Sonntag, 23. Juli 2017

Gewalt beginnt im Kopf


 Man stelle sich vor: Lukas, vier Jahre alt, ein hübscher kleiner Junge ist mit seiner Mutter auf dem Weg zum Spielplatz. Dort erwarten ihn schon seine Freunde aus dem Kindergarten. Er hat heute seinen neuen Bagger dabei, den er unbedingt ausprobieren möchte. Er kann es nicht erwarten, endlich im Sand spielen zu dürfen und konnte schon nicht richtig still sitzen, als Mama ihm die Schuhe anziehen wollte. Mama findet es wichtig, daß die Schuhe zugebunden werden und besteht darauf, daß er die Beine still hält. Aber er konnte es nicht abwarten und zappelte herum. Mama machte böse Zischgeräusche und sah ich drohend an. Er schaute sie mit großen erschrockenen Augen an, so einen Blick kannte er von ihr nicht und traute sich nicht mehr, sich zu bewegen. Außerdem hatte er Angst, sie könnte ihn wieder in den Keller sperren. Neulich als er nicht einschlafen konnte und noch aufgeregt im Bett hüpfte, da hat sie es gemacht und auch als er Nachts Angst vor der Dunkelheit hatte und dachte, unter seinem Bett seien Gespenster. Im Keller ist es kalt und dunkel, er fühlte sich sehr einsam und verlassen und weinte die ganze Zeit leise vor sich hin.
 Der Weg zum Spielplatz ist nicht weit, er kennt ihn gut und läuft schon voraus in fröhlicher Erwartung, seinen Bagger im Sand auszuprobieren und die Freunde zu treffen. Lukas läuft so schnell ihn die kleinen Beinchen tragen, als plötzlich von hinten ein Schlüsselbund hinter seinen kleinen Füßen auf den Boden knallt. Er erschreckt sich und bleibt stehen, schaut sich zu Mama um, die ihn wieder drohend anschaut und böse mit ihm schimpft. Lukas versteht nicht, warum er nicht vorlaufen darf; auf dem Weg zum Kindergarten durch den Park ist es in Ordnung, auf dem Spielplatz darf er auch überall hin, während Mama auf der Bank sitzt, warum jetzt hier nicht? Er senkt den Kopf, weil er spürt, daß Mama sehr böse auf ihn ist. Er mag es nicht, wenn Mama mit ihm schimpft, aber er versteht auch nicht, was sie so böse macht. Er verspürt Angst, sie könnte ihn nicht mehr lieb haben. Sie gehen ein paar Meter weiter, Lukas bleibt jetzt lieber erstmal dicht bei Mama, als er seinen Freund Tim schon am Tor des Spielplatzes sehen kann. Tom ruft "Hallo Lukas, komm schnell, wir wollen eine Autobahn bauen, wir brauchen Dich und den Bagger!" Lukas läuft los, der Bagger wippt in seiner kleinen Hand. Auf einmal hört er einen Zischlaut und im nächsten Moment spritzt Wasser auf seinen Rücken. Er bleibt stehen, dreht sich erschrocken um und sieht wie Mama eine Wasserflasche auf ihn gerichtet hält und böse drohend zu ihm blickt. Sie sagt mit tiefer böser Stimme: "Wehe, Du läufst weiter!"

In der Kinderpsychologie benennt man einen derartigen Umgang mit dem Kind "seelische Misshandlung", zu der u.a. folgende Aspekte zuzuordnen sind (Barbarino und Fonda 1986): "Terrorisieren: Das Kind mit Drohungen ängstigen und einschüchtern, Isolieren: Das Kind von Außenkontakten abschneiden, das Gefühl von Einsamkeit und Verlassenheit vermitteln, einsperren." Dies entspricht einer sozialen Isolation, isoliert auch und vor allem von Familienmitgliedern und Sozialpartnern.

Zugegeben, dieses Szenario ist frei erfunden, doch ein solches Vorgehen scheint im  Hundebereich gesellschaftsfähig zu werden, wenn man sich durch die Ratschläge in den Medien arbeitet. 


