Freitag, 25. November 2016

Mein Hund zieht nur, weil er schnell hin will

Verhalten des Hundes, wie zum Beispiel "an der Leine ziehen", wird oft damit gerechtfertigt, der Hund wolle schnell dorthin. Dabei ist es manch einem Hund gleichgültig, ob das Objekt seiner Begierde Mensch, Artgenosse oder ein anderes Tier ist. Erblickt der Hund etwas, das er interessant findet, steigt er mitunter aufgeregt in die Leine und zieht seinen Menschen hinterher, um möglichst schnell Kontakt aufzunehmen. Doch ist es wirklich freundliches "Hallo"-Sagen, wenn der Hund kaum mehr zu halten ist? Ehrlich gesagt bezweifel ich, daß es so ist und dafür gibt es auch klare Hinweise:

1. Kontaktaufnahme von Hunden ist in der Regel leise

Die Annäherung zweier Artgenossen erfolgt in der Regel durch seitliche vorsichtige Annäherung, gegenseitiges Umkreisen und Beschnuppern. Ist man sich sympathisch, dann folgt vielleicht ein Spiel, ist man sich egal, geht man getrennte Wege. Hochterritoriale Hunde oder solche, die ein mangelhaftes Sozialverhalten an den Tag legen, machen auch schon einmal unmißverständlich klar, daß sie keinen Artgenossen in ihrer Nähe dulden. Immer aber erfolgt der erste Kontakt, die erste Annäherung in der Regel eher leise als laut.

2. Die frontale Annäherung ist respektlos und in der Regel ein Angriff auf die Individualdistanz des anderen

Kommt also ein Artgenosse auf den eigenen Hund frontal zugeschossen, ist klar, daß dieser ebenfalls frontal entgegentritt, sofern er Angriff als Reaktion auf diese Attacke wählt. Alternativ könnte er auch Übersprungsverhalten oder Flucht wählen, wird aber erfahren, daß sein Ziel, nämlich eine Distanzvergrößerung keinen Erfolg hat. Spätestens dann wird er beim nächsten Mal eine andere Strategie, nämlich die des Gegenangiffs wählen, um Eindruck zu machen.


3. Aggressives Verhalten dient der Distanzvergrößerung

Und frontale Annäherung, Blickfixieren, sowie Bellen und Knurren sind aggressives Verhalten. Dient dies an der Leine gezeigt, eigentlich der Distanzvergrößerung steht dem offenbar eine Fehleinschätzung des Hundebesitzers gegenüber, der behauptet: "Mein Hund will überall schnell hin!" Nun kommt in der Regel die Antwort: "Doch, doch, mein Hund will schnell dahin, und hat er Hallo gesagt, ist alles ok." Wie kann das sein? Nun, oben schrieb ich bereits, daß es immer eine Frage der Strategie ist, die der Hund wählt. Es gibt nur die Möglichkeiten der sogenannten 4 F's: Flirt, Fight, Freeze und Flight - zu deutsch: flirten ( = Übersprung), kämpfen, erstarrten oder flüchten. Jede Situation erlebt der Hund irgendwann einmal zum ersten Mal. So auch der Kontakt mit Artgenossen, um bei diesem Beispiel zu bleiben. Bei dieser Premiere versucht der Hund mit seiner Strategie, die sich aus Genetik und Vorbildverhalten der Mutter ableitet, die Situation zu beherrschen. Reicht seine Strategie aus, das Problem zu lösen, wird er sie beibehalten. Bleibt das Problem bestehen, wird er seine Strategie ändern. In der Regel machen die Hunde im Freilauf andere Erfahrungen mit Artgenossen als an der Leine. Im Freilauf ist flüchten zum Beispiel eine Option, die an der Leine nicht funktioniert. So kann es dazu kommen, daß der Hund lernt: Im Freilauf kann ich Probleme mit Flucht lösen, an der Leine nicht. Also braucht der Hund für die Leinensituation eine andere Strategie und nicht selten lautet die dann: Angriff ist die beste Verteidigung. So erklärt sich, warum Hunde im Freilauf scheinbar sozial kompetenter sind als an der Leine und wie Leinenaggression entstehen kann. In beiden Fällen aber macht der Hund auch die Erfahrung, daß sein Mensch nichts regelt und damit offenbar ihm die Aufgabe zuteilt. So wird dieser Hund immer danach streben, seinen Job zu tun - er wird immer reaktiver auf Außenreize.
Aus dem eigentlichen Bestreben nach Distanzvergrößerung wird der Wunsch, möglichst schnell den anderen "klarzumachen", bevor man selber klar gemacht wird. Frei nach dem Motto: Wer zuerst dem anderen zeigt, wer das Sagen hat, hat nicht das Nachsehen.


