Donnerstag, 2. März 2017

Wieviel Hundsein braucht der Hund?

"Der soll einfach mal Hund sein dürfen!", oft kann man diesen Spruch aus Hundehaltermund hören. In verschiedenen Zusammenhängen dient er nicht selten dazu, das eigene Gewissen zu beruhigen. Auch in nicht unbedingt optimal geeigneten Gebieten wird die Leine abgemacht, damit der am anderen Ende hängende Ballast Mensch den Hund nicht mehr in seinen Aktivitäten stört. Er soll endlich einmal die Freiheit genießen, die der Mensch sich selber und auch sein Hund ihm nicht zugesteht. Der Hund darf schnuppern, markieren und seinen Interessen nachgehen - einfach "endlich mal Hund sein!" Solange der Hund diese Freiheit nicht ausnutzt und jagen geht oder sich umplanmäßig seinen sexuellen Interessen hingibt, ist es für Frauchen und Herrchen eine willkommene Gelegenheit, sich aus der Verantwortung zu ziehen. Leine ab, Freikommando und schon kann Hund tun, was er will. Endlich kann auch der Besitzer seinen Bedürfnissen nach frischer Luft und Vogelgezwitscher nachgehen, den Kopf frei kriegen von all den Gedanken und sich an der Freiheit seines Hundes erfreuen. Ist das verwerflich? Nun, es ist auf jeden Fall menschlich nachvollziehbar, aber dennoch vielleicht ein Holzweg.

Wenn wir dem Hund das Geschenk machen möchten, ihn so sein zu lassen wie er nunmal ist, sollten wir zunächst klären, was der Hund denn ist. Und schon merken wir sehr schnell, daß das, was wir im Kopf haben, nicht unbedingt zutrifft, vielleicht sogar nicht viel mehr als Wunschdenken ist:

Der Hund ist ein Bewegungstier und möchte laufen


Begründet wird diese Aussage nicht selten von Fachleuten mit der Tatsache, daß Wölfe oftmals bis zu 70 km pro Tag zurücklegen. Die bevorzugte Gangart ist ein sogenannter geschnürter Trab, bei dem die Hinterpfoten in die Spur der Vorderpfoten treten, was eine besonders ausdauernde und energiesparende Fortbewegungsart ist.
Aus diesem Grund fahren viele Menschen mit ihren Hunden Fahrrad, um Strecke zu machen und den Hund auszulasten oder gehen stundenlang spazieren.

Wieviel Wolf steckt im Hund?


Doch ist dem wirklich so? Sollten wir mit unseren Erklärungen immer den Wolf heranziehen? Zweifelsfrei ist der Wolf der Stammvater des Hundes. Vor mehr als 30.000 Jahren hat sich der heutige Haushund aus der Stammesgeschichte des Wolfes abgespalten und parallel zum heutigen Wolf entwickelt. Wissenschaftler gehen heute davon aus, daß es auf dem Weg vom Wolf zum Hund noch eine Art Urhund gegeben hat. Eine dem Urhund ähnliche Form des Hundes lebt auch heute noch in einigen wenigen Teilen der Welt als isolierte genetische Art. Das Ehepaar Coppinger beschreibt in seinem Buch zum Beispiel die Hunde der Insel Pemba vor der ostafrikanischen Küste als eine Art Urform des heutigen Rassehundes.
Auch in Thailand findet man Hunde ähnlichen Lebensstils
Dort gibt es keine Haushunde wie wir sie hier kennen, sondern nur eine relativ einheitliche Form eines bestimmten Hundetyps, der sich offenbar perfekt in seine ökologische Nische eingefunden hat: Um als Abfallvertilger in der Gefolgschaft des Menschen kommensalisch zu leben, halten sich die Hunde in der nähe der Menschen auf, sind aber nicht als Haustiere zu bezeichnen, da sie sich in der Regel nicht anfassen lassen und auch nicht zum Besitz der Menschen zählen, sondern einfach da sind. Es kümmert sich keiner um Gesundheit, artgerechte Beschäftigung oder Ernährung, geschweige denn um Geburtenkontrolle oder Zuchtauswahl. Auch legen diese Hunde keinesfalls Kilometer lange Strecken zurück, um in neue Jagdgebiete zu gelangen, da ihr Jagdgebiet sozusagen vor der Haustür liegt: Sie stromern um die Häuser herum und fressen, was sie finden. Ansonsten liegen sie im Schatten der Palmen und ruhen sich aus oder beobachten die Umgebung.



