ist, damit Tine sich mit Fly wieder besser versteht. Zur Sicherheit will sie mit beiden Hunden ersteinmal getrennt unterwegs sein. So kann sie sich besser auf jeden einzelnen konzentrieren und an der Bindung zu Fly arbeiten. Sie befürchtet außerdem, daß die Attacke von Tine dazu geführt hat, daß Fly nicht mehr so gerne zurückkommt und hofft, daß Fly nicht SIE damit in Verbindung gebracht hat, daß es Ärger gab. Fly soll gerne zurückkommen, so wird es doch im Abruftraining gelehrt. Also macht sich Kerstin am nächsten Tag alleine mit Fly auf und sucht sich eine Wiese, um den Abruf zu trainieren. In ihrer Tasche hat sie Fleischwurst, die riecht gut und lässt sich prima als Belohnung füttern. In der anderen Tasche hat sie ein dickes Stück Käse - einen Superjackpot. Käse gibt es nur ganz selten und nur für ganz besonders gute Leistungen. Auf dem Hinweg läuft Fly etwas vor, schnuppert rechts und links, bleibt aber artig auf dem Weg. Jedes Mal, wenn Kerstin sie anspricht, bleibt Fly stehen, schaut sich direkt zu ihr um und auf Kommando kommt Fly angetrabt. Sie bekommt ein Stück Fleischwurst und darf ihren Weg fortsetzen. Kerstin entspannt sich, es läuft alles super. Fly macht keinerlei Anstalten, irgendeiner Spur zu folgen, nur als ein angeleinter Hund von vorne kommt, springt sie bellend vor. Zum Glück lässt sich Fly aber schnell abrufen, kommt direkt zu Kerstin zurück und bekommt diesmal drei Brocken Fleischwurst, weil Kerstin sehr stolz darauf ist, daß sie sich abrufen lies. Kerstin und Fly kommen also ohne Probleme an der Wiese an. Fly schnuppert am Waldesrand und Kerstin denkt sich, das sei eine gute Gelegenheit schon gleich den Abruf auch unter Ablenkung zu üben. Sie ruft mit hoher Stimme "Hiiiiiiier!". Fly schießt herum, galoppiert auf Kerstin zu und freut sich mit wedelnder Rute. Kerstin ist froh, daß alles so gut läuft, holt ein Stück Käse aus der Tasche und belohnt Fly für den gelungenen Rückruf. Ihre Erleichterung, daß Fly offenbar keinen Schaden genommen hat durch die Aggression von Tine, erfüllt sie auch mit Stolz. Sie freut sich schon auf die nächste Trainingsstunde in der Hundeschule, wo sie zeigen kann, wie toll der Rückruf klappt. Sie denkt, sie hat alles richtig gemacht und entscheidet, mit Fly in den Wald zu gehen, denn das Spurlaufen neulich war wohl nur ein Ausrutscher. Man kann es ihr auch nicht verdenken, hat doch Kerstin mit Mantrailing angefangen und ihr damit ja schon auch den Weg geöffnet, die Nase einzusetzen. Beide gehen entspannt des Weges, Fly lässt sich abrufen und Kerstin platzt vor Stolz auf ihre kleine folgsame Hündin.

Einige Wochen später ist Kerstin wieder mit beiden Hunden im Wald. Das Aggressionsverhalten von Tine Fly gegenüber hat sich nicht wiederholt und Kerstin ist entspannt. Beide Hunde laufen vorne auf dem Weg, schnuppern hier und da und alles ist ruhig, als plötzlich vorne ein Reh den Weg kreuzt. Tine hat es nicht gesehen, weil sie gerade intensiv ein Grasbüschel beschnupperte, aber Fly. Fly schießt nach vorne wie der Blitz. Kerstin erschreckt sich, ruft reflexartig "Hiiiiiiier!", Fly läuft zunächst noch etwas weiter, stoppt dann aber kurz bevor sie die Colliehündin erreicht. Kerstin freut sich wie ein kleines Kind über ihren Hund und ruft nochmal, damit sich Fly einen Jackpot abholen kann. Während des weiteren Weges denkt Kerstin über die Situation nach und auf einmal kommt ihr der Gedanke in den Kopf, es könnte vielleicht gar nicht der Abruf gewesen sein, der Fly gestoppt hat. Sie war schließlich noch etwas weiter gelaufen und auch gar nicht zurückgekommen. Ohnehin hatte sie in den letzten Wochen das Gefühl, daß sich etwas verändert. Irgendwie orientiert sich Fly immer mehr an Tine statt an ihr.