4. Verhalten, das sich lohnt, wird bestärkt

Das kennen wir schon aus der Hundeerziehung Stichwort positive Verstärkung. Hat der Hund also mit seiner gewählten Strategie gefühlt Erfolg, weil der Artgenosse vielleicht klein beigibt und entsprechend reagiert, poliert das möglicherweise ziemlich das eigene Ego auf. Ein gutes Gefühl, jemanden beeindruckt zu haben, ist etwas, das gerade unsichere Hunde aufbaut. Also wird dieses Verhalten bei nächster Gelegenheit wieder gezeigt. Und nicht nur das: Es wird schneller, öfter und heftiger gezeigt. So funktioniert Lernen.

5. Alternativverhalten und Abbruch als Lösung?

Diesem sich selbst belohnenden Problemverhalten nun eine Alternative entgegenzusetzen, ist denkbar schwierig und in der Praxis sehr aufwändig und oftmals nur mit mäßigem Erfolg anzutrainieren. Es ist im üblichen Hundetraining nach der Methode der positiven Verstärkung ausgesprochen schwierig, wenn es um Verhalten geht, daß der Hund NICHT zeigen soll. Schnell landet man dann in den Bereichen der positiven und negativen Strafe. Abbruchsignale sollen den Hund vom gezeigten Verhalten umlenken auf ein Alternativverhalten. Doch löst das das Problem des Hundes? Oder lenkt es nur ab? Was kommuniziert man dem Hund, wenn man angesichts einer potentiellen Artgenossen-Attacke, emotional und im Management stets mit dem eigenen Hund beschäftigt ist? Zeigt das nicht nur noch mehr die eigene Unfähigkeit und Unsicherheit, mit Außenreizen umzugehen?

Halten wir fest:
- Im Freilauf kann der Hund besser agieren, weil er alle Möglichkeiten hat, zu reagieren
- An der Leine stehen manche Verhaltensweisen und Reaktionsoptionen nicht zur Verfügung
- Aggressives Verhalten dient der Distanzvergrößerung
- Problemverhalten wird nicht weniger, solange es sich lohnt
- Abbruch und Alternativverhalten sind nicht der Weisheit letzter Schluß


Doch wie lösen wir nun das Problem?


Zunächst ist es wichtig zu wissen, in wie weit sich dieses Verhalten schon gefestigt hat und ob bereits eine Generalisierung stattgefunden hat. In welchen Situationen, bei welchen Begegenungen zeigt sich dieses Verhalten? Gibt es Unterschiede in den Hunderassen, beim Geschlecht, ob angeleint oder nicht, ob die Leine durchhängt oder straff ist oder reagiert der Hund egal, ob der andere unter Kontrolle ist oder nicht. Ein Hund, der an straffer Leine vor seinem Menschen läuft, ist nicht unter Kontrolle und forciert das Problemverhalten des eigenen Hundes.
Weiterhin ist wichtig, wie groß die gefühlte Individualdistanz des eigenen Hundes ist, in der er Artgenossen ertragen kann, ohne unangemessen zu reagieren. Dann sollte man mit Distanzen beginnen, die vom eigenen Hund gut auszuhalten sind. Wichtig ist vor allem, daß während der Trainingsphase KEINE Situationen mehr auftreten, bei denen das Problemverhalten gezeigt werden kann bzw. muß. Ein guter Hundetrainer arbeitet daran, die Sicherheit des Hundes zu berücksichtigen, die Kompetenz des Hundehalters zu stärken und den Hund aus den Verantwortungen zu nehmen. Dies gelingt in der Regel nicht über Abbruch und Alternativverhalten, sondern über Management und Coaching.


Ein Hund, der in der Leine hängt, will nicht zu anderen hin, sondern von anderen weg.

Donnerstag, 3. November 2016

Dominanz, Abrichtung und Unterwerfung

Wie kann das sein? Wir leben in einer multimedialen Welt mit Zugang zu Internet everywhere. Man kann sich jede Fernsehsendung immer wieder ansehen, Mediatheken und   Livestreams machen bewegte Bilder stets verfügbar. Bücher für die Oldschool-Leseratten gibt es en masse. Für die nicht ganz so bibliophilen gibt es Internetforen und Facebook, Instagram und sonst was, um zu lesen, zu diskutieren oder auch nur anzusehen.

Und doch...immer und immer wieder höre ich von alten Märchen. Wissen, das man nicht mehr als solches bezeichnen kann, so überholt ist es. Mythen oder Irrungen trifft es besser. Irrungen im Umgang mit dem Hund, Irrungen über sein Verhalten und große Irrtümer wie Menschen sich Hunden gegenüber verhalten sollen.

