Sonntag, 23. Juli 2017

Gewalt beginnt im Kopf


 Man stelle sich vor: Lukas, vier Jahre alt, ein hübscher kleiner Junge ist mit seiner Mutter auf dem Weg zum Spielplatz. Dort erwarten ihn schon seine Freunde aus dem Kindergarten. Er hat heute seinen neuen Bagger dabei, den er unbedingt ausprobieren möchte. Er kann es nicht erwarten, endlich im Sand spielen zu dürfen und konnte schon nicht richtig still sitzen, als Mama ihm die Schuhe anziehen wollte. Mama findet es wichtig, daß die Schuhe zugebunden werden und besteht darauf, daß er die Beine still hält. Aber er konnte es nicht abwarten und zappelte herum. Mama machte böse Zischgeräusche und sah ich drohend an. Er schaute sie mit großen erschrockenen Augen an, so einen Blick kannte er von ihr nicht und traute sich nicht mehr, sich zu bewegen. Außerdem hatte er Angst, sie könnte ihn wieder in den Keller sperren. Neulich als er nicht einschlafen konnte und noch aufgeregt im Bett hüpfte, da hat sie es gemacht und auch als er Nachts Angst vor der Dunkelheit hatte und dachte, unter seinem Bett seien Gespenster. Im Keller ist es kalt und dunkel, er fühlte sich sehr einsam und verlassen und weinte die ganze Zeit leise vor sich hin.
 Der Weg zum Spielplatz ist nicht weit, er kennt ihn gut und läuft schon voraus in fröhlicher Erwartung, seinen Bagger im Sand auszuprobieren und die Freunde zu treffen. Lukas läuft so schnell ihn die kleinen Beinchen tragen, als plötzlich von hinten ein Schlüsselbund hinter seinen kleinen Füßen auf den Boden knallt. Er erschreckt sich und bleibt stehen, schaut sich zu Mama um, die ihn wieder drohend anschaut und böse mit ihm schimpft. Lukas versteht nicht, warum er nicht vorlaufen darf; auf dem Weg zum Kindergarten durch den Park ist es in Ordnung, auf dem Spielplatz darf er auch überall hin, während Mama auf der Bank sitzt, warum jetzt hier nicht? Er senkt den Kopf, weil er spürt, daß Mama sehr böse auf ihn ist. Er mag es nicht, wenn Mama mit ihm schimpft, aber er versteht auch nicht, was sie so böse macht. Er verspürt Angst, sie könnte ihn nicht mehr lieb haben. Sie gehen ein paar Meter weiter, Lukas bleibt jetzt lieber erstmal dicht bei Mama, als er seinen Freund Tim schon am Tor des Spielplatzes sehen kann. Tom ruft "Hallo Lukas, komm schnell, wir wollen eine Autobahn bauen, wir brauchen Dich und den Bagger!" Lukas läuft los, der Bagger wippt in seiner kleinen Hand. Auf einmal hört er einen Zischlaut und im nächsten Moment spritzt Wasser auf seinen Rücken. Er bleibt stehen, dreht sich erschrocken um und sieht wie Mama eine Wasserflasche auf ihn gerichtet hält und böse drohend zu ihm blickt. Sie sagt mit tiefer böser Stimme: "Wehe, Du läufst weiter!"

In der Kinderpsychologie benennt man einen derartigen Umgang mit dem Kind "seelische Misshandlung", zu der u.a. folgende Aspekte zuzuordnen sind (Barbarino und Fonda 1986): "Terrorisieren: Das Kind mit Drohungen ängstigen und einschüchtern, Isolieren: Das Kind von Außenkontakten abschneiden, das Gefühl von Einsamkeit und Verlassenheit vermitteln, einsperren." Dies entspricht einer sozialen Isolation, isoliert auch und vor allem von Familienmitgliedern und Sozialpartnern.

Zugegeben, dieses Szenario ist frei erfunden, doch ein solches Vorgehen scheint im  Hundebereich gesellschaftsfähig zu werden, wenn man sich durch die Ratschläge in den Medien arbeitet. 


Der Hund ist durch den Domestikationsprozess im Vergleich zum Wolf als Urahn des Hundes, jugendlich in seinem Verhalten geblieben. Der Hund verbleibt Zeit seines Lebens in der Abhängigkeit zum Menschen, was ihn mit einem Kind vergleichbar macht. Auch haben wir Hundehalter eine Fürsorgepflicht wie bei Kindern, wenn wir einen Hund übernehmen. Der Hund ist als einzig domestizierte Haustierart in der Regel in die Familie integriert und genießt nicht selten den gleichen Stellenwert wie ein Kind. Und doch würden wir (hoffentlich) mit unseren Kindern nie so umgehen wie es oft für den Hund empfohlen wird.
Dieser Trend zur Einschüchterung, Bedrohung und Isolation scheint der Versuch zu sein, einen Mittelweg zwischen von der Dominanztheorie geprägten schmerzhaften und zum Teil aggressiven Vorgehensweise mit "Alpharolle", Schnauzgriff, Leinenruck, und aversiven Strafzeizen (Strom- und Stachelhalsbänder) und dem sogenannten "Wattebauschwerfen", dem vermeintlichen Weglassen von Strafen zu sein. Vermeintlich deshalb, weil dem Hundehalter oft Glauben gemacht wird, daß eine "Arbeit mit ausschließlich positiven Bestärkungen" ausschließlich positiv sei. Doch das ist nicht möglich, wenn man sich die Lerntheorien und Definitionen von Belohnungen und Bestrafungen ansieht, dann ist schon das Ausbleiben einer Belohnung per Definition eine negative Strafe. Doch das soll hier nicht Thema sein.

Möglicherweise soll es ein anderer Weg sein, damit man dem Hund Grenzen setzen, ihm klar machen kann, was erwünscht und was nicht erwünscht ist ohne aversiv oder zu soft vorgehen zu müssen, weil aversiv verboten ist und zu soft nicht zum Erfolg führt?


Dazu kommt, daß in der körpersprachlichen Kommunikation des Hundes im Ausdrucksverhalten kein Unterschied zu erkennen ist, ob ein Hund sich submissiv, also unterwerfend verhält oder Angst hat. Das Bild, welches der Mensch sieht, ist ein Hund, der sich scheinbar unterwirft, im Körper einknickt, den Rücken rund zieht, den Blick abwendet, sich vielleicht sogar auf den Rücken wirft und aktiv oder passiv beschwichtigt. Doch auch ein Hund, der eingeschüchtert ist, Angst hat, zeigt dieses Verhalten, da die Option Flucht durch geschlossene Türen oder Zäune oder durch die Leine nicht möglich ist. So denkt der Hundehalter möglicherweise, seine seelische Misshandlung würde bei dem Hund Früchte tragen, weil er sich ja "unterwirft" und damit die höhere Stellung des Menschen "akzeptiert", doch in Wahrheit entwickelt der Hund zunehmend mehr Angst vor seinem eigenen Sozialpartner Mensch, dem er nicht entfliehen kann. Eine ambivalente Bindung ist  zwangsläufig die Folge einer solchen Vorgehensweise und wie man sich denken kann: fatal für jeden Vertrauensaufbau.

Tatsächlich sollte man sich darüber im Klaren sein, was das mit dem Hund macht, was wir mit dem Hund machen. In Situationen, in denen ein Hund unerwünschtes Verhalten zeigt, sollte die erste Frage sein: "Warum tut er das jetzt?" und nicht: "Wie kriege ich das abgestellt?"
Macht man sich auf die Suche nach den Gründen, warum der Hund tut, was er tut, findet man sehr schnell viele Dinge über den eigenen Hund heraus, die man vorher überhaupt nicht bedacht und erkannt hat. Es ist also eine Chance, seinen Hund besser kennen zu lernen. Dies beugt im Übrigen auch zukünftigen Missverständnissen vor.