Der Hund muß sich ohne Einschränkung durch Leine oder Zaun austoben können


Die Hundeleine und Begrenzungen durch einen Zaun dienen weniger dem Begrenzen und Einschränken des Hundes als vielmehr dem Schutz des eigenen Hundes vor der unkontrollierbaren Außenwelt. Hunde werden auch angeleint und begrenzt, damit sie anderen nicht lästig fallen, was wiederum ein Schutz des Hundes vor der Außenwelt ist. Zeigt der Hund nämlich unangemessenes Verhalten, folgen Konsequenzen durch Gesetz und Ordnung, die Hund und Halter noch mehr einschränken. Begrenzungen sind nicht Verlust von Freiheit des Hundes, sondern vielmehr ein Sicherheitsgeschenk. Nur in unseren Köpfen fühlt es sich anders an. Schauen wir wieder zu den Hunden auf Pemba: Wenn dort ein Hund unangenehm auffällt, weil er vielleicht unangemessenes Verhalten an den Tag legt, dann werden dort direkt für den Hund tödliche Konsequenzen gezogen. Dieser Hund wird sich nicht fortpflanzen, sondern der Population entnommen und getötet oder mindestens verjagt. Es gibt also auch für wilde Hunde ohne Leine und Zaun sehr wohl Begrenzungen ihres Verhaltens durch die natürliche Auslese. Wenn wir also unserem Hund, der bisher durch Begrenzungen Sicherheit von uns bekommen hat, diese wegnehmen, gehen wir gleichzeitig das Risiko ein, daß der Hund Grenzen übertritt, situativ unangemessen reagiert und zukünftig größere Einschränkungen drohen.

Beutegreifer Hund - der Hund muß ausgelastet werden


Richtig ist, daß unsere heutigen Haushunde auf eine vom Menschen gemachte künstliche Auslese nach bestimmten zunächst verhaltensspezifischen Eigenschaften vorgenommen wurde. Unsere Rassehunde wurden zu Beginn der Rassehundezucht nach Arbeitsleistungen und einzelnen Jagdsequenzen vom Menschen selektiert und diese hypertrophiert herausgezüchtet. So kennen wir zum Beispiel Vorstehhunde oder Hütehunde, die jeweils nur bestimmte Anteile des Funktionskreises Jagdverhalten, dieses aber extrem zeigen. Erst seit einigen wenigen Jahrzehnten haben sich die Auswahlkriterien der Zuchtverbände zunehmend geändert. Heute wird vielmehr auf Aussehen gezüchtet als denn auf Arbeitsleistung, was der einen oder anderen Rasse zunehmend mehr gesundheitliche Einschränkungen beschert. Vielen Menschen, die sich einen Hund anschaffen, sind die Ursprünge ihres Hundes bekannt, und sie sind bemüht, den Hund entsprechend seiner ursprünglichen Zucht auszulasten. Nicht selten hören Hütehundebesitzer: "Oh ein Aussie / Border ... den mußt Du aber auslasten, das ist ja ein Arbeitstier!"
Mit der Selektion auf bestimmte Arbeitsbereiche sind die genetischen Grundausstattungen der Hunde für bestimmte Verhaltensweisen verändert worden. Nun muß man sich das nicht so vorstellen, daß der Hütehund nachweisbar andere Gene hätte als zum Beispiel der Herdenschutzhund. Es ist den Genetikern nicht gelungen zum Beispiel "das Hüte-Gen" zu isolieren. Es ist vielmehr so, daß die Hunde je nach Spezialisierung in ihrer neurobiologischen Grundausstattung Unterschiede vorweisen. Man kann sich das ungefähr so vorstellen, daß jeder Hund die gleiche Grundausstattung mitbekommt, aber bestimmte Vorkommnisse in bestimmten dafür sensiblen Phasen dafür sorgen, ob Verhalten an- oder abgeschaltet wird. Aus der Epigenetik ist bekannt, daß bestimmte Umweltbedingungen (wie z.B. Nahrung) zu bestimmten Zeiten bzw. Entwicklungsphasen eines Organismus dafür sorgen, daß andere Körperformen oder anderes Verhalten ausgebildet wird. Diese hypertrophierten und spezialisierten Verhaltensformen sind entsprechend selbstbelohnend, so daß der jeweilige Hund im Ausführen dieser Verhaltenssequenz sein dopaminerges System antriggert, was dazu führt, daß er das immer und immer wieder durchführen möchte. Im Umkehrschluß geht zum Beispiel das Wissenschaftlerpaar Coppinger davon aus, daß sehr wohl der Herdenschutzhund auch Jagdverhalten in Form von Hetzen an den Tag legen kann, dieses sich aber wieder und für alle Zeiten verliert, wenn der Hund sofort nach dem ersten Mal von der Schafherde weggebracht wird. Kurz gesagt: fehlt die Stimulation durch die Umwelt , unterbleibt die epigenetische Reaktion. Man muß sich also fragen, ob man rassetypisches Verhalten wirklich "antriggern" sollte, um es hinterher dem Hund wieder "ab zu trainieren"? oder ob es sich dabei nicht vielmehr um Geister handelt, die ich rief ohne sie wieder loszuwerden.


