Vielleicht übertrieben - vielleicht vermenschlicht...vielleicht auch nicht so selten

 

 9.12.2015 Zweiter Nachtrag
Der zweite Fall im Jahr 2015: Eine Familie lässt sich in guter Absicht, eine Rettung zu ermöglichen, einen Hund aus Ungarn kommen. Diese Hündin ist das extremste, was man sich unter Erlernter Hilflosigkeit vorstellen kann. Sie verlässt den Platz, auf dem man sie abgesetzt hat nur in unbeobachteten Momenten zum Kot- und Urinabsatz. Sie ist vermutlich nie stubenrein gewesen. Videoaufzeichnungen zeigen sie schon im ungarischen Tierheim mit allen Kennzeichen von starker Deprivation und extremen sozialen Defiziten. Eine Tragödie in bisher vier Akten. Noch lebt dieses Hündin, die Frage ist, welchen Preis sie dafür zahlt.

7.8.2015 - Nachtrag
Als ich im Jahr 2012 anlässlich meiner Facharbeit zum Thema Stress beim Hund diese Geschichte schrieb, war sie rein fiktiv. Nun ist sie real geworden. Fast genau so. Daher widme ich diese Geschichte jetzt all jenen Hunden, die fernab von Öffentlichkeit und Petitionen ihren letzten Gang gegangen werden. R.I.P. kleiner schwarzer Mann, den ich nicht kennenlernen konnte - ich erfuhr von Dir zu spät.

 Lucky wurde in einem Haus geboren, in dem viele Hunde lebten. Der Platz war so eng, daß sich nicht alle miteinander vertrugen.
Es gab viel Streit um das wenige Futter, das gelegentlich von einem Menschen hineingeworfen wurde.
Betreten konnte dieser Mensch die Hundefläche schon lange nicht mehr.
Es waren die großen, kräftigen Rüden, die ihr Rudel verteidigten und alles vertrieben, was ihnen nicht zugehörig erschien. Leider galt das nicht nur für Menschen, sondern auch für so manchen Artgenossen.
Die Mutter von Lucky gehörte auch zu denen, die NICHT dazugehörten.
Sie wurde oft als Frustopfer benutzt, von den Stärkeren, den Schnöseln gemobbt.
Oft verkroch sie sich in dem alten Schrank, dessen Türen herausgerissen waren.
Einer von den jungen Schnöseln trieb sie irgendwann so in die Enge, daß sie nicht mehr fliehen konnte.
Er hatte es schon lange auf sie abgesehen. Es war einer von denen, die sehr viel Frust hatten, einer von denen, die nichts dürfen, nichts essen... sich nicht frei bewegen und vor allem nicht Interesse an Hündinnen zeigen.

So kam zwei Monate später Lucky auf die Welt... zusammen mit seiner Schwester... in dem alten Holzschrank ganz hinten in der Ecke.
Lucky hatte eine fürsorgliche Mutter, es hätte alles gut gehen können, wäre nur ein wenig mehr Platz gewesen und nicht ständig dieser Dreck und Lärm von den vielen anderen Hunden.
Es war bestimmt nicht einfach für Luckys Mutter, ihn und seine Schwester ständig vor den anderen zu verteidigen. Sie waren alle Futterkonkurrenten und Luckys Mutter wurde nicht gerade gern gesehen, an den wenigen Brocken.

Sie war nicht da... eines Tages … als der Schnösel kam. Vielleicht hat ihn der Hunger dazu getrieben... vielleicht auch nur der Frust ... man weiß es nicht.
Lucky schaffte es gerade noch rechtzeitig, den rettenden Schrank zu erreichen...er sah, wie seine Schwester dem Schnösel zum Opfer fiel. Den Anblick und ihr Schreien sollte er nie vergessen...
Seine Schwester war wichtig für ihn gewesen, sie hatte Wärme gespendet, wenn die Mutter nach Futter suchte, in den Exkrementen und dem Müll.
Wenn sie versuchte, wenigstens noch das zu finden, was die anderen übrig gelassen hatten.
Mit seiner Schwester fühlte er sich nicht so sehr allein.
Doch nun war seine Schwester fort. Er war auf sich gestellt, wenn die Mutter ihn nicht beschützte vor den Schnöseln, den Hungrigen...Frustrierten.

Eines Tages, da gab es plötzlich sehr viel Lärm, ein großes Durcheinander.
Lucky war vielleicht so vier Wochen alt, lag gerade in der Ecke im Schrank bei seiner Mutter in Sicherheit, als Menschen in das Haus kamen.
Die großen Rüden, die eigentlich immer zuerst essen durften, gingen knurrend und bellend mit gefletschten Zähnen auf sie los.
Sie versuchten das Rudel zu verteidigen und schnappten, knurrten und bellten, es war ein ohrenbetäubender Lärm.
Einige Männer konnten sie so zurücktreiben. Doch sie waren ausgestattet mit langen Stangen und Schnüren am Ende.
Einen Hund nach dem anderen fingen sie mit ihren Stöcken und transportierten sie ab. Lucky hatte panische Angst, seine Mutter drängte ihn tiefer in den Schrank, doch es gab kein Entrinnen.
Lucky sah, wie seine Mutter ebenfalls eingefangen wurde. Sie wehrte sich mit allem, was sie hatte, sie knurrte und drückte ihn, der hinter ihr hockte, immer tiefer in die Ecke, aber es half nichts.
Seine Mutter bekam die Schlinge um den Hals und wurde am Stock herausgezogen.
Er duckte sich , aber ein Lichtstrahl erfasste ihn und auch er wurde mit der Schlinge eingefangen und herausgezogen, in eine dunkle Kiste gesperrt.