Wenn also, um ein Beispiel zu nennen, der Hund an der Leine zieht, kann eine Motivation dafür sein (und ist es in der Regel auch), daß der Hund OHNE Leine die Verantwortung für das Team übernimmt. Das kann jeder ganz einfach überprüfen: Einfach die Leine abmachen und sehen, was passiert: Läuft der Hund vorne weg und macht den Weg frei, bleibt vielleicht ab und an stehen und schaut sich nach seinem Menschen um, dann ist er sehr sozial mit dem Menschen, weil er sein hündisches Tempo der Langsamkeit des Menschen anpasst. Dieser Hund ist als erster an den Außenreizen, die da kommen und damit der Entscheidungsträger, was mit diesen Reizen zu tun ist. Egal, ob es Spaziergänger, Artgenossen oder andere Tiere oder Dinge der unbelebten Umwelt sind.

Die Motivation in diesem Beispiel kann also sein, die Verantwortung und Entscheidung zu tragen. Das geht genau so lange gut, bis der Hund eine aus der Sicht des Menschen falsche oder unerwünschte Einscheidung trifft: Zum Beispiel einen Jogger anbellen. Dann kommt die Leine geflogen, die Wurfschelle oder was auch immer. Der Hund wird eingeschüchtert und bedroht. Für den Hund ist diese Reaktion des Menschen, wenn er sie denn mit diesem überhaupt in Verbindung bringt, verunsichernd und birgt die Gefahr des Vertrauensbruchs. 
Nicht selten passiert zudem diese Form der "Erziehung" in Momenten, in denen der Hund ohnehin schon durch den Außenreiz verunsichert ist. Häufig ist die Ursache für problematisches Verhalten eine Verunsicherung oder Angstreaktion des Hundes: Zum Beispiel das Bellen am Gartenzaun kann aus der Angst vor Verlust der eigenen Ressourcen und Sicherheit geschehen. Wirklich sichere Hunde sind souveräne Hund bellen in der Regel nicht am Gartenzaun. Sie warten, bis derjenige das Grundstück betritt und dann: "Viel Glück!"
Es kann auch Selbstdarstellung oder ritualisiertes Verhalten sein, weil der Hund nichts Anderes gefunden hat, womit er sich Anerkennung und Integration in die Gruppe vorstellen kann. Dann könnte er aus Angst vor Verlust der Gruppenzugehörigkeit am Gartenzaun bellen und seinen Job machen. Irgendwann kommt dann noch der Spaßfaktor dazu, weil die Außenwelt entsprechend auf den Krawall reagiert und den Hund in seiner Vorgehensweise bestärkt: Es fühlt sich für den Hund auch gut an, wenigstens aus dem Schutz des gesicherten Grundstückes heraus, jemanden zu beeindrucken. Wenn ihm das schon sonst nicht gelingt. Dann ist es Angst, nicht ernst genommen zu werden. Im Übrigen eine begründete Angst vieler Hunde, denn wir Hundehalter neigen dazu, unsere Hunde nicht ernst zu nehmen. Die kleineren Hunde schon dreimal nicht. Katastrophal für den Hund.
Doch neben Wasserflasche, Wasserpistole, Wurfschelle und fliegenden Leinen gibt es auch noch die Einschüchterung über zischende Laute oder drohendes Fixieren bzw. drohende Körpersprache. Hunde untereinander nutzen sehr wohl Laute (Knurren), Blickfixieren und auch Körpersprache, um miteinander zu kommunizieren. Man sollte meinen, dies sei eine für den Hund nachvollziehbare und der Tierart Hund angemessene Kommunikation.
Ich habe keinen Zweifel daran, das der Hund das auch so versteht, denn die von mir beobachteten Reaktionen der Hund zeigen in der Regel einen Abbruch des Verhaltens, sowie in der Regel eine submassive Körpersprache.
Damit ist das unerwünschte Verhalten des Hundes abgestellt und der Mensch zufrieden. Respekt oder Angst - diese Frage bleibt unbeantwortet, da die Körpersprache des Hundes als Reaktion keine Differenzierung zulässt.

Für den Hund verbleibt auch möglicherweise eine Ambivalenz in den Reaktionen des Menschen, weil es Situationen gibt, in denen der Hund bedroht wird und andere, in denen der Hund das gleiche Verhalten zeigt, aber nicht bedroht wird. So kann der Hund nicht erkennen, was wirklich erwünscht und was unerwünscht ist.
Man sollte sich über die Motivation des Hundes für sein Verhalten klar sein und darüber nachdenken, wann das Verhalten auftritt und ob ich zum Beispiel dem Hund nicht ständig wieder Gelegenheit bzw. Verantwortung übertrage, dieses Verhalten zeigen zu müssen. Prävention ist das Stichwort und nicht Korrektur, Bestrafung oder Ablenkung. Erst wenn ich mir sicher sein kann, daß ich dem Hund mit meinem gesamten Handling und Umgang "erklärt" habe, wer für was zuständig ist, kann ich ihn auch in seine Schranken weisen, ohne ihn zu bedrohen oder einzuschüchtern. Mit "in seine Schranken weisen" meine ich vor allem, sich selber körperlich einzubringen, zu splitten und den Hund körperlich abzugrenzen von dem, was er als Reaktionsauslöser betrachtet ohne ihn zu bedrohen oder einzuschüchtern.
 Im Zweifel kann ich dies auch über Begrenzungen wir z.B. Leine und/oder Hausleine tun, um den Hund in seinem Radius einzugrenzen und mich selber handlungsfähig zu machen, ohne die Individualdistanz des Hundes zu verletzen.
Oft führt auch zunächst das Vermeiden von Situationen im "roten Bereich" dazu, daß erst einmal das Vertrauen wieder hergestellt werden kann, eine sichere Bindung entsteht. Dann ist die Grundlage geschaffen, den Hund mit schwierigeren Situationen zu konfrontieren und ihn durch diese zu geleiten. Wenn es dann noch nötig sein sollte, eine angemessene Grenze aufzuzeigen, wird diese ohne Einschüchterung oder Strafe möglich sein, der Hund wird den sozialen Zusammenhang verstehen und sein Verhalten entsprechend modifizieren. Meine Erfahrung ist: Ist die Beziehung auf sichere Beine gestellt, genügt meist ein Blick des Menschen und ein Gedanke, damit der Hund sein unerwünschtes Verhalten unterlässt. Der Mensch wird berechenbar in seinen Reaktionen, das schafft Vertrauen und Sicherheit, der Hund kennt seinen Rahmen und seine Verantwortungen und wird sich in der Regel dankbar darauf beziehen. Oft genug erlebe ich, daß Hunde in sicheren Beziehungen gar kein unerwünschtes Verhalten mehr zeigen.

Schau hin und frage Dich, warum Dein Hund tut, was er tut. Schau hin und frage Dich, was könnte dazu führen, daß Dein Hund NICHT tut, was er eigentlich tun soll: Ist es an dieser Stelle zu diesem Zeitpunkt sicher genug (aus der Sicht des Hundes!) es zu tun oder gibt es gute Gründe, es zu lassen ? In eine Angstsituation hinein zu korrigieren, sollte tabu sein.

Es hat alles einen Sinn, denn alles ist Kommunikation. Nach Watzlawick (Psychotherapeut, Soziologe und Kommunikationswissenschaftler): Man kann nicht nicht kommunizieren

Aber: Man kann es (auch absichtlich) missverstehen.