Was war geschehen? In der ersten Situation als Fly aus dem Wald zurückkam, nahm sie körpersprachlich eine beschwichtigende Haltung ein: Rücken krumm, Rute unten, Kopf geduckt, Ohren zurück. Ihr war klar, sie würde Ärger bekommen, denn sie war aus dem sozialen Verband "eigenmächtig" ausgestiegen. Sie erwartete eine Maßregelung, die sie von der Mama in der 7./8.Woche auch bekommen hatte. Statt Ärger bekam sie von Kerstin eine positive Stimmung, da sich Kerstin über das Zurückkommen freute und dies auch positiv bestärken wollte, damit der Hund über Konditionierung lernen würde, dass es sich lohnt, zurückzukommen. Dennoch erfolgte durch die erwachsene Colliehündin die Maßregelung, mit der Fly eigentlich von Kerstin "als adäquate Ersatzmama" gerechnet hatte. So gab es für Fly beides: Positive (= ich füge etwas hinzu) Belohnung und positive Strafe (Schreckreiz, Schnauzgriff, Runterdrücken) von der Collie-Hündin. Beide Maßnahmen haben nach den Lerntheorien Konsequenzen: Die von Kerstin: Komm immer zurück (Rückruf), das lohnt sich für Dich und die von der Colliehündin wäre demnach: Komm nicht zurück, dann kriegst Du Ärger.
Beide Maßnahmen haben aber daneben auch kommunikativen Charakter: Die von Kerstin sagt aus: Egal was Du vorher getan hast, was Du jetzt tust, ist richtig und die von der Colliehündin sagt aus: "Das, was Du vorher getan hast, hat auch eine Bedeutung und zwar für uns als Gruppe und das geht nicht! Du kannst nicht aus der Gruppe aussteigen, Dein eigenes Ding machen und Dich und uns damit in Gefahr bringen!"
Und genau das würde auch passieren, wenn z.B. eine Kindergartengruppe - angeleitet von erwachsenen Fürsorgegaranten - gemeinsam auf dem Weg zum Bus ist und ein Kind meint, es müsse jetzt Blumen auf einer Wiese pflücken. Man würde dafür sorgen, daß die Gruppe zusammenbleibt und notfalls auch mit dem blumenpflückenden Kind schimpfen, um es von seinem Vorhaben abzuhalten. Auch das wäre per Definition eine positive (ich füge etwas hinzu) Strafe.

Konditionierungen wie Kerstin sie im Rahmen des Rückruftrainings durchführt, müssen um generalisisert zu werden, hunderte von Malen an unterschiedlichen Orten durchgeführt werden. Die soziale Komponente spielt dabei eine untergeordnete Rolle, der Hund würde zu jedem gelaufen kommen, der ruft und ein Leckerchen rausrückt. Erziehung im sozialen Kontext, wie sie die Collie-Hündin durchgeführt hat, müssen mitnichten hunderte von Malen durchgeführt werden. Sie sitzen in der Regel beim ersten Mal. Der Hund hat ein obligates Bestreben, in eine soziale Gruppe integriert zu werden. Wer alleine ist, ist verloren, so sein genetisches Erbe. Also ist er von sich aus geneigt, soziale Interaktionen richtig zu interpretieren, hündisches Verhalten zu verstehen und zu akzeptieren. Dies gewährt ihm die Sicherheit, durch Kommunikation im Dialog verstanden zu werden und selber auch verstehen zu können. Rückruf und Leckerchengabe ist auch Kommunikation, allerdings eine, die im sozialen Kontext eher gegenteiligen Charakter hat, da diese Form (Rückruf) und Futtergabe unter Hunden so nicht stattfinden würde. So KANN der Hund dieses Verhalten nicht in einen sozialen Kontext einsortieren, weil er sozusagen dafür keine Matrix hat. Die Zeiten, in denen die Mamahündin den Welpen freiwillig Futter abgegeben hat, sind seit der 7.Woche vorbei. Seitdem wird Futter verteidigt und Tabus gesetzt, einen "Rückruf" hat es so nicht gegeben. Stattdessen wurde unerlaubtes Entfernen von der Gruppe geahndet und korrigiert.

Was also lernt Fly in diesem Beispiel und das erklärt auch ihr Verhalten in der zweiten Wildsichtungssituation? Sie lernt, daß die Colliehündin ein verlässlicher Sicherheitsgarant ist, den man ernst nehmen sollte, an dem man als Jungspund nicht einfach vorbeizurasen hat und orientiert sich entsprechend an ihr. Sie scheint das Leben und die Gefahren zu kennen und richtig einschätzen zu können. Kerstin hingegen hat ja offenbar keine Ahnung vom Leben, lässt Fly selber Erfahrungen machen, in Situationen, die Fly wichtig findet und versucht in gestellten Situationen Verhalten zu dressieren. Dafür erkauft sie sich Flys Aufmerksamkeit, die Fly ihr freiwillig (also ohne Lohn) gar nicht geben würde. Sie ist kein Sicherheitsanker und verdient damit auch keine Aufmerksamkeit oder den Anspruch auf Vorgaben, was zu tun oder zu lassen ist.
Erziehung ist eben nicht Dressur oder Training, sondern Integration in die soziale (Menschen-)gruppe unter Berücksichtigung dessen, was der Hund von uns erwarten darf, wenn wir ihn aus seiner eigentlichen sozialen Gruppe herausreißen.

1 Kommentar:

  1. Ein sehr interessanter Artikel. Danke dafür. Ich habe schon vor 4 1/2 Jahren aufgehört, Leckerchen zu geben. Weil ich sehr früh merkte, das klappt nicht. Wenn meiner unerlaubt stöbern geht, belohne ich ihn nicht für's Zurückkommen. Im Gegenteil, er bekommt sofort die Konsequenzen zu spüren.
    Meine Hundetrainerin war damals nicht sehr angetan darüber, dass ich keine Leckerchen mehr geben wollte.

    Ich lerne immer noch dazu. Und ich bin froh, dass es Leute mit Verstand gibt, die andere Hundebesitzer über das Verhalten der Hunde innerhalb des Rudels aufklären.

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