Donnerstag, 13. April 2017

Achtung! Leckerchen könnten Deine Beziehung gefährden!

Manchmal wünsche ich mir Umverpackungen für das Hundetraining. Umverpackungen, auf denen Warnhinweise stehen oder besser noch - Warnungen, die fotografisch festgehalten sind wie auf den Zigarettenpackungen zur Abschreckung. Schließlich sollen diese Warnhinweise über die Wahrheit zu dem angebotenen Produkt aufklären. Und genau das würde ich mir fairerweise für den Verbraucher, den Hundebesitzer wünschen. Stattdessen wird ein Produkt verkauft, eine Theorie, eine Philosophie, die dem Menschen glauben machen will, so würde man eine Beziehung zum Hund aufbauen. Allein die Wahrheit über die Qualität der Beziehung wird nicht genannt.

Lerntheorien werden heruntergebetet, als wüsste man wissenschaftlich gesehen, nicht längst viel mehr. Theorien, nach denen sich Hundeverhalten aufgrund von Reiz-Reaktionsmustern und durch Versuch und Irrtum erklärt. Theorien, nach denen Menschen überzeugt behaupten, ihr Umgang mit dem Hund wäre ausschließlich positiv. Es geht sogar so weit, daß Menschen behaupten, ALLES Verhalten, auch das von Menschen sei konditioniert.

Gerade Hundetrainer, die sehr oft von sich behaupten, sie würden den Job nicht des Geldes wegen ausüben, sondern weil sie sich berufen fühlen, strafen sich selber Lügen, wenn ihr Training auf der Grundlage von Konditionierungen und dem Belohnungssystem für den Umgang mit dem Hund basiert.
Und der Hund bringt uns an unsere Grenzen. Ganz schnell. Dann muß man aufrüsten, attraktiver für den Hund werden, das XXL-Leckerchen oder die Superbelohnung hervorzaubern, damit er das verlangte Verhalten zeigt, der Abruf klappt oder eine andere Dressur. Die Entscheidung, etwas zu tun, bleibt aber bis zuletzt beim Hund. Und genau das kriegt der Hundebesitzer zu spüren. Auf dem Platz klappt es gut, draußen und im Alltag nicht. Dann muß man es eben üben oder das Timing des Hundebesitzers ist schlecht. Ja so einfach ist das eben nur nach den Lerntheorien. Die Wahrheit ist eine andere. Die Wahrheit ist, daß man nach dem Tierschutzgesetz dazu angehalten ist, die Grundbedürfnisse des Hundes zu erfüllen. Nahrungsaufnahme gehört dazu. Demnach ist das Vorenthalten von Nahrung durchaus kritisch zu bewerten. Gleiches gilt für soziale Zuwendung und Integration des Hundes.
Die Wahrheit ist, daß der Hund in jeder seiner Aktivitäten eigene Prioritäten setzt und nicht selten halten Hunde ihre Menschen zum Narren, lassen sie warten und verweigern die Mitarbeit. Andere Hunde würden für ein Leckerchen oder die Belohnung schier alles tun. Ist es tatsächlich die Belohnung oder vielmehr die letzte Chance in sozialen Kontakt zum Menschen zu kommen? Nicht selten würden solche Hunde sich auch problemlos mit dem Leckerchen oder Spielzeug von ihren Menschen wegführen lassen - welche Qualität hat eine solche Bindung? Welche Rolle spielt für den Hund eigentlich SEIN Mensch? Ist er ihm nur zugewandt, weil der Hund keine andere Wahl hat? Er kann schließlich nicht gehen - wohin denn auch? Ist der Mensch der Futterautomat? Wie sieht der Hund seinen Menschen? Wie sozial ist er tatsächlich an ihn gebunden? Oder ist es eigentlich egal, wer den Ball oder das Leckerchen wirft? 
Schaut man sich verschiedene Untersuchungen an, wird schnell klar: Für den Hund ist soziale Anerkennung und Integration in die menschliche Familie wichtiger als das Leckerchen. Das Bindungshormon Oxytocin wird bei Blickkontakt und körperlicher Nähe ausgeschüttet, nicht beim Fressen. Hunde untereinander belohnen sich nicht mit Leckerchen und würde der Hund sich entscheiden können zwischen einem Leckerchen-gebenden Menschen und einem Artgenossen, würde er sich erst das Leckerchen holen, aber seine soziale Zuwendung und Aufmerksamkeit bliebe bei seinem Artgenossen, von dem er mehr zu erwarten hat, als nur einen Keks.
Futter bzw. Beute(-ersatz) spielt bei Hunden eine große Rolle in der Kommunikation und Erziehung. Beutetragen und -verwalten ist ein wichtiges Kennzeichnen des Fürsorgepartners, in der Regel der Elterntiere. Kein Hund würde ernst genommen werden von einem Artgenossen, wenn er inflationär mit Futter um sich schmeißen würde, genauso wie wir Menschen wenig zuverlässig finden, wenn sie mit wertvollen Dingen nicht umsichtig umgehen.