Mittwoch, 12. Juli 2017

Fortsetzung zu "Das ist ein guter Hund"

Gedanken eines Rüden an sein(e) Frau(chen)

Du willst, daß ich nicht an der Leine ziehe, aber ich muss doch vorne sein.

Du sagst, ich soll nicht bellen und auf andere Tiere und Artgenossen reagieren, aber einer muß es doch tun.
Du verhinderst, daß ich mich mit anderen Hunden auseinandersetze, bringst mich aber täglich in die Konfrontation.
Du knurrst ein Platz, dabei heißt knurren in meiner Sprache, daß ich auf Distanz zu Dir gehen soll.
Du forderst Bewegungslosigkeit von mir ein, aber die Anspannung ist so hoch, ich kann nicht ruhig bleiben.
Du willst, daß ich nicht jaule und schreie, aber Du tust mir weh.
Ich verstehe Dich nicht. Dabei bist Du mir doch so wichtig. 

So könnten die Gedanken Ihres Hundes aussehen. In den letzten zwei Jahren und am Samstagmorgen vor zwei Wochen wurde ich mehrfach ungewollt Zeuge Ihrer Hilflosigkeit im Umgang mit Ihrem Hund. Es ist mir ein wichtiges Anliegen, Ihnen einen anderen Weg aufzuzeigen, Ihren Hund zu verstehen, mit ihm zu kommunizieren und letztlich seine und Ihre eigenen Probleme mit ihm artgemäß und angemessen zu lösen.
Anbei finden Sie einen Gutschein für den Abendvortrag „Environmental enrichment“ von Jan Nijboer am 06.Oktober von 19 - 22 Uhr im Sportlife Hotel in Elmshorn. Für ein optimiertes Verständnis Ihres Hundes empfehle ich Ihnen Frau x aus der Hundeschule y zu konsultieren.

Bitte ändern Sie etwas.

Mit freundlichen Grüßen

Freitag, 30. Juni 2017

"Das ist ein guter Hund!"

Archivbild
Ja, davon gibt es sehr viele. Vielleicht ist es sogar bei allen Hunden zutreffend. Sie sind nicht nur gut, sondern vor allem hochsozial und erst Recht, wenn es um "ihren" Menschen geht. Ja, auch Dein Hund, liebe Frau Hundehalterin. Auch Dein Rüde ist ein guter Hund. Auch wenn Du heute morgen und gestern Nachmittag, vorgestern und all die Tage vorher so gar nicht das Gefühl hattest. Auch wenn Dein Hund von Welpenalter an über die Junghundezeit und Pubertät bis heute seit etwa 2 Jahren Dir den letzten Nerv raubt, diverse Hundetrainer verschlissen hat und Unmengen von Geld für Haltegeschirre, Körperleinen und sonstige Hilfsmittel. Auch ein Stachelhalsband war dabei. Genützt hat es offenbar nichts. Sonst wärst Du heute morgen um halb acht vor meiner Haustür nicht schon wieder so ausgerastet. Du glaubtest Dich unbeobachtet, doch das Schreien Deines Hundes war nicht zu überhören. So wurde ich unbeabsichtigt Zeuge Deiner Verzweiflung und vielleicht sogar Hoffnungslosigkeit.

Viele Begegnungen draußen mit Dir und Deinem Hund ließen mich ahnen, was vermutlich noch alles hinter den Kulissen passiert. Das was ich im Vorbeigehen oder -fahren sah, reichte aus. Auch wenn es nur Momentaufnahmen waren, sicherlich der Kontext fehlte, dennoch: Wer zum Teufel hat Dir dazu geraten, dies mit Deinem Hund zu tun?

Heute morgen bekam ich nun Gewissheit, daß es für den Hund einen guten Grund gibt, mindestens einmal am Tag auf seinem mit hohen Sichtschutzzäunen abgesicherten Grundstück aufzujaulen. 

Es macht mich gleichermaßen entsetzt und traurig, zu sehen, wie sich Deine größer werdende Verzweiflung in Deinem Hund spiegelt. Er bleibt nur jaulend liegen und mag sich nicht mehr rühren, doch die Anspannung ist zu groß, es ist keine Entspannung zu sehen. Er wehrt sich nicht, dafür ist er zu sozial mit Dir, auch nicht, wenn Du sein Ohr umdrehst, ihn trittst, an der Leine reißt oder damit schlägst oder die Schnauze zudrückst.

Jetzt noch geht es ihm um seine und Deine Individualdistanz, die er nach außen meint verteidigen zu müssen. Irgendwann geht es ihm nur noch um seine. Vielleicht liebt er Dich aber so sehr, daß er Dir nie das antun würde, was Du ihm antust. Dann wird er weiterhin verzweifelt versuchen, für Dich aufzutreten, Dich zu schützen gegen die vermeintlich gefährliche Außenwelt, solange Du ihm den Job gibst. Nun wirst Du sagen: Ich gebe ihm den Job nicht, ich will, daß er das lässt. Ja, das ist das was Du sagst. Was Du tust, ist das Gegenteil davon: Du gibst ihm den Job, wenn Du ihn ständig wieder in Situationen bringst, in denen er meint, es tun zu müssen. 

Auch Dein Hund ist ein guter Hund mit gutem Grund zu tun, was er tut. Aus seiner Sicht. Auch Dein Hund ist ein guter Hund...


Donnerstag, 13. April 2017

Achtung! Leckerchen könnten Deine Beziehung gefährden!

Manchmal wünsche ich mir Umverpackungen für das Hundetraining. Umverpackungen, auf denen Warnhinweise stehen oder besser noch - Warnungen, die fotografisch festgehalten sind wie auf den Zigarettenpackungen zur Abschreckung. Schließlich sollen diese Warnhinweise über die Wahrheit zu dem angebotenen Produkt aufklären. Und genau das würde ich mir fairerweise für den Verbraucher, den Hundebesitzer wünschen. Stattdessen wird ein Produkt verkauft, eine Theorie, eine Philosophie, die dem Menschen glauben machen will, so würde man eine Beziehung zum Hund aufbauen. Allein die Wahrheit über die Qualität der Beziehung wird nicht genannt.

Lerntheorien werden heruntergebetet, als wüsste man wissenschaftlich gesehen, nicht längst viel mehr. Theorien, nach denen sich Hundeverhalten aufgrund von Reiz-Reaktionsmustern und durch Versuch und Irrtum erklärt. Theorien, nach denen Menschen überzeugt behaupten, ihr Umgang mit dem Hund wäre ausschließlich positiv. Es geht sogar so weit, daß Menschen behaupten, ALLES Verhalten, auch das von Menschen sei konditioniert.