Der Hund braucht Artgenossen zum Ausleben seiner sozialen Bedürfnisse


Schier endlos ist die Liste von Ethogrammen und Beobachtungen von Wölfen und Wolf-Hund-Hybriden in Gruppenhaltungen unter Gehegebedingungen, um das Verhalten und vor allem das Sozialverhalten des Hundes zu benennen. Der Hund wird als hochsozial betitelt und ein Entzug von Sozialkontakt zu Artgenossen als tierschutzrelevant eingestuft. Fragt man Hundehalter, dann hört man einhellig die Meinung, daß Hunde unbedingt Kontakt zu Artgenossen haben müssen, damit sie glücklich sind und artgerecht leben können. Dafür gibt es Auslaufflächen und Hundewälder, aber auch in Hundeschulen wird das Gruppenleben propagiert. Als Begründung werden die wissenschaftlichen Wolfs- und Hundebeobachtungen herangezogen und begründet, Wölfe und ihre Hybriden sowie die Hunde würden in sozialen Verbänden leben. Die Elterntiere und die Jungtiere verschiedener Jahrgänge bilden bei Wölfen ein Rudel, manchmal gesellt sich ein weiteres verwandtes Tier hinzu. Die Gruppe bleibt relativ stabil, gelegentlich wandert ein männliches Jungtier ab und taucht als einsamer Wanderwolf irgendwo wieder auf. Manche Wissenschaftler kommen nach ihren Untersuchungen zu dem Schluß, der Hund lebe "obligat" und hochsozial. Doch wurde bei den Untersuchungen nicht berücksichtigt, daß die beobachteten Tiere keine andere Wahl hatten, als sich miteinander zu arrangieren. Die Gruppe wurde in der Regel von den Wissenschaftlern zusammengestellt und ein Abwandern unmöglich gemacht, da ein Zaun die Gruppe umschloß. Daraus nun den Schluß zu ziehen, der Hund sei obligat sozial, erscheint mir etwas simpel. Schauen wir wieder zu den Hunden nach Pemba:
Coppinger schreibt: "Die Hunde brauchen nicht wirklich eine soziale Struktur, um sich von weggeworfenen Hühnerknochen und Mangoschalen zu ernähren. ... Ein Leben im Rudel wäre daher für die Dorfhunde kein Selektionsvorteil." 
Diese Beobachtung deckt sich mit anderen Forschungen an wildlebenden bzw. auch an verwilderten Haushunden. Wölfe stellen die Gruppengröße, wenn sie auf die Jagd gehen, nach der Größe der Beute zusammen. Ist die Beute sehr klein und im Alleingang jagdbar, tun sie es alleine. So auch der Wildhund. Die Beute der Pemba-Hunde ist nicht einmal mehr beweglich, sondern liegt in Form von Abfall überall frei verfügbar herum. Der Wildhund hat sich auch hier der ökologischen Nische angepasst: Sein Schädel hat sich verkleinert, die Zähne und sein Gehirn ebenfalls und sein Jagdverhalten hat sich auf Beutestöbern spezialisiert. Man sieht die Hunde selten in Gemeinschaft etwas tun, meistens sind sie wie zufällig zur selben Zeit am selben Ort mit ausgesprochen wenig sozialer Interaktion wie zum Beispiel Kontaktliegen oder prosoziales Verhalten. Diese Tatsache findet man auch bei Stefan Kirchhoff, der europäische Straßenhunde beobachtet hat und nur in Ausnahmefällen rudelähnliches Verhalten dokumentieren konnte. Und dann handelte es sich seiner Vermutung nach um miteinander verwandte Tiere.
Muss man demnach unseren Hund damit konfrontieren, ständig in Kontakt mit zudem fremden Artgenossen zu treten, nur damit er in Situationen zurecht kommt, in die wir Menschen ihn bringen? Wir verlangen dem Hund viel ab, wenn wir ihm die Möglichkeit aufzwingen, sein Sozialverhalten auszuleben. Wirklich natürlich wäre das Sozialverhalten im Kontext der Fortpflanzung und genau diesen Bereich haben wir Menschen voll unter Kontrolle - das ist ebenfalls widernatürlich.