Der Hund ist durch den Domestikationsprozess im Vergleich zum Wolf als Urahn des Hundes, jugendlich in seinem Verhalten geblieben. Der Hund verbleibt Zeit seines Lebens in der Abhängigkeit zum Menschen, was ihn mit einem Kind vergleichbar macht. Auch haben wir Hundehalter eine Fürsorgepflicht wie bei Kindern, wenn wir einen Hund übernehmen. Der Hund ist als einzig domestizierte Haustierart in der Regel in die Familie integriert und genießt nicht selten den gleichen Stellenwert wie ein Kind. Und doch würden wir (hoffentlich) mit unseren Kindern nie so umgehen wie es oft für den Hund empfohlen wird.
Dieser Trend zur Einschüchterung, Bedrohung und Isolation scheint der Versuch zu sein, einen Mittelweg zwischen von der Dominanztheorie geprägten schmerzhaften und zum Teil aggressiven Vorgehensweise mit "Alpharolle", Schnauzgriff, Leinenruck, und aversiven Strafzeizen (Strom- und Stachelhalsbänder) und dem sogenannten "Wattebauschwerfen", dem vermeintlichen Weglassen von Strafen zu sein. Vermeintlich deshalb, weil dem Hundehalter oft Glauben gemacht wird, daß eine "Arbeit mit ausschließlich positiven Bestärkungen" ausschließlich positiv sei. Doch das ist nicht möglich, wenn man sich die Lerntheorien und Definitionen von Belohnungen und Bestrafungen ansieht, dann ist schon das Ausbleiben einer Belohnung per Definition eine negative Strafe. Doch das soll hier nicht Thema sein.

Möglicherweise soll es ein anderer Weg sein, damit man dem Hund Grenzen setzen, ihm klar machen kann, was erwünscht und was nicht erwünscht ist ohne aversiv oder zu soft vorgehen zu müssen, weil aversiv verboten ist und zu soft nicht zum Erfolg führt?


Dazu kommt, daß in der körpersprachlichen Kommunikation des Hundes im Ausdrucksverhalten kein Unterschied zu erkennen ist, ob ein Hund sich submissiv, also unterwerfend verhält oder Angst hat. Das Bild, welches der Mensch sieht, ist ein Hund, der sich scheinbar unterwirft, im Körper einknickt, den Rücken rund zieht, den Blick abwendet, sich vielleicht sogar auf den Rücken wirft und aktiv oder passiv beschwichtigt. Doch auch ein Hund, der eingeschüchtert ist, Angst hat, zeigt dieses Verhalten, da die Option Flucht durch geschlossene Türen oder Zäune oder durch die Leine nicht möglich ist. So denkt der Hundehalter möglicherweise, seine seelische Misshandlung würde bei dem Hund Früchte tragen, weil er sich ja "unterwirft" und damit die höhere Stellung des Menschen "akzeptiert", doch in Wahrheit entwickelt der Hund zunehmend mehr Angst vor seinem eigenen Sozialpartner Mensch, dem er nicht entfliehen kann. Eine ambivalente Bindung ist  zwangsläufig die Folge einer solchen Vorgehensweise und wie man sich denken kann: fatal für jeden Vertrauensaufbau.

Tatsächlich sollte man sich darüber im Klaren sein, was das mit dem Hund macht, was wir mit dem Hund machen. In Situationen, in denen ein Hund unerwünschtes Verhalten zeigt, sollte die erste Frage sein: "Warum tut er das jetzt?" und nicht: "Wie kriege ich das abgestellt?"
Macht man sich auf die Suche nach den Gründen, warum der Hund tut, was er tut, findet man sehr schnell viele Dinge über den eigenen Hund heraus, die man vorher überhaupt nicht bedacht und erkannt hat. Es ist also eine Chance, seinen Hund besser kennen zu lernen. Dies beugt im Übrigen auch zukünftigen Missverständnissen vor.