Gerade Hundetrainer, die sehr oft von sich behaupten, sie würden den Job nicht des Geldes wegen ausüben, sondern weil sie sich berufen fühlen, strafen sich selber Lügen, wenn ihr Training auf der Grundlage von Konditionierungen und dem Belohnungssystem für den Umgang mit dem Hund basiert.
Und der Hund bringt uns an unsere Grenzen. Ganz schnell. Dann muß man aufrüsten, attraktiver für den Hund werden, das XXL-Leckerchen oder die Superbelohnung hervorzaubern, damit er das verlangte Verhalten zeigt, der Abruf klappt oder eine andere Dressur. Die Entscheidung, etwas zu tun, bleibt aber bis zuletzt beim Hund. Und genau das kriegt der Hundebesitzer zu spüren. Auf dem Platz klappt es gut, draußen und im Alltag nicht. Dann muß man es eben üben oder das Timing des Hundebesitzers ist schlecht. Ja so einfach ist das eben nur nach den Lerntheorien. Die Wahrheit ist eine andere. Die Wahrheit ist, daß man nach dem Tierschutzgesetz dazu angehalten ist, die Grundbedürfnisse des Hundes zu erfüllen. Nahrungsaufnahme gehört dazu. Demnach ist das Vorenthalten von Nahrung durchaus kritisch zu bewerten. Gleiches gilt für soziale Zuwendung und Integration des Hundes.
Die Wahrheit ist, daß der Hund in jeder seiner Aktivitäten eigene Prioritäten setzt und nicht selten halten Hunde ihre Menschen zum Narren, lassen sie warten und verweigern die Mitarbeit. Andere Hunde würden für ein Leckerchen oder die Belohnung schier alles tun. Ist es tatsächlich die Belohnung oder vielmehr die letzte Chance in sozialen Kontakt zum Menschen zu kommen? Nicht selten würden solche Hunde sich auch problemlos mit dem Leckerchen oder Spielzeug von ihren Menschen wegführen lassen - welche Qualität hat eine solche Bindung? Welche Rolle spielt für den Hund eigentlich SEIN Mensch? Ist er ihm nur zugewandt, weil der Hund keine andere Wahl hat? Er kann schließlich nicht gehen - wohin denn auch? Ist der Mensch der Futterautomat? Wie sieht der Hund seinen Menschen? Wie sozial ist er tatsächlich an ihn gebunden? Oder ist es eigentlich egal, wer den Ball oder das Leckerchen wirft? 
Schaut man sich verschiedene Untersuchungen an, wird schnell klar: Für den Hund ist soziale Anerkennung und Integration in die menschliche Familie wichtiger als das Leckerchen. Das Bindungshormon Oxytocin wird bei Blickkontakt und körperlicher Nähe ausgeschüttet, nicht beim Fressen. Hunde untereinander belohnen sich nicht mit Leckerchen und würde der Hund sich entscheiden können zwischen einem Leckerchen-gebenden Menschen und einem Artgenossen, würde er sich erst das Leckerchen holen, aber seine soziale Zuwendung und Aufmerksamkeit bliebe bei seinem Artgenossen, von dem er mehr zu erwarten hat, als nur einen Keks.
Futter bzw. Beute(-ersatz) spielt bei Hunden eine große Rolle in der Kommunikation und Erziehung. Beutetragen und -verwalten ist ein wichtiges Kennzeichnen des Fürsorgepartners, in der Regel der Elterntiere. Kein Hund würde ernst genommen werden von einem Artgenossen, wenn er inflationär mit Futter um sich schmeißen würde, genauso wie wir Menschen wenig zuverlässig finden, wenn sie mit wertvollen Dingen nicht umsichtig umgehen.

Macht der Hund früh, im schlimmsten Fall als Welpe, die Erfahrung, daß Menschen nicht ernst zu nehmen sind, keine Ahnung von der Interpretation hündischer Kommunikation haben und vom Hund erwarten, daß er in einer künstlichen und von Menschen erschaffenen Welt der Geschäftsbeziehung lebt, wird sich das automatisch auf die Qualität der Beziehung auswirken. Es wird eine unnatürliche, künstliche Form der Beziehung werden, wenn der Hund sich überhaupt darauf einlässt. Nicht selten sehe ich Hunde, die selbst in hohem Alter noch, verzweifelt versuchen, mit ihren Menschen in Kontakt zu treten - vergebens. Die natürlichste Form der Beziehung wäre die, in die der Hund hineingeboren wurde. Die geprägt ist von sozialer Interaktion, von Lernen am Vorbild "Mama", durch natürliche Orientierung am Muttertier, weil sie für Schutz sorgt und weiß, wie das Leben funzt, von Integration des Hundes in die Gruppe angesichts seiner Kompetenzen, von freiwilliger Mitarbeit ohne Zwang aber mit Konsequenzen, die den Rahmen schaffen, miteinander zu leben. Das ist das, was der Hund erwartet, wenn er zu uns kommt. Das ist das, wozu wir eigentlich verpflichtet sind, es zu leisten.

Wie schade für alle Menschen und Hunde, deren Beziehung so desolat ist, daß der Mensch für den Hund keine bedeutende Rolle mehr spielt. Eine Beziehung zwischen Mensch und Hund kann so innig und vertraut sein, so erfüllend und beglückend für beide Seiten. Es ist nie zu spät, damit anzufangen, eine sichere Bindung und innige Beziehung zu seinem Hund aufzubauen, doch dieser Weg führt nicht durch die Hand, sondern durch Herz und Hirn.

für mehr Hintergrundinfos: bitte hier klicken



Montag, 10. April 2017

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Probleme? Die kriegen nur die anderen. Ich habe so viel Erfahrung im Umgang mit Hunden, mir passiert das nicht. Hunde aus dem Tierschutz, vor allem solche aus dem Ausland sind besonders ängstlich und anspruchsvoll? Nein, mein geretteter Hund wird so nicht sein. Auf geschönte Beschreibungen hereinfallen? So blöd muß man erstmal sein, ich weiß, worauf ich achten muß. Einen Welpen zu übernehmen, macht viel Arbeit und braucht Zeit und Geduld? Nein, mein Welpe wird sich ganz selbstverständlich in die Familie einfügen. Die Anzeige im Internet könnte ein Vermehrer und der Hund gar nicht in Deutschland geboren sein? Nein, das glaube ich nicht. Die Beschreibung war so echt, das kann gar nicht unseriös sein.

Fehler machen grundsätzlich nur die anderen. Probleme sind bei einem selbst nicht zu erwarten. Und wenn dann doch etwas schief geht, bekomme ich oft die Frage: "Warum hat mir das nur keiner vorher gesagt?!" - Ja, das weiß ich auch nicht...

Egal, ob es um das Thema Auslastung und notwendige Ruhephasen des Hundes geht oder die Absicherung des soeben aus scheinbar widrigen Umständen geretteten und so gar nicht dankbaren Straßenhundes. Die Irrtümer in den Köpfen der Hundehalter bringen mich immer wieder zum Staunen. Nicht nur, daß der frisch gebackene Hundehalter davon ausgeht, daß ihm grundsätzlich nichts passieren kann und wird, sondern auch bekannte Warnungen werden einfach in den Wind geschrieben. Als ob man unsterblich wäre. 

Ich frage mich, wie es dazu kommt, daß Hundehalter so überzeugt davon sind, ihnen würde nichts Außergewöhnliches widerfahren. Liegt es daran, daß im Zweifel und wenn es schief geht, sowieso "die Anderen" Schuld sind? Hundehalter tappen ohne Umwege von einem Fettnapf in den nächsten. Da werden gnadenlos bestimmte Hunde angeschafft und vehement beteuert, sie seien aus einer seriösen Zucht. Das Ergebnis sind innerhalb der folgenden 12 Monate (und länger) endlose Rechnungen von Tierärzten über Behandlungen von Durchfallerkrankungen, Ohrentzündungen, Allergien bis hin zu operativen Eingriffen für mehr Lebensqualität.
Kommen sie nicht vom "Züchter", werden sie aus dem Ausland hierher geschleust, manche mit einem LKW bis vor die Tür geliefert und auch hier ist der Hundehalter in Verteidigungsbereitschaft: Nein, diese Orga, die hat es wirklich drauf - die kennen ihr Geschäft. Die machen das schon Jahrelang und haben viele tolle Bewertungen im Internet. Das Ergebnis sind Hunde, die nicht einmal stubenrein sind, geschweige denn irgendwie in der Lage, sich in unserer Welt zurecht zu finden. Die Probleme, die daraus entstehen sind vielfältig wie die blumigen Beschreibungen ihrer Verursacher, nur folgenschwerer. Die Orgas sind in der Regel nach der Auslieferung nicht mehr zuständig und die Enttäuschung groß. So hat man sich das nicht vorgestellt - im Zweifel landet der Hund in einer Pflegestelle oder im Tierheim. Ein neues Tier wird geholt und nicht selten aus der nächsten zweifelhaften Vermittlung. Als ob man es nach dieser Erfahrung nicht besser wüsste.