Der Hund ist territorial


Aggressionsverhalten aus territorialer Motivation beinhaltet im Wesentlichen das Gefühl der Bedrohung der eigenen Unversehrtheit. Der Hund fühlt sich in die Enge getrieben, kann nicht fliehen oder der Situation ausweichen und zeigt entsprechend eines Wildtieres agonistisches Verhalten. Sobald die eigene Individualdistanz unterschritten wird und damit eine gefühlte Bedrohung für das eigene Leben und die dazugehörigen Ressourcen besteht, setzen Urinstinkte aggressives Verhalten frei. Dies würde jedes Wildtier ähnlich tun. Aggressives Verhalten zu zeigen, ist für die meisten Tiere die letzte Option, denn es besteht auch immer die große Gefahr, selber verletzt zu werden. Gibt es eine andere Lösung, wird diese in der Regel gewählt, zum Beispiel Flucht. Warum nur fliehen unsere Haushunde so selten und zeigen vielmehr schnell aggressives Verhalten? Nun, die Antwort ist relativ simpel: Werden die Hunde durch Leine oder die Verbindung zum Besitzer an einen bestimmten Ort gebunden, steht die Alternative Flucht schnell nicht mehr zur Verfügung. So kann man für nahezu jedes aggressive Verhalten eine Erklärung finden. Freilebende Hunde zeigen selten aggressives Verhalten, da sie meistens in ihrer Kommunikation viel klarer agieren können und schon im Vorfeld viele Unklarheiten bereinigen. So können sie uneingeschränkt olfaktorisch über Geruchsmarkierungen zum Beispiel ihr Territorium eingrenzen und dem Nachbarn ihren Anspruch signalisieren. Zu wirklichen Kämpfen kommt es in der Regel - wie bei Wildtieren im Übrigen auch - in der Ranz und beim "Erobern" von Ressourcen. So werden auch bei wildlebenden Hunden Welpen getötet, wenn der Lebensbereich zunehmend mehr eingeschränkt wird.

Der Hund ist also nur so territorial, wie wir Menschen ihn machen. Das tägliche Gassigehen zum Markieren des eigenen Territoriums, welches man sich mit vielen anderen Hunden teilen muß, führt sicher nicht zu einem verständnisvollen Umgang miteinander.

Jagdkumpan Hund


Lange Zeit ging man davon aus, daß Mensch und Hund vor allem zusammengefunden haben, weil Menschen Wolfswelpen aus dem Bau entnommen, gezähmt und letztlich domestiziert haben. Weiterhin sind sie gemeinsam auf die Jagd gegangen und durch diese Kooperation ist der Hund zu dem geworden, was er heute ist. Doch wenn man von den aktuellen Funden von Hundeknochen ausgeht, lebten die ersten Hunde vor mehr als 30.000 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt waren die Menschen noch gar nicht sesshaft. Auch ist es schwer vorstellbar, daß eigentliche Jagdkonkurrenten sich zusammenschließen und gemeinsame Sache machen. Dazu kommt, daß die gemeinsame Jagd auf Großwild sehr viel Energie verbraucht und wenn dann noch nicht einmal sicher ist, daß man die Beute auch fressen kann, ist es noch unwahrscheinlicher, daß Hunde "selbstlos" oder gar für den Menschen jagten. Doch auch in dieser Frage können uns möglicherweise die Hunde von Pemba weiterhelfen. Coppinger schreibt, diese Hunde fressen im Regelfall gar nichts Lebendiges. Sie verschwenden ihre Energie nicht für Hetzen oder Jagen und riskieren auch keine Verletzungen von wehrhaften Beutetieren. Selbst die freilaufenden Hühner werden von den Hunden auf Pemba weder gejagt noch gefressen. Die Nahrungsbeschaffung beschränkt sich darauf, zu warten, bis man etwas Fressbares auftaucht. Sie sind mehr Sammler als Jäger. Sollte unser Hund heute eigentlich vielleicht gar kein Jäger sein? Oder ist es vielmehr so, daß seine Anpassungsfähigkeit so groß ist, daß er beides kann? Dies wird für die Zukunft eine spannende Frage bleiben. Fakt ist: Muß der Hund nicht jagen, aber sehr wohl mit seinen Energien haushalten, wird er fressen, aber nicht jagen. Lebt er mit beidem im Überschuss, kann er es sich leisten, auch jagen zu gehen - jagen als Luxus und aus Spass trifft es für unsere Hunde wohl am Ehesten. Coppinger geht im Übrigen auch davon aus, daß die jagdliche Zusammenarbeit von Mensch und Hund auch nicht dem Nahrungserwerb sondern vielmehr dem Spass beider diente.