Wenn also, um ein Beispiel zu nennen, der Hund an der Leine zieht, kann eine Motivation dafür sein (und ist es in der Regel auch), daß der Hund OHNE Leine die Verantwortung für das Team übernimmt. Das kann jeder ganz einfach überprüfen: Einfach die Leine abmachen und sehen, was passiert: Läuft der Hund vorne weg und macht den Weg frei, bleibt vielleicht ab und an stehen und schaut sich nach seinem Menschen um, dann ist er sehr sozial mit dem Menschen, weil er sein hündisches Tempo der Langsamkeit des Menschen anpasst. Dieser Hund ist als erster an den Außenreizen, die da kommen und damit der Entscheidungsträger, was mit diesen Reizen zu tun ist. Egal, ob es Spaziergänger, Artgenossen oder andere Tiere oder Dinge der unbelebten Umwelt sind.

Die Motivation in diesem Beispiel kann also sein, die Verantwortung und Entscheidung zu tragen. Das geht genau so lange gut, bis der Hund eine aus der Sicht des Menschen falsche oder unerwünschte Einscheidung trifft: Zum Beispiel einen Jogger anbellen. Dann kommt die Leine geflogen, die Wurfschelle oder was auch immer. Der Hund wird eingeschüchtert und bedroht. Für den Hund ist diese Reaktion des Menschen, wenn er sie denn mit diesem überhaupt in Verbindung bringt, verunsichernd und birgt die Gefahr des Vertrauensbruchs. 
Nicht selten passiert zudem diese Form der "Erziehung" in Momenten, in denen der Hund ohnehin schon durch den Außenreiz verunsichert ist. Häufig ist die Ursache für problematisches Verhalten eine Verunsicherung oder Angstreaktion des Hundes: Zum Beispiel das Bellen am Gartenzaun kann aus der Angst vor Verlust der eigenen Ressourcen und Sicherheit geschehen. Wirklich sichere Hunde sind souveräne Hund bellen in der Regel nicht am Gartenzaun. Sie warten, bis derjenige das Grundstück betritt und dann: "Viel Glück!"
Es kann auch Selbstdarstellung oder ritualisiertes Verhalten sein, weil der Hund nichts Anderes gefunden hat, womit er sich Anerkennung und Integration in die Gruppe vorstellen kann. Dann könnte er aus Angst vor Verlust der Gruppenzugehörigkeit am Gartenzaun bellen und seinen Job machen. Irgendwann kommt dann noch der Spaßfaktor dazu, weil die Außenwelt entsprechend auf den Krawall reagiert und den Hund in seiner Vorgehensweise bestärkt: Es fühlt sich für den Hund auch gut an, wenigstens aus dem Schutz des gesicherten Grundstückes heraus, jemanden zu beeindrucken. Wenn ihm das schon sonst nicht gelingt. Dann ist es Angst, nicht ernst genommen zu werden. Im Übrigen eine begründete Angst vieler Hunde, denn wir Hundehalter neigen dazu, unsere Hunde nicht ernst zu nehmen. Die kleineren Hunde schon dreimal nicht. Katastrophal für den Hund.
Doch neben Wasserflasche, Wasserpistole, Wurfschelle und fliegenden Leinen gibt es auch noch die Einschüchterung über zischende Laute oder drohendes Fixieren bzw. drohende Körpersprache. Hunde untereinander nutzen sehr wohl Laute (Knurren), Blickfixieren und auch Körpersprache, um miteinander zu kommunizieren. Man sollte meinen, dies sei eine für den Hund nachvollziehbare und der Tierart Hund angemessene Kommunikation.
Ich habe keinen Zweifel daran, das der Hund das auch so versteht, denn die von mir beobachteten Reaktionen der Hund zeigen in der Regel einen Abbruch des Verhaltens, sowie in der Regel eine submassive Körpersprache.
Damit ist das unerwünschte Verhalten des Hundes abgestellt und der Mensch zufrieden. Respekt oder Angst - diese Frage bleibt unbeantwortet, da die Körpersprache des Hundes als Reaktion keine Differenzierung zulässt.