Drum prüfe, wer sich ewig bindet...ich kann nur appellieren: Checkt doch bitte alles ab, was irgendwie geht, bevor Ihr Euch für ein bestimmtes Tier entscheidet. Fragt Leute, die sich damit auskennen, die jahrelang Erfahrungen gesammelt haben, die Euch sagen können, wohin die Reise gehen kann und welche Alternativen es gibt. Hundehaltung kann echt toll sein und großen Spaß bringen - macht es Euch nicht von vornherein so schwer! Der Leidtragende am Ende ist immer der Hund - er hat keine Wahl!

Donnerstag, 2. März 2017

Wieviel Hundsein braucht der Hund?

"Der soll einfach mal Hund sein dürfen!", oft kann man diesen Spruch aus Hundehaltermund hören. In verschiedenen Zusammenhängen dient er nicht selten dazu, das eigene Gewissen zu beruhigen. Auch in nicht unbedingt optimal geeigneten Gebieten wird die Leine abgemacht, damit der am anderen Ende hängende Ballast Mensch den Hund nicht mehr in seinen Aktivitäten stört. Er soll endlich einmal die Freiheit genießen, die der Mensch sich selber und auch sein Hund ihm nicht zugesteht. Der Hund darf schnuppern, markieren und seinen Interessen nachgehen - einfach "endlich mal Hund sein!" Solange der Hund diese Freiheit nicht ausnutzt und jagen geht oder sich umplanmäßig seinen sexuellen Interessen hingibt, ist es für Frauchen und Herrchen eine willkommene Gelegenheit, sich aus der Verantwortung zu ziehen. Leine ab, Freikommando und schon kann Hund tun, was er will. Endlich kann auch der Besitzer seinen Bedürfnissen nach frischer Luft und Vogelgezwitscher nachgehen, den Kopf frei kriegen von all den Gedanken und sich an der Freiheit seines Hundes erfreuen. Ist das verwerflich? Nun, es ist auf jeden Fall menschlich nachvollziehbar, aber dennoch vielleicht ein Holzweg.

Wenn wir dem Hund das Geschenk machen möchten, ihn so sein zu lassen wie er nunmal ist, sollten wir zunächst klären, was der Hund denn ist. Und schon merken wir sehr schnell, daß das, was wir im Kopf haben, nicht unbedingt zutrifft, vielleicht sogar nicht viel mehr als Wunschdenken ist:

Der Hund ist ein Bewegungstier und möchte laufen


Begründet wird diese Aussage nicht selten von Fachleuten mit der Tatsache, daß Wölfe oftmals bis zu 70 km pro Tag zurücklegen. Die bevorzugte Gangart ist ein sogenannter geschnürter Trab, bei dem die Hinterpfoten in die Spur der Vorderpfoten treten, was eine besonders ausdauernde und energiesparende Fortbewegungsart ist.
Aus diesem Grund fahren viele Menschen mit ihren Hunden Fahrrad, um Strecke zu machen und den Hund auszulasten oder gehen stundenlang spazieren.

Wieviel Wolf steckt im Hund?


Doch ist dem wirklich so? Sollten wir mit unseren Erklärungen immer den Wolf heranziehen? Zweifelsfrei ist der Wolf der Stammvater des Hundes. Vor mehr als 30.000 Jahren hat sich der heutige Haushund aus der Stammesgeschichte des Wolfes abgespalten und parallel zum heutigen Wolf entwickelt. Wissenschaftler gehen heute davon aus, daß es auf dem Weg vom Wolf zum Hund noch eine Art Urhund gegeben hat. Eine dem Urhund ähnliche Form des Hundes lebt auch heute noch in einigen wenigen Teilen der Welt als isolierte genetische Art. Das Ehepaar Coppinger beschreibt in seinem Buch zum Beispiel die Hunde der Insel Pemba vor der ostafrikanischen Küste als eine Art Urform des heutigen Rassehundes.
Auch in Thailand findet man Hunde ähnlichen Lebensstils
Dort gibt es keine Haushunde wie wir sie hier kennen, sondern nur eine relativ einheitliche Form eines bestimmten Hundetyps, der sich offenbar perfekt in seine ökologische Nische eingefunden hat: Um als Abfallvertilger in der Gefolgschaft des Menschen kommensalisch zu leben, halten sich die Hunde in der nähe der Menschen auf, sind aber nicht als Haustiere zu bezeichnen, da sie sich in der Regel nicht anfassen lassen und auch nicht zum Besitz der Menschen zählen, sondern einfach da sind. Es kümmert sich keiner um Gesundheit, artgerechte Beschäftigung oder Ernährung, geschweige denn um Geburtenkontrolle oder Zuchtauswahl. Auch legen diese Hunde keinesfalls Kilometer lange Strecken zurück, um in neue Jagdgebiete zu gelangen, da ihr Jagdgebiet sozusagen vor der Haustür liegt: Sie stromern um die Häuser herum und fressen, was sie finden. Ansonsten liegen sie im Schatten der Palmen und ruhen sich aus oder beobachten die Umgebung.



Der Hund muß sich ohne Einschränkung durch Leine oder Zaun austoben können


Die Hundeleine und Begrenzungen durch einen Zaun dienen weniger dem Begrenzen und Einschränken des Hundes als vielmehr dem Schutz des eigenen Hundes vor der unkontrollierbaren Außenwelt. Hunde werden auch angeleint und begrenzt, damit sie anderen nicht lästig fallen, was wiederum ein Schutz des Hundes vor der Außenwelt ist. Zeigt der Hund nämlich unangemessenes Verhalten, folgen Konsequenzen durch Gesetz und Ordnung, die Hund und Halter noch mehr einschränken. Begrenzungen sind nicht Verlust von Freiheit des Hundes, sondern vielmehr ein Sicherheitsgeschenk. Nur in unseren Köpfen fühlt es sich anders an. Schauen wir wieder zu den Hunden auf Pemba: Wenn dort ein Hund unangenehm auffällt, weil er vielleicht unangemessenes Verhalten an den Tag legt, dann werden dort direkt für den Hund tödliche Konsequenzen gezogen. Dieser Hund wird sich nicht fortpflanzen, sondern der Population entnommen und getötet oder mindestens verjagt. Es gibt also auch für wilde Hunde ohne Leine und Zaun sehr wohl Begrenzungen ihres Verhaltens durch die natürliche Auslese. Wenn wir also unserem Hund, der bisher durch Begrenzungen Sicherheit von uns bekommen hat, diese wegnehmen, gehen wir gleichzeitig das Risiko ein, daß der Hund Grenzen übertritt, situativ unangemessen reagiert und zukünftig größere Einschränkungen drohen.