Macht der Hund früh, im schlimmsten Fall als Welpe, die Erfahrung, daß Menschen nicht ernst zu nehmen sind, keine Ahnung von der Interpretation hündischer Kommunikation haben und vom Hund erwarten, daß er in einer künstlichen und von Menschen erschaffenen Welt der Geschäftsbeziehung lebt, wird sich das automatisch auf die Qualität der Beziehung auswirken. Es wird eine unnatürliche, künstliche Form der Beziehung werden, wenn der Hund sich überhaupt darauf einlässt. Nicht selten sehe ich Hunde, die selbst in hohem Alter noch, verzweifelt versuchen, mit ihren Menschen in Kontakt zu treten - vergebens. Die natürlichste Form der Beziehung wäre die, in die der Hund hineingeboren wurde. Die geprägt ist von sozialer Interaktion, von Lernen am Vorbild "Mama", durch natürliche Orientierung am Muttertier, weil sie für Schutz sorgt und weiß, wie das Leben funzt, von Integration des Hundes in die Gruppe angesichts seiner Kompetenzen, von freiwilliger Mitarbeit ohne Zwang aber mit Konsequenzen, die den Rahmen schaffen, miteinander zu leben. Das ist das, was der Hund erwartet, wenn er zu uns kommt. Das ist das, wozu wir eigentlich verpflichtet sind, es zu leisten.

Wie schade für alle Menschen und Hunde, deren Beziehung so desolat ist, daß der Mensch für den Hund keine bedeutende Rolle mehr spielt. Eine Beziehung zwischen Mensch und Hund kann so innig und vertraut sein, so erfüllend und beglückend für beide Seiten. Es ist nie zu spät, damit anzufangen, eine sichere Bindung und innige Beziehung zu seinem Hund aufzubauen, doch dieser Weg führt nicht durch die Hand, sondern durch Herz und Hirn.

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Montag, 10. April 2017

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Probleme? Die kriegen nur die anderen. Ich habe so viel Erfahrung im Umgang mit Hunden, mir passiert das nicht. Hunde aus dem Tierschutz, vor allem solche aus dem Ausland sind besonders ängstlich und anspruchsvoll? Nein, mein geretteter Hund wird so nicht sein. Auf geschönte Beschreibungen hereinfallen? So blöd muß man erstmal sein, ich weiß, worauf ich achten muß. Einen Welpen zu übernehmen, macht viel Arbeit und braucht Zeit und Geduld? Nein, mein Welpe wird sich ganz selbstverständlich in die Familie einfügen. Die Anzeige im Internet könnte ein Vermehrer und der Hund gar nicht in Deutschland geboren sein? Nein, das glaube ich nicht. Die Beschreibung war so echt, das kann gar nicht unseriös sein.

Fehler machen grundsätzlich nur die anderen. Probleme sind bei einem selbst nicht zu erwarten. Und wenn dann doch etwas schief geht, bekomme ich oft die Frage: "Warum hat mir das nur keiner vorher gesagt?!" - Ja, das weiß ich auch nicht...

Egal, ob es um das Thema Auslastung und notwendige Ruhephasen des Hundes geht oder die Absicherung des soeben aus scheinbar widrigen Umständen geretteten und so gar nicht dankbaren Straßenhundes. Die Irrtümer in den Köpfen der Hundehalter bringen mich immer wieder zum Staunen. Nicht nur, daß der frisch gebackene Hundehalter davon ausgeht, daß ihm grundsätzlich nichts passieren kann und wird, sondern auch bekannte Warnungen werden einfach in den Wind geschrieben. Als ob man unsterblich wäre. 

Ich frage mich, wie es dazu kommt, daß Hundehalter so überzeugt davon sind, ihnen würde nichts Außergewöhnliches widerfahren. Liegt es daran, daß im Zweifel und wenn es schief geht, sowieso "die Anderen" Schuld sind? Hundehalter tappen ohne Umwege von einem Fettnapf in den nächsten. Da werden gnadenlos bestimmte Hunde angeschafft und vehement beteuert, sie seien aus einer seriösen Zucht. Das Ergebnis sind innerhalb der folgenden 12 Monate (und länger) endlose Rechnungen von Tierärzten über Behandlungen von Durchfallerkrankungen, Ohrentzündungen, Allergien bis hin zu operativen Eingriffen für mehr Lebensqualität.
Kommen sie nicht vom "Züchter", werden sie aus dem Ausland hierher geschleust, manche mit einem LKW bis vor die Tür geliefert und auch hier ist der Hundehalter in Verteidigungsbereitschaft: Nein, diese Orga, die hat es wirklich drauf - die kennen ihr Geschäft. Die machen das schon Jahrelang und haben viele tolle Bewertungen im Internet. Das Ergebnis sind Hunde, die nicht einmal stubenrein sind, geschweige denn irgendwie in der Lage, sich in unserer Welt zurecht zu finden. Die Probleme, die daraus entstehen sind vielfältig wie die blumigen Beschreibungen ihrer Verursacher, nur folgenschwerer. Die Orgas sind in der Regel nach der Auslieferung nicht mehr zuständig und die Enttäuschung groß. So hat man sich das nicht vorgestellt - im Zweifel landet der Hund in einer Pflegestelle oder im Tierheim. Ein neues Tier wird geholt und nicht selten aus der nächsten zweifelhaften Vermittlung. Als ob man es nach dieser Erfahrung nicht besser wüsste.

Drum prüfe, wer sich ewig bindet...ich kann nur appellieren: Checkt doch bitte alles ab, was irgendwie geht, bevor Ihr Euch für ein bestimmtes Tier entscheidet. Fragt Leute, die sich damit auskennen, die jahrelang Erfahrungen gesammelt haben, die Euch sagen können, wohin die Reise gehen kann und welche Alternativen es gibt. Hundehaltung kann echt toll sein und großen Spaß bringen - macht es Euch nicht von vornherein so schwer! Der Leidtragende am Ende ist immer der Hund - er hat keine Wahl!