Donnerstag, 3. November 2016

Dominanz, Abrichtung und Unterwerfung

Wie kann das sein? Wir leben in einer multimedialen Welt mit Zugang zu Internet everywhere. Man kann sich jede Fernsehsendung immer wieder ansehen, Mediatheken und   Livestreams machen bewegte Bilder stets verfügbar. Bücher für die Oldschool-Leseratten gibt es en masse. Für die nicht ganz so bibliophilen gibt es Internetforen und Facebook, Instagram und sonst was, um zu lesen, zu diskutieren oder auch nur anzusehen.

Und doch...immer und immer wieder höre ich von alten Märchen. Wissen, das man nicht mehr als solches bezeichnen kann, so überholt ist es. Mythen oder Irrungen trifft es besser. Irrungen im Umgang mit dem Hund, Irrungen über sein Verhalten und große Irrtümer wie Menschen sich Hunden gegenüber verhalten sollen.

Gerade gestern erreichte mich wieder ein Anruf, bei dem die Besitzerin eines 10 Monate alten Hundes davon berichtete, man hätte ihr geraten, den Hund zu unterwerfen, er müsse eingenordet werden, sie sollte mal klar machen, wer das Sagen hat. Er wäre aufmüpfig und würde sich dominant verhalten. Leute - ein 10 Monate alter Hund! Eine französische Bulldoge noch dazu - ganz ehrlich! Was war passiert? Der Hund ist unsauber! Er pinkelt in die Bude - ein klares Kennzeichen von Übernahme der Weltherrschaft! (Ironie aus!)
anhand der Körpersprache erkennt man Widerstand gegen die Maßregelung

Man hat es dann auch mit dem Hund durchgeführt - ihn unterworfen. "Und hat es etwas geändert?", frage ich. "Nein, er hat dabei gepinkelt", ist die Antwort. Ich mache den Besitzern keine Vorwürfe. Zu oft erreichen mich die Nachrichten über solche Vorgehensweisen, nach klugen Tipps aus der Umwelt, nicht selten von "Fachleuten". Ich frage mich ernsthaft, wie diese Irrungen alle Attacken von Aufklärung, Bauchgefühl und gesundem Menschenverstand überleben können. Von wissenschaftlichen Erkenntnissen, die kund getan werden, mal ganz zu schweigen.

Längst ist die Beziehungsstruktur unter Hunden von der angeblich hierarchischen Dominanztheorie widerlegt. Nochmal zum Mitschreiben: Caniden (= Hundeartige) leben in einem dem Menschen ähnlichen
F A M I L I E N V E R B A N D aus Mutter, Vater und den Kindern mehrerer Jahrgänge, manchmal noch Onkel und Tanten dabei.

Der Führungsanspruch oder besser - die Führungsverpflichtung wird nicht erkämpft, sondern ergibt sich aus der Konstellation: Die Eltern sind (wie bei uns Menschen) diejenigen, die über mehr Lebenserfahrung verfügen. Sie sind schlicht ÄLTER und erfahrener. Da macht es Sinn, sich an ihnen zu orientieren. Natürlich erziehen sie den Nachwuchs auch und das ist manchmal auch grob (aus unserer Sicht), aber stets nachvollziehbar und angemessen. 

Aber es ist vor allem eines: Situativ - das heißt, der Hundevater oder die Hundemutter maßregelt in der Situation und nicht einfach nur, um klarzustellen, wer das Sagen hat. Danach ist wieder gut. Führungspersönlichkeiten haben es einfach nicht nötig, sich dazustellen. Sie werden aufgrund ihrer höheren Kompetenz anerkannt, nicht weil sie auf den Putz hauen. Das auf den Rücken-drehen, der Schnauzgriff oder das Herunterdrücken des Hundes durch seine Bezugsperson muß auf ihn geradezu lächerlich wirken, wenn es "einfach nur so" gemacht wird oder - schlimmer noch - aufgrund eines Verhaltens, das der Hund aus Unsicherheit oder Angst zeigt. Maßregelungen werden von den Elterntieren nur dann gezeigt, wenn der Welpe oder Junghund eine vorher gesetzte Grenze überschritten hat. 
hier zum Vergleich ein Schnauzgriff (fast ohne Körperkontakt!)
von dem Vater gegenüber der Tochter, die ihm Respekt zollt

Dies kann zum Beispiel das unerwünschte Unterschreiten der Individualdistanz des Elterntieres sein oder das unerlaubte Entfernen aus der Gruppe und ihrem Bewegungsradius. Um das zu verstehen und richtig umzusetzen, braucht es Beobachtungsgabe und das Erkennen von Verhalten, sowie Verständnis für Natürlichkeit. Darin liegt vielleicht auch die Antwort auf die Frage: Wie kann es sein?...wir sind so verkopft, so weit weg von Natürlichkeit, immer wollen wir alles verändern und beeinflussen, auf Teufel komm raus. Hunden werden sogar natürliche Beziehungsformen nicht mehr zugestanden, sie müssen sich auf unsere Vorstellung von Zusammenleben einlassen und sich dem anpassen. Wenn wir ihnen denn wenigstens eine Ersatzfamilie mit Ersatzeltern bieten würden, doch auch hier disqualifizieren wir uns, wenn wir alten Irrungen Glauben schenken und sie ungefiltert anwenden. Was wir dann verändern ist die Grundlage der Beziehung: Das Vertrauen schwindet, das Problemverhalten nicht.




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