Beutegreifer Hund - der Hund muß ausgelastet werden


Richtig ist, daß unsere heutigen Haushunde auf eine vom Menschen gemachte künstliche Auslese nach bestimmten zunächst verhaltensspezifischen Eigenschaften vorgenommen wurde. Unsere Rassehunde wurden zu Beginn der Rassehundezucht nach Arbeitsleistungen und einzelnen Jagdsequenzen vom Menschen selektiert und diese hypertrophiert herausgezüchtet. So kennen wir zum Beispiel Vorstehhunde oder Hütehunde, die jeweils nur bestimmte Anteile des Funktionskreises Jagdverhalten, dieses aber extrem zeigen. Erst seit einigen wenigen Jahrzehnten haben sich die Auswahlkriterien der Zuchtverbände zunehmend geändert. Heute wird vielmehr auf Aussehen gezüchtet als denn auf Arbeitsleistung, was der einen oder anderen Rasse zunehmend mehr gesundheitliche Einschränkungen beschert. Vielen Menschen, die sich einen Hund anschaffen, sind die Ursprünge ihres Hundes bekannt, und sie sind bemüht, den Hund entsprechend seiner ursprünglichen Zucht auszulasten. Nicht selten hören Hütehundebesitzer: "Oh ein Aussie / Border ... den mußt Du aber auslasten, das ist ja ein Arbeitstier!"
Mit der Selektion auf bestimmte Arbeitsbereiche sind die genetischen Grundausstattungen der Hunde für bestimmte Verhaltensweisen verändert worden. Nun muß man sich das nicht so vorstellen, daß der Hütehund nachweisbar andere Gene hätte als zum Beispiel der Herdenschutzhund. Es ist den Genetikern nicht gelungen zum Beispiel "das Hüte-Gen" zu isolieren. Es ist vielmehr so, daß die Hunde je nach Spezialisierung in ihrer neurobiologischen Grundausstattung Unterschiede vorweisen. Man kann sich das ungefähr so vorstellen, daß jeder Hund die gleiche Grundausstattung mitbekommt, aber bestimmte Vorkommnisse in bestimmten dafür sensiblen Phasen dafür sorgen, ob Verhalten an- oder abgeschaltet wird. Aus der Epigenetik ist bekannt, daß bestimmte Umweltbedingungen (wie z.B. Nahrung) zu bestimmten Zeiten bzw. Entwicklungsphasen eines Organismus dafür sorgen, daß andere Körperformen oder anderes Verhalten ausgebildet wird. Diese hypertrophierten und spezialisierten Verhaltensformen sind entsprechend selbstbelohnend, so daß der jeweilige Hund im Ausführen dieser Verhaltenssequenz sein dopaminerges System antriggert, was dazu führt, daß er das immer und immer wieder durchführen möchte. Im Umkehrschluß geht zum Beispiel das Wissenschaftlerpaar Coppinger davon aus, daß sehr wohl der Herdenschutzhund auch Jagdverhalten in Form von Hetzen an den Tag legen kann, dieses sich aber wieder und für alle Zeiten verliert, wenn der Hund sofort nach dem ersten Mal von der Schafherde weggebracht wird. Kurz gesagt: fehlt die Stimulation durch die Umwelt , unterbleibt die epigenetische Reaktion. Man muß sich also fragen, ob man rassetypisches Verhalten wirklich "antriggern" sollte, um es hinterher dem Hund wieder "ab zu trainieren"? oder ob es sich dabei nicht vielmehr um Geister handelt, die ich rief ohne sie wieder loszuwerden.


Der Hund braucht Artgenossen zum Ausleben seiner sozialen Bedürfnisse


Schier endlos ist die Liste von Ethogrammen und Beobachtungen von Wölfen und Wolf-Hund-Hybriden in Gruppenhaltungen unter Gehegebedingungen, um das Verhalten und vor allem das Sozialverhalten des Hundes zu benennen. Der Hund wird als hochsozial betitelt und ein Entzug von Sozialkontakt zu Artgenossen als tierschutzrelevant eingestuft. Fragt man Hundehalter, dann hört man einhellig die Meinung, daß Hunde unbedingt Kontakt zu Artgenossen haben müssen, damit sie glücklich sind und artgerecht leben können. Dafür gibt es Auslaufflächen und Hundewälder, aber auch in Hundeschulen wird das Gruppenleben propagiert. Als Begründung werden die wissenschaftlichen Wolfs- und Hundebeobachtungen herangezogen und begründet, Wölfe und ihre Hybriden sowie die Hunde würden in sozialen Verbänden leben. Die Elterntiere und die Jungtiere verschiedener Jahrgänge bilden bei Wölfen ein Rudel, manchmal gesellt sich ein weiteres verwandtes Tier hinzu. Die Gruppe bleibt relativ stabil, gelegentlich wandert ein männliches Jungtier ab und taucht als einsamer Wanderwolf irgendwo wieder auf. Manche Wissenschaftler kommen nach ihren Untersuchungen zu dem Schluß, der Hund lebe "obligat" und hochsozial. Doch wurde bei den Untersuchungen nicht berücksichtigt, daß die beobachteten Tiere keine andere Wahl hatten, als sich miteinander zu arrangieren. Die Gruppe wurde in der Regel von den Wissenschaftlern zusammengestellt und ein Abwandern unmöglich gemacht, da ein Zaun die Gruppe umschloß. Daraus nun den Schluß zu ziehen, der Hund sei obligat sozial, erscheint mir etwas simpel. Schauen wir wieder zu den Hunden nach Pemba:
Coppinger schreibt: "Die Hunde brauchen nicht wirklich eine soziale Struktur, um sich von weggeworfenen Hühnerknochen und Mangoschalen zu ernähren. ... Ein Leben im Rudel wäre daher für die Dorfhunde kein Selektionsvorteil." 
Diese Beobachtung deckt sich mit anderen Forschungen an wildlebenden bzw. auch an verwilderten Haushunden. Wölfe stellen die Gruppengröße, wenn sie auf die Jagd gehen, nach der Größe der Beute zusammen. Ist die Beute sehr klein und im Alleingang jagdbar, tun sie es alleine. So auch der Wildhund. Die Beute der Pemba-Hunde ist nicht einmal mehr beweglich, sondern liegt in Form von Abfall überall frei verfügbar herum. Der Wildhund hat sich auch hier der ökologischen Nische angepasst: Sein Schädel hat sich verkleinert, die Zähne und sein Gehirn ebenfalls und sein Jagdverhalten hat sich auf Beutestöbern spezialisiert. Man sieht die Hunde selten in Gemeinschaft etwas tun, meistens sind sie wie zufällig zur selben Zeit am selben Ort mit ausgesprochen wenig sozialer Interaktion wie zum Beispiel Kontaktliegen oder prosoziales Verhalten. Diese Tatsache findet man auch bei Stefan Kirchhoff, der europäische Straßenhunde beobachtet hat und nur in Ausnahmefällen rudelähnliches Verhalten dokumentieren konnte. Und dann handelte es sich seiner Vermutung nach um miteinander verwandte Tiere.
Muss man demnach unseren Hund damit konfrontieren, ständig in Kontakt mit zudem fremden Artgenossen zu treten, nur damit er in Situationen zurecht kommt, in die wir Menschen ihn bringen? Wir verlangen dem Hund viel ab, wenn wir ihm die Möglichkeit aufzwingen, sein Sozialverhalten auszuleben. Wirklich natürlich wäre das Sozialverhalten im Kontext der Fortpflanzung und genau diesen Bereich haben wir Menschen voll unter Kontrolle - das ist ebenfalls widernatürlich.


