Freitag, 7. Oktober 2016

Wenn Du denkst, Du denkst, dann denkst Du nur, Du denkst...


"Das macht er sonst nie!", "Der will nur spielen!", "Das meint er nicht so...!", "Das darf er ja auch, ist ja sein (Ball, Futter, Platz, Garten, Haus...)!", "Der ist so klein!", "Der ist so jung!" "Der kann nicht anders, es ist ein...(Labbi, Terrier, Hütehund...)!"

Wer kennt sie nicht? Erklärungsversuche, Rechtfertigungen oder besser: Ausreden. Warum ist das so? Warum sehen wir die Dinge gerne anders als sie wirklich sind?


Wir denken in Kategorien


Nun, das Säugetiergehirn, also auch das des Menschen, ist darauf ausgelegt, alles was es wahrnimmt in Kategorien zu packen. Das erleichtert die Bewertung ungemein. Es gibt für alles eine Schublade und jede Kategorie verfügt über einen eigenen Erfahrungsschatz zur Einschätzung und Beurteilung einer Situation. Wir sind also geneigt, jede Situation zunächst in eine Kategorie einzusortieren. So sehen wir die Dinge mit unseren eigenen Augen und gehen mit jeder kommenden Situation nicht mehr unvoreingenommen um.
Was das Hundeverhalten betrifft, haben wir die Kategorien schon geschaffen, bevor der Hund überhaupt zu uns kommt.


Hunde sind freundlich


Wir gehen von vornherein davon aus, daß Hunde in der Regel niedlich sind, gerne spielen und Leckerchen mögen. Hunde untereinander sind friedlich gestimmt, "wollen Hallo sagen" und gerne miteinander toben. Wenn für einen Hund Zwangsmaßnahmen eingesetzt werden, dann heißen sie "Mauli" oder "Halti". Beschäftigt man sich mit dem Hund ist es mit einem "Spieli" und fressen tun sie "Leckerchen" oder "Kekse". Unser Vokabular macht schon klar, welche grundsätzliche Sichtweise wir in Bezug auf den Hund haben: Wir nehmen ihn nicht ernst. Er ist für uns ein Wesen, das immer fröhlich sein soll, verspielt, ewig jugendlich albern und ohne jede ernste Absicht.


Hunde sind anders


Wenn es dann doch dazu kommt, daß der Hund ungewöhnlich - nicht in diese Kategorien passend - reagiert, dann kommen Ausreden. Redet man sich raus, setzt man sich nicht mit der Situation auseinander, sondern verbleibt in seiner Kategorie. Ist ja auch bequem darin, das gibt ein sicheres Gefühl, man kennt sich aus. Wir halten diese neue Situation für eine Ausnahme und gehen zur Tagesordnung über - bis zum nächsten Mal. Dann erschrecken wir uns wieder und finden die nächste Ausrede. Bis irgendwann eine Situation passiert, wo es keine Ausrede mehr gibt. Das kann dann so aussehen, daß Besucher das Haus nicht mehr betreten können, andere Tiere bedroht werden oder Kinder in Gefahr geraten.


Plötzlich und unerwartet?


Dies hat sich in der Regel lange vorher angekündigt, doch der Besitzer hat die Alarmglocken nicht gehört. Das ist die eigentliche Gefahr, wenn wir in Kategorien denken. Wir sehen und hören nicht mehr hin. Wir nehmen das warnende Knurren nicht ernst, sondern denken: "Solange er knurrt, beißt er nicht zu." Wir gestehen dem Hund ernsthafte Absichten nicht zu, weil wir seine wahre Natur nicht sehen wollen oder aus Unkenntnis nicht Bescheid wissen. Wir haben nur wenig Ahnung davon, was ein Hund eigentlich ist: Ein hochsozialer Beutegreifer mit territorialer Verteidigungsbereitschaft. Wir wollen ihn sehen als Plüschtier, Familienmitglied und Kinderersatz; als ein Lebewesen, daß sich uns anzupassen hat, wobei wir nicht bereit sind, dafür etwas zu tun.


Hundeerziehung oder hündische Erziehung?



Der (junge) Hund muß nicht "Sitz!, Platz! und Fuss!" lernen. Der Hund sollte eine soziale Integration erfahren, wie es auch in seiner hündischen Familie passieren würde: Mit Regeln und Akzeptanz seiner Natur: Keine Hundeerziehung sondern eine hündische Erziehung mit klaren Regeln, Grenzen und Konsequenzen. Kommt der Hund in seine menschliche Familie, sollte man fortführen, was die hündische Familie begonnen hat: Grenzen setzen statt grenzenlose Freiheit, Regeln einhalten statt unkontrollierte Selbständigkeit, Zusammenarbeit und soziale Integration statt Unabhängigkeit. Dann orientiert sich der Hund am Mensch auch ohne, daß sich dieser ein Leckerchen an die Stirn hält. Wenn wir uns von den Kategorien trennen, bereit sind, neue Schubladen zu öffnen und davon ausgehen, daß alles, was der Hund tut, auch eine kommunikative Bedeutung hat, öffnen wir uns schon für neue Erkenntnisse, die uns sonst verborgen bleiben.

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