Für den Hund verbleibt auch möglicherweise eine Ambivalenz in den Reaktionen des Menschen, weil es Situationen gibt, in denen der Hund bedroht wird und andere, in denen der Hund das gleiche Verhalten zeigt, aber nicht bedroht wird. So kann der Hund nicht erkennen, was wirklich erwünscht und was unerwünscht ist.
Man sollte sich über die Motivation des Hundes für sein Verhalten klar sein und darüber nachdenken, wann das Verhalten auftritt und ob ich zum Beispiel dem Hund nicht ständig wieder Gelegenheit bzw. Verantwortung übertrage, dieses Verhalten zeigen zu müssen. Prävention ist das Stichwort und nicht Korrektur, Bestrafung oder Ablenkung. Erst wenn ich mir sicher sein kann, daß ich dem Hund mit meinem gesamten Handling und Umgang "erklärt" habe, wer für was zuständig ist, kann ich ihn auch in seine Schranken weisen, ohne ihn zu bedrohen oder einzuschüchtern. Mit "in seine Schranken weisen" meine ich vor allem, sich selber körperlich einzubringen, zu splitten und den Hund körperlich abzugrenzen von dem, was er als Reaktionsauslöser betrachtet ohne ihn zu bedrohen oder einzuschüchtern.
 Im Zweifel kann ich dies auch über Begrenzungen wir z.B. Leine und/oder Hausleine tun, um den Hund in seinem Radius einzugrenzen und mich selber handlungsfähig zu machen, ohne die Individualdistanz des Hundes zu verletzen.
Oft führt auch zunächst das Vermeiden von Situationen im "roten Bereich" dazu, daß erst einmal das Vertrauen wieder hergestellt werden kann, eine sichere Bindung entsteht. Dann ist die Grundlage geschaffen, den Hund mit schwierigeren Situationen zu konfrontieren und ihn durch diese zu geleiten. Wenn es dann noch nötig sein sollte, eine angemessene Grenze aufzuzeigen, wird diese ohne Einschüchterung oder Strafe möglich sein, der Hund wird den sozialen Zusammenhang verstehen und sein Verhalten entsprechend modifizieren. Meine Erfahrung ist: Ist die Beziehung auf sichere Beine gestellt, genügt meist ein Blick des Menschen und ein Gedanke, damit der Hund sein unerwünschtes Verhalten unterlässt. Der Mensch wird berechenbar in seinen Reaktionen, das schafft Vertrauen und Sicherheit, der Hund kennt seinen Rahmen und seine Verantwortungen und wird sich in der Regel dankbar darauf beziehen. Oft genug erlebe ich, daß Hunde in sicheren Beziehungen gar kein unerwünschtes Verhalten mehr zeigen.

Schau hin und frage Dich, warum Dein Hund tut, was er tut. Schau hin und frage Dich, was könnte dazu führen, daß Dein Hund NICHT tut, was er eigentlich tun soll: Ist es an dieser Stelle zu diesem Zeitpunkt sicher genug (aus der Sicht des Hundes!) es zu tun oder gibt es gute Gründe, es zu lassen ? In eine Angstsituation hinein zu korrigieren, sollte tabu sein.

Es hat alles einen Sinn, denn alles ist Kommunikation. Nach Watzlawick (Psychotherapeut, Soziologe und Kommunikationswissenschaftler): Man kann nicht nicht kommunizieren

Aber: Man kann es (auch absichtlich) missverstehen.

1 Kommentar:

  1. Ich habe den Beitrag mit großem Interesse gelesen und gerade der Vergleich mit einem Kind gefiel mir sehr gut. Auch wenn man Hunde natürlich nicht mit Kindern vergleichen sollte. Aber der respekt gegenüber allen Lebewesen / Pflanzen sollte stets gegeben sein.

    Ich habe das große Glück, dass ich mit Socke - auch rassebedingt - einen Hund an meiner Seite habe, bei dem ich nicht einmal diese Erziehungsmethoden anwenden. Würde mir auch wiederstreben. Zum Glück konnte ich damals in der Hundeschule für mich immer frei entscheiden, was ich in Betracht kommt und was nicht zu uns passt.

    Unser Problem ist eher Sockes Erkrankung und da fragen wir uns auch, was würden wir uns, unserem partner oder Kind in der Sizution zumuten und was geht nicht. Ein Satz wie, das ist doch nur ein Hund, kommt uns dabei nicht über die Lippen.

    Ich hinterfrage mich bei Problemen mit Socke oft selbst, frage nach Sockes Wesen / Rasse und habe bis jetzt immer eine Antwort und Lösung gefunden. Dafür bin ich dankbar.

    Viele liebe Grüße
    Sabine mit Socke

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