Der Hund ist territorial


Aggressionsverhalten aus territorialer Motivation beinhaltet im Wesentlichen das Gefühl der Bedrohung der eigenen Unversehrtheit. Der Hund fühlt sich in die Enge getrieben, kann nicht fliehen oder der Situation ausweichen und zeigt entsprechend eines Wildtieres agonistisches Verhalten. Sobald die eigene Individualdistanz unterschritten wird und damit eine gefühlte Bedrohung für das eigene Leben und die dazugehörigen Ressourcen besteht, setzen Urinstinkte aggressives Verhalten frei. Dies würde jedes Wildtier ähnlich tun. Aggressives Verhalten zu zeigen, ist für die meisten Tiere die letzte Option, denn es besteht auch immer die große Gefahr, selber verletzt zu werden. Gibt es eine andere Lösung, wird diese in der Regel gewählt, zum Beispiel Flucht. Warum nur fliehen unsere Haushunde so selten und zeigen vielmehr schnell aggressives Verhalten? Nun, die Antwort ist relativ simpel: Werden die Hunde durch Leine oder die Verbindung zum Besitzer an einen bestimmten Ort gebunden, steht die Alternative Flucht schnell nicht mehr zur Verfügung. So kann man für nahezu jedes aggressive Verhalten eine Erklärung finden. Freilebende Hunde zeigen selten aggressives Verhalten, da sie meistens in ihrer Kommunikation viel klarer agieren können und schon im Vorfeld viele Unklarheiten bereinigen. So können sie uneingeschränkt olfaktorisch über Geruchsmarkierungen zum Beispiel ihr Territorium eingrenzen und dem Nachbarn ihren Anspruch signalisieren. Zu wirklichen Kämpfen kommt es in der Regel - wie bei Wildtieren im Übrigen auch - in der Ranz und beim "Erobern" von Ressourcen. So werden auch bei wildlebenden Hunden Welpen getötet, wenn der Lebensbereich zunehmend mehr eingeschränkt wird.

Der Hund ist also nur so territorial, wie wir Menschen ihn machen. Das tägliche Gassigehen zum Markieren des eigenen Territoriums, welches man sich mit vielen anderen Hunden teilen muß, führt sicher nicht zu einem verständnisvollen Umgang miteinander.

Jagdkumpan Hund


Lange Zeit ging man davon aus, daß Mensch und Hund vor allem zusammengefunden haben, weil Menschen Wolfswelpen aus dem Bau entnommen, gezähmt und letztlich domestiziert haben. Weiterhin sind sie gemeinsam auf die Jagd gegangen und durch diese Kooperation ist der Hund zu dem geworden, was er heute ist. Doch wenn man von den aktuellen Funden von Hundeknochen ausgeht, lebten die ersten Hunde vor mehr als 30.000 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt waren die Menschen noch gar nicht sesshaft. Auch ist es schwer vorstellbar, daß eigentliche Jagdkonkurrenten sich zusammenschließen und gemeinsame Sache machen. Dazu kommt, daß die gemeinsame Jagd auf Großwild sehr viel Energie verbraucht und wenn dann noch nicht einmal sicher ist, daß man die Beute auch fressen kann, ist es noch unwahrscheinlicher, daß Hunde "selbstlos" oder gar für den Menschen jagten. Doch auch in dieser Frage können uns möglicherweise die Hunde von Pemba weiterhelfen. Coppinger schreibt, diese Hunde fressen im Regelfall gar nichts Lebendiges. Sie verschwenden ihre Energie nicht für Hetzen oder Jagen und riskieren auch keine Verletzungen von wehrhaften Beutetieren. Selbst die freilaufenden Hühner werden von den Hunden auf Pemba weder gejagt noch gefressen. Die Nahrungsbeschaffung beschränkt sich darauf, zu warten, bis man etwas Fressbares auftaucht. Sie sind mehr Sammler als Jäger. Sollte unser Hund heute eigentlich vielleicht gar kein Jäger sein? Oder ist es vielmehr so, daß seine Anpassungsfähigkeit so groß ist, daß er beides kann? Dies wird für die Zukunft eine spannende Frage bleiben. Fakt ist: Muß der Hund nicht jagen, aber sehr wohl mit seinen Energien haushalten, wird er fressen, aber nicht jagen. Lebt er mit beidem im Überschuss, kann er es sich leisten, auch jagen zu gehen - jagen als Luxus und aus Spass trifft es für unsere Hunde wohl am Ehesten. Coppinger geht im Übrigen auch davon aus, daß die jagdliche Zusammenarbeit von Mensch und Hund auch nicht dem Nahrungserwerb sondern vielmehr dem Spass beider diente.


Sozialpartner Hund


Wofür braucht der Mensch den Hund? Und wofür braucht der Hund den Mensch? Diese Fragen sollte man sich sehr genau überlegen, denn möglicherweise stellt man bei der Beantwortung große Diskrepanzen fest.
Der Hund brauchte den Menschen ursprünglich eigentlich gar nicht, solange der Mensch passiv irgendwo seinen Müll liegen ließ und der Hund sich bedienen konnte. Der Mensch muß den Hund nicht aktiv füttern, es reicht, wenn er seine Abfälle zur Verfügung stellt. Dann kann der Hund problemlos ohne den Menschen auskommen. Er braucht ihn weder zur Gesellschaft, noch zur Absicherung oder zur Jungenaufzucht. Der Mensch ist für den Hund egal, wie man auch an vielen Naturvölkern sieht, die neben Hunden leben, jedoch keiner an den anderen Ansprüche stellt.
Der (Rasse-)Hund heute jedoch ist zu seinem eigentlichen ursprünglichen Leben nicht mehr in der Lage. Viele Hunderassen sind so gezüchtet, daß sie ohne den Menschen nicht überleben können. Die Abhängigkeit vom Menschen macht selbst vor der Gesundheit nicht halt. So werden Hunde gezüchtet, die ohne operative Eingriffe gar nicht lebensfähig sind. Durch die optischen Zuchtmerkmale verschiedener Rassen haben wir Hunde kreiert, die außerhalb des menschlichen Umfeldes keine Überlebenschance hätten. Sie sind Sklaven der menschlichen Eitelkeit geworden. Aus dem Überlebenskünstler Wildhund, der überaus erfolgreich seine ökologische Nische besetzt, haben Menschen Hunde gezüchtet, die ohne menschliches Zutun nicht lebensfähig sind. Ein Armutszeugnis menschlichen Hochmuts.

Der Mensch hingegen braucht oder besser - nutzt - den Hund in vielen unterschiedlichen Bereichen: Menschen brauchen Hunde für bestimmte Arbeiten, sie nutzen besondere Fähigkeiten des Hundes wie zum Beispiel seine Riechleistung oder auch Kraft und Ausdauer. Hunde werden benutzt, um Medikamente oder Kosmetika auszutesten, aber auch für Forschung und Wissenschaft. Hunde stellen soziale Verbindungen zwischen Menschen her und warnen vor Epilepsie oder Unterzuckerung. Sie sind Partner- und Kindersatz aber auch Freizeitpartner und Sportgerät. Diese Liste ließe sich nahezu endlos fortführen. Der Hund braucht den Menschen nicht, aber den Mensch den Hund umso mehr. Die Entscheidung darüber trifft der Mensch, der Hund hat keine Wahl.

Richtig problematisch wird es jetzt, wenn man darüber nachdenkt, daß ja auch viele Straßenhunde im Ausland inzwischen seit mehreren Generationen "wild" leben und sich entsprechend in ihre ökologische Nische eingenistet haben. Wenn man nun diese Hunde entnimmt und versucht, aus ihnen Haushunde in unserem menschlichen Umfeld zu machen, kann man sich die drohenden Probleme bildlich ausmalen. Selbst Kastrationsprogramme, die gut gemeint aber dennoch ein Eingriff in die natürliche Selektion sind, können ein möglicherweise natürliches Gleichgewicht stören.

Wolf, Urhund oder Hund?


