Mittwoch, 11. Januar 2017

back to nature

Wenn irgendwann die Fee bei mir auftaucht und mir endlich drei Wünsche erfüllen will, dann würde ich mir als erstes wünschen, daß wir mehr Verständnis für natürliches Verhalten von Tieren entwickeln würden. Mit "wir" meine ich uns Westeuropäer, nein, eigentlich nur uns Deutsche. Auf andere Länder kann ich es nicht verallgemeinern, halte es aber nicht für ausgeschlossen, daß es sie genauso betrifft.
Warum nur haben wir so wenig "Feeling" für das, was Tiere mit ihrem Verhalten auszudrücken vermögen?

Nur wer über Sprache verfügt, kann denken

Wissenschaftler sind bis vor wenigen Jahren davon ausgegangen, daß nur wir Menschen denken können, da wir über eine Sprache verfügen. Da frage ich mich spontan, ob die Wissenschaftler denn einem zweijährigen Kind das Denken absprechen, nur weil es noch nicht reden kann. Zum Glück ist diese These längst überholt und wissenschaftlich nachgewiesen, daß einige Tiere wohl doch denken können. Hunde ganz bestimmt und vermutlich auch Hühner, wenn man aktuelle Ergebnisse u.a. aus Italien verfolgt.
Ist das der Grund, weshalb wir uns für die einzigen halten, die mit ihrem Verhalten (Sprechen) etwas auszudrücken vermögen? Hat es sich noch nicht herumgesprochen, daß auch Tiere mit ihrem Verhalten durchaus Emotionen, Wünsche aber auch Absichten ausdrücken können?

Plüsch ist süß

Warum finden wir spontan alles "süß und niedlich", was einen Pelz trägt? Sind die Teddybären der Kindheit Schuld? Das kann nicht sein, ich hatte auch einen Teddy und mir war schon immer klar, daß man Tiere in ihrer Individualdistanz zu respektieren hat. Ich habe nie versucht, ein Tier mit Futter zu bestechen, damit es sich von mir anfassen lässt. In der Regel klappt das auch nicht. Und dennoch sehe ich ständig Menschen, die genau das tun: Tiere füttern, um sie anzulocken oder gar anzufassen. Egal ob es der Nachbarshund oder der eigene ist, das Wildschwein im Waldgehege oder die Ente auf dem Teich ist oder die Taube in der Stadt.

Handfütterung hat Konsequenzen

Dabei sollte längst klar sein: Handfütterung führt zu abforderndem Verhalten. Nicht umsonst wird an Nord- und Ostsee davor gewarnt, die Möwen zu füttern. Zu oft schon fühlten sich Urlauber von abfordernden frechen Vögeln bedroht, dabei hatten sie selber dafür gesorgt, daß Individualdistanzen unterschritten werden. Das sind nämlich zwei Dinge, die nicht zusammenpassen: Handfütterung und Respekt vor der Individualdistanz des anderen.
Warum ich das schreibe? Nun, ich war gerade im Urlaub und habe ständig Touristen gesehen, die genau das taten und Probleme mit Tieren bekommen haben. Dazu ein Beispiel: Wir fuhren mit einer Touristengruppe in eine Tempelanlage. Dort befand sich ein Opferbaum mit einem Altar, an dem die dort lebenden Mönche gemäß ihres buddhistischen Glaubens täglich Teile ihres Essens ablegten. In diesem Baum lebten wilde Affen, die sich in Unkenntnis der Religion, stets dieses Essens bemächtigten. Dieser Opferbaum war eingezäunt, wobei eine Seite offen war, damit die Mönche dort ihren Altar erreichen konnten. Die Touristengruppe verließ also den Bus und die ersten entdeckten die Affen auf dem Gelände rund um den Baum. Die ersten Ausrufe lauteten: "Oh guck mal, wie süß, die Affen dort, oh nein, wie niedlich!" 




- Mein erster Gedanke war: Naja süß, ich weiß nicht. Es sind Affen. Vermutlich sind sie erwachsen und damit nicht mehr niedlich, sondern ernsthaft. Es war auf den ersten Blick zu erkennen, daß die Affen vor allem wegen der Opfergaben in diesem Baum lebten. Nun gesellte sich ein etwa 13-jähriges Mädchen hinter die Absperrung, in der Hoffnung, einen der Affen mit einer kleinen Wildbanane füttern zu können. Sie hielt die geschälte Banane in der Hand und steckte den Arm aus, damit sie dichter an den Affen herankäme. Der Affe wich zurück, denn er hatte Respekt vor Menschen. Schließlich wurden die Affen von den Einheimischen auch eher verscheucht, wenn sie sich an Dingen zu schaffen machten, die nicht für sie gedacht waren. Das Mädchen folgte dem Affen, sie wollte zu gerne, daß er die Banane aus ihrer Hand nahm. Der Affe riß das Maul auf und zeigte seine Zähne, doch das Mädchen fand das nur lustig, denn das Gesicht sah aus ihrer Sicht aus wie eine Fratze. Mit einem Mal schoss der Affe nach vorne, sprang an ihrem Bein hoch und biss ihr in den Oberschenkel. Das Mädchen schrie auf und rannte aus der Umzäunung, der Affe hinter ihr her.
Was war geschehen? Nun, das Mädchen hatte aus der Sicht des Affen zwei eklatante Fehler gemacht: Zum einen näherte sie sich dem Opferbaum und war damit in die Sicherheitszone, das Revier der Affen eingedrungen und sie hatte ihn bedrängt, die Banane zu nehmen. Damit war die notwendige respektvolle Individualdistanz unterschritten. Seine Reaktion war reine Selbstverteidigung. Eigentlich nett von ihm, daß er vorher sogar noch gedroht hat, um die Distanz zu vergrößern. Schade nur, daß das Mädchen das nicht erkannte und die Warnung ignorierte. Das Schimpfen der Eltern auf die Organisatoren der Fahrt und daß man ihnen doch hätte sagen müssen, daß die Affen bissig sind, zeigt einmal mehr, wie wenig Verständnis wir für tierisches Normalverhalten haben. Nicht die Tiere sind verhaltensgestört sondern wir sind die eigentlichen Analphabeten. Solange wir der Meinung sind und auch so mit unseren Haustieren umgehen, daß uns das Füttern aus der Hand berechtigt, jede Distanz zu unterschreiten und gewünschtes Verhalten vom Tier erpressen zu dürfen, wird es zu Konfrontationen und unschönen Begegnungen kommen. Der Weg kann nur sein, Respekt vor der Kreatur zu haben und die Distanzen zu wahren. Das schließt die Fütterung aus der Hand aus.

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