Sozialpartner Hund


Wofür braucht der Mensch den Hund? Und wofür braucht der Hund den Mensch? Diese Fragen sollte man sich sehr genau überlegen, denn möglicherweise stellt man bei der Beantwortung große Diskrepanzen fest.
Der Hund brauchte den Menschen ursprünglich eigentlich gar nicht, solange der Mensch passiv irgendwo seinen Müll liegen ließ und der Hund sich bedienen konnte. Der Mensch muß den Hund nicht aktiv füttern, es reicht, wenn er seine Abfälle zur Verfügung stellt. Dann kann der Hund problemlos ohne den Menschen auskommen. Er braucht ihn weder zur Gesellschaft, noch zur Absicherung oder zur Jungenaufzucht. Der Mensch ist für den Hund egal, wie man auch an vielen Naturvölkern sieht, die neben Hunden leben, jedoch keiner an den anderen Ansprüche stellt.
Der (Rasse-)Hund heute jedoch ist zu seinem eigentlichen ursprünglichen Leben nicht mehr in der Lage. Viele Hunderassen sind so gezüchtet, daß sie ohne den Menschen nicht überleben können. Die Abhängigkeit vom Menschen macht selbst vor der Gesundheit nicht halt. So werden Hunde gezüchtet, die ohne operative Eingriffe gar nicht lebensfähig sind. Durch die optischen Zuchtmerkmale verschiedener Rassen haben wir Hunde kreiert, die außerhalb des menschlichen Umfeldes keine Überlebenschance hätten. Sie sind Sklaven der menschlichen Eitelkeit geworden. Aus dem Überlebenskünstler Wildhund, der überaus erfolgreich seine ökologische Nische besetzt, haben Menschen Hunde gezüchtet, die ohne menschliches Zutun nicht lebensfähig sind. Ein Armutszeugnis menschlichen Hochmuts.

Der Mensch hingegen braucht oder besser - nutzt - den Hund in vielen unterschiedlichen Bereichen: Menschen brauchen Hunde für bestimmte Arbeiten, sie nutzen besondere Fähigkeiten des Hundes wie zum Beispiel seine Riechleistung oder auch Kraft und Ausdauer. Hunde werden benutzt, um Medikamente oder Kosmetika auszutesten, aber auch für Forschung und Wissenschaft. Hunde stellen soziale Verbindungen zwischen Menschen her und warnen vor Epilepsie oder Unterzuckerung. Sie sind Partner- und Kindersatz aber auch Freizeitpartner und Sportgerät. Diese Liste ließe sich nahezu endlos fortführen. Der Hund braucht den Menschen nicht, aber den Mensch den Hund umso mehr. Die Entscheidung darüber trifft der Mensch, der Hund hat keine Wahl.

Richtig problematisch wird es jetzt, wenn man darüber nachdenkt, daß ja auch viele Straßenhunde im Ausland inzwischen seit mehreren Generationen "wild" leben und sich entsprechend in ihre ökologische Nische eingenistet haben. Wenn man nun diese Hunde entnimmt und versucht, aus ihnen Haushunde in unserem menschlichen Umfeld zu machen, kann man sich die drohenden Probleme bildlich ausmalen. Selbst Kastrationsprogramme, die gut gemeint aber dennoch ein Eingriff in die natürliche Selektion sind, können ein möglicherweise natürliches Gleichgewicht stören.

Wolf, Urhund oder Hund?


Halten wir fest: Auf dem Weg vom Wolf zum Hund ist eine interessante Zwischenform der Urhund, der im Aussehen schon recht weit und vom Verhalten her noch viel weiter vom Wolf entfernt ist als wir heute unseren Hunden zugestehen wollen. Wir sollten, um Hundeverhalten verstehen zu können, nicht immer auf den Wolf schauen, sondern vor allem auf diese heute noch zu findenden Urhunde. In vielen Teilen der Welt kann man diese Hunde auf den Straßen und in der Nähe der Menschen finden. Von 600 Millionen Hunden, die es weltweit gibt, leben immerhin etwa 85% nicht in menschlicher Obhut! Ein großes Potential, das unsere Fragen in Bezug auf Hundeverhalten beantworten kann. 

Urhunde und Hunde sind an eine vollkommen andere ökologische Nische angepasst als der Wolf - es wird Zeit, den wirklichen Urahn unseres Hundes unter die Lupe zu nehmen, um mehr über Hundeverhalten verstehen zu können. Nur so kann es gelingen, den Hund Hund sein zu lassen.