Halten wir fest: Auf dem Weg vom Wolf zum Hund ist eine interessante Zwischenform der Urhund, der im Aussehen schon recht weit und vom Verhalten her noch viel weiter vom Wolf entfernt ist als wir heute unseren Hunden zugestehen wollen. Wir sollten, um Hundeverhalten verstehen zu können, nicht immer auf den Wolf schauen, sondern vor allem auf diese heute noch zu findenden Urhunde. In vielen Teilen der Welt kann man diese Hunde auf den Straßen und in der Nähe der Menschen finden. Von 600 Millionen Hunden, die es weltweit gibt, leben immerhin etwa 85% nicht in menschlicher Obhut! Ein großes Potential, das unsere Fragen in Bezug auf Hundeverhalten beantworten kann. 

Urhunde und Hunde sind an eine vollkommen andere ökologische Nische angepasst als der Wolf - es wird Zeit, den wirklichen Urahn unseres Hundes unter die Lupe zu nehmen, um mehr über Hundeverhalten verstehen zu können. Nur so kann es gelingen, den Hund Hund sein zu lassen.

Mittwoch, 11. Januar 2017

back to nature

Wenn irgendwann die Fee bei mir auftaucht und mir endlich drei Wünsche erfüllen will, dann würde ich mir als erstes wünschen, daß wir mehr Verständnis für natürliches Verhalten von Tieren entwickeln würden. Mit "wir" meine ich uns Westeuropäer, nein, eigentlich nur uns Deutsche. Auf andere Länder kann ich es nicht verallgemeinern, halte es aber nicht für ausgeschlossen, daß es sie genauso betrifft.
Warum nur haben wir so wenig "Feeling" für das, was Tiere mit ihrem Verhalten auszudrücken vermögen?

Nur wer über Sprache verfügt, kann denken

Wissenschaftler sind bis vor wenigen Jahren davon ausgegangen, daß nur wir Menschen denken können, da wir über eine Sprache verfügen. Da frage ich mich spontan, ob die Wissenschaftler denn einem zweijährigen Kind das Denken absprechen, nur weil es noch nicht reden kann. Zum Glück ist diese These längst überholt und wissenschaftlich nachgewiesen, daß einige Tiere wohl doch denken können. Hunde ganz bestimmt und vermutlich auch Hühner, wenn man aktuelle Ergebnisse u.a. aus Italien verfolgt.
Ist das der Grund, weshalb wir uns für die einzigen halten, die mit ihrem Verhalten (Sprechen) etwas auszudrücken vermögen? Hat es sich noch nicht herumgesprochen, daß auch Tiere mit ihrem Verhalten durchaus Emotionen, Wünsche aber auch Absichten ausdrücken können?

Plüsch ist süß

Warum finden wir spontan alles "süß und niedlich", was einen Pelz trägt? Sind die Teddybären der Kindheit Schuld? Das kann nicht sein, ich hatte auch einen Teddy und mir war schon immer klar, daß man Tiere in ihrer Individualdistanz zu respektieren hat. Ich habe nie versucht, ein Tier mit Futter zu bestechen, damit es sich von mir anfassen lässt. In der Regel klappt das auch nicht. Und dennoch sehe ich ständig Menschen, die genau das tun: Tiere füttern, um sie anzulocken oder gar anzufassen. Egal ob es der Nachbarshund oder der eigene ist, das Wildschwein im Waldgehege oder die Ente auf dem Teich ist oder die Taube in der Stadt.

Handfütterung hat Konsequenzen

Dabei sollte längst klar sein: Handfütterung führt zu abforderndem Verhalten. Nicht umsonst wird an Nord- und Ostsee davor gewarnt, die Möwen zu füttern. Zu oft schon fühlten sich Urlauber von abfordernden frechen Vögeln bedroht, dabei hatten sie selber dafür gesorgt, daß Individualdistanzen unterschritten werden. Das sind nämlich zwei Dinge, die nicht zusammenpassen: Handfütterung und Respekt vor der Individualdistanz des anderen.
Warum ich das schreibe? Nun, ich war gerade im Urlaub und habe ständig Touristen gesehen, die genau das taten und Probleme mit Tieren bekommen haben. Dazu ein Beispiel: Wir fuhren mit einer Touristengruppe in eine Tempelanlage. Dort befand sich ein Opferbaum mit einem Altar, an dem die dort lebenden Mönche gemäß ihres buddhistischen Glaubens täglich Teile ihres Essens ablegten. In diesem Baum lebten wilde Affen, die sich in Unkenntnis der Religion, stets dieses Essens bemächtigten. Dieser Opferbaum war eingezäunt, wobei eine Seite offen war, damit die Mönche dort ihren Altar erreichen konnten. Die Touristengruppe verließ also den Bus und die ersten entdeckten die Affen auf dem Gelände rund um den Baum. Die ersten Ausrufe lauteten: "Oh guck mal, wie süß, die Affen dort, oh nein, wie niedlich!" 




- Mein erster Gedanke war: Naja süß, ich weiß nicht. Es sind Affen. Vermutlich sind sie erwachsen und damit nicht mehr niedlich, sondern ernsthaft. Es war auf den ersten Blick zu erkennen, daß die Affen vor allem wegen der Opfergaben in diesem Baum lebten. Nun gesellte sich ein etwa 13-jähriges Mädchen hinter die Absperrung, in der Hoffnung, einen der Affen mit einer kleinen Wildbanane füttern zu können. Sie hielt die geschälte Banane in der Hand und steckte den Arm aus, damit sie dichter an den Affen herankäme. Der Affe wich zurück, denn er hatte Respekt vor Menschen. Schließlich wurden die Affen von den Einheimischen auch eher verscheucht, wenn sie sich an Dingen zu schaffen machten, die nicht für sie gedacht waren. Das Mädchen folgte dem Affen, sie wollte zu gerne, daß er die Banane aus ihrer Hand nahm. Der Affe riß das Maul auf und zeigte seine Zähne, doch das Mädchen fand das nur lustig, denn das Gesicht sah aus ihrer Sicht aus wie eine Fratze. Mit einem Mal schoss der Affe nach vorne, sprang an ihrem Bein hoch und biss ihr in den Oberschenkel. Das Mädchen schrie auf und rannte aus der Umzäunung, der Affe hinter ihr her.
Was war geschehen? Nun, das Mädchen hatte aus der Sicht des Affen zwei eklatante Fehler gemacht: Zum einen näherte sie sich dem Opferbaum und war damit in die Sicherheitszone, das Revier der Affen eingedrungen und sie hatte ihn bedrängt, die Banane zu nehmen. Damit war die notwendige respektvolle Individualdistanz unterschritten. Seine Reaktion war reine Selbstverteidigung. Eigentlich nett von ihm, daß er vorher sogar noch gedroht hat, um die Distanz zu vergrößern. Schade nur, daß das Mädchen das nicht erkannte und die Warnung ignorierte. Das Schimpfen der Eltern auf die Organisatoren der Fahrt und daß man ihnen doch hätte sagen müssen, daß die Affen bissig sind, zeigt einmal mehr, wie wenig Verständnis wir für tierisches Normalverhalten haben. Nicht die Tiere sind verhaltensgestört sondern wir sind die eigentlichen Analphabeten. Solange wir der Meinung sind und auch so mit unseren Haustieren umgehen, daß uns das Füttern aus der Hand berechtigt, jede Distanz zu unterschreiten und gewünschtes Verhalten vom Tier erpressen zu dürfen, wird es zu Konfrontationen und unschönen Begegnungen kommen. Der Weg kann nur sein, Respekt vor der Kreatur zu haben und die Distanzen zu wahren. Das schließt die Fütterung aus der Hand aus.