Gerade gestern erreichte mich wieder ein Anruf, bei dem die Besitzerin eines 10 Monate alten Hundes davon berichtete, man hätte ihr geraten, den Hund zu unterwerfen, er müsse eingenordet werden, sie sollte mal klar machen, wer das Sagen hat. Er wäre aufmüpfig und würde sich dominant verhalten. Leute - ein 10 Monate alter Hund! Eine französische Bulldoge noch dazu - ganz ehrlich! Was war passiert? Der Hund ist unsauber! Er pinkelt in die Bude - ein klares Kennzeichen von Übernahme der Weltherrschaft! (Ironie aus!)
anhand der Körpersprache erkennt man Widerstand gegen die Maßregelung

Man hat es dann auch mit dem Hund durchgeführt - ihn unterworfen. "Und hat es etwas geändert?", frage ich. "Nein, er hat dabei gepinkelt", ist die Antwort. Ich mache den Besitzern keine Vorwürfe. Zu oft erreichen mich die Nachrichten über solche Vorgehensweisen, nach klugen Tipps aus der Umwelt, nicht selten von "Fachleuten". Ich frage mich ernsthaft, wie diese Irrungen alle Attacken von Aufklärung, Bauchgefühl und gesundem Menschenverstand überleben können. Von wissenschaftlichen Erkenntnissen, die kund getan werden, mal ganz zu schweigen.

Längst ist die Beziehungsstruktur unter Hunden von der angeblich hierarchischen Dominanztheorie widerlegt. Nochmal zum Mitschreiben: Caniden (= Hundeartige) leben in einem dem Menschen ähnlichen
F A M I L I E N V E R B A N D aus Mutter, Vater und den Kindern mehrerer Jahrgänge, manchmal noch Onkel und Tanten dabei.

Der Führungsanspruch oder besser - die Führungsverpflichtung wird nicht erkämpft, sondern ergibt sich aus der Konstellation: Die Eltern sind (wie bei uns Menschen) diejenigen, die über mehr Lebenserfahrung verfügen. Sie sind schlicht ÄLTER und erfahrener. Da macht es Sinn, sich an ihnen zu orientieren. Natürlich erziehen sie den Nachwuchs auch und das ist manchmal auch grob (aus unserer Sicht), aber stets nachvollziehbar und angemessen. 

Aber es ist vor allem eines: Situativ - das heißt, der Hundevater oder die Hundemutter maßregelt in der Situation und nicht einfach nur, um klarzustellen, wer das Sagen hat. Danach ist wieder gut. Führungspersönlichkeiten haben es einfach nicht nötig, sich dazustellen. Sie werden aufgrund ihrer höheren Kompetenz anerkannt, nicht weil sie auf den Putz hauen. Das auf den Rücken-drehen, der Schnauzgriff oder das Herunterdrücken des Hundes durch seine Bezugsperson muß auf ihn geradezu lächerlich wirken, wenn es "einfach nur so" gemacht wird oder - schlimmer noch - aufgrund eines Verhaltens, das der Hund aus Unsicherheit oder Angst zeigt. Maßregelungen werden von den Elterntieren nur dann gezeigt, wenn der Welpe oder Junghund eine vorher gesetzte Grenze überschritten hat. 
hier zum Vergleich ein Schnauzgriff (fast ohne Körperkontakt!)
von dem Vater gegenüber der Tochter, die ihm Respekt zollt

Dies kann zum Beispiel das unerwünschte Unterschreiten der Individualdistanz des Elterntieres sein oder das unerlaubte Entfernen aus der Gruppe und ihrem Bewegungsradius. Um das zu verstehen und richtig umzusetzen, braucht es Beobachtungsgabe und das Erkennen von Verhalten, sowie Verständnis für Natürlichkeit. Darin liegt vielleicht auch die Antwort auf die Frage: Wie kann es sein?...wir sind so verkopft, so weit weg von Natürlichkeit, immer wollen wir alles verändern und beeinflussen, auf Teufel komm raus. Hunden werden sogar natürliche Beziehungsformen nicht mehr zugestanden, sie müssen sich auf unsere Vorstellung von Zusammenleben einlassen und sich dem anpassen. Wenn wir ihnen denn wenigstens eine Ersatzfamilie mit Ersatzeltern bieten würden, doch auch hier disqualifizieren wir uns, wenn wir alten Irrungen Glauben schenken und sie ungefiltert anwenden. Was wir dann verändern ist die Grundlage der Beziehung: Das Vertrauen schwindet, das Problemverhalten nicht.