Es roch nach Angst, nach Blut und Speichel.

Da kam sie wieder... die Angst, die er gefühlt hatte, als seine Schwester von dem Schnösel gepackt wurde.
Wo war seine Mutter? Wo waren die anderen? Waren alle in solchen Kisten?
Die Angst schnürte ihm die Kehle zu, sein Herz raste, ihm war übel, seine Blase entleerte sich plötzlich, Durchfall schoß aus seinem After, er konnte nichts tun in seiner kleinen Kiste.
Er zitterte am ganzen Körper, seine Augen waren weit aufgerissen und seine kleinen Muskeln fühlten sich an, als wollten sie platzen.
Sein ganzes Maul fühlte sich an, als ob es voller Speichel wäre, dabei war die Zunge ganz trocken.
Er musste gähnen und gleichzeitig die Tropfen, die aus seiner Nase kamen, weglecken. Was war nur passiert. Die Geräusche und Gerüche um ihn herum kannte er nicht, er konnte sie nicht einsortieren.
Was war nur los?
Die Kiste, in der Lucky saß, wurde weggetragen und abgestellt.
Lucky wurde durchgeschüttelt, von rechts nach links geworfen. Ihm wurde noch übler. Er hatte die Orientierung verloren. War er überkopf? Ihm wurde schwindelig, er mußte sich übergeben, doch wohin?
Die Box war klein und geschlossen... Er erbrach und lag in seinem Urin, Kot und Gallenwasser.
Doch das Gerüttel und Geschüttel hörte nicht auf... Eine schwere Müdigkeit überkam ihn, er schlief ein, doch es war kein erholsamer Schlaf. Es war eher so, daß er keine Kraft mehr hatte, wach zu bleiben, es war alles zuviel für ihn. Er hatte Hunger und Durst, fühlte sich elend und einsam.

Einige Zeit später, wurde er jäh aufgeschreckt. Jemand hatte die Kiste geöffnet. Ein grelles Licht blendete ihn, er blinzelte, konnte aber nichts sehen. Als er sich etwas an das Licht gewöhnt hatte, sah er nur Dinge, die er nicht kannte. Ein heller Raum, Menschen mit fremden Gesichtern, es roch sehr sehr merkwürdig, aber wenigstens lag kein Kot auf dem Boden.
Ein Mensch hielt ihm etwas vor die Nase, es roch gut. Er hatte zwar Angst aber auch Hunger und nahm das Bröckchen vorsichtig zwischen die Lippen. Bisher hatte er nur die Milch seiner Mutter getrunken und ab und zu einen alten Knochen oder Vogelflügel von ihr bekommen. Dies hier war aber anders...sehr viel weicher und lecker.
Im gleichen Moment als er abschlucken wollte, piekste es am Rücken. Er zuckte zusammen, schoß mit der Schnauze nach hinten und wurde jäh im Nacken gepackt. Da war sie wieder...die Angst...
Er wurde festgehalten, obwohl er zappelnd versuchte, frei zu kommen. Eine Hand hielt ihn im Nacken fest, während eine andere Hand irgendwelche Dinge an seinem Körper machte. Dann kam er wieder in die Box. Sie war zwar inzwischen gereinigt worden, aber den Geruch von Angst und Panik konnte er noch immer gut wahrnehmen.
Es war wie ein Befehl an sein Gehirn: Angst haben...Angst haben...und wieder fühlte er, wie sie in ihm hochkroch...er wußte nicht, was mit ihm passiert, hatte keine Ahnung, was als Nächstes geschehen wurde, er hatte einfach nur Angst. Seinen Pfoten hinterließen auf dem Holzboden der Kiste nasse Abdrücke, er hatte einen schlechten Geschmack im Maul, er hechelte und schluckte, obwohl nichts mehr da war zum Schlucken.
Aber eines hatte er gelernt, wenn wieder ein Mensch die Hand vor seine Schnauze hält, würde er nicht schnuppern und hoffen, daß er etwas zu fressen wäre, er würde gleich schnappen, so wie er das bei den großen Schnöseln immer gesehen hat, wenn der Mensch Futter brachte. Keiner würde ihn mehr anfassen dürfen.

Die Kiste wurde wieder eingeladen in das Ding, das brummte und ruckelte. Diesmal legte sich Lucky gleich hin um damit der Übelkeit zu entgehen. Doch auch diesmal war die Angst so stark, daß ihm schlecht wurde. Er schmatzte und schluckte, aber er konnte es nicht verhindern. Er mußte sich übergeben bis der kleine Körper so erschöpft war, daß er sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte.
Endlich wurde der Motor abgestellt, jemand nahm die Kiste hoch und Lucky blickte erneut in ein Licht. Diesmal war es nicht ganz so hell wie vorher und es roch auch nicht so schlimm.
Ein Gesicht beugte sich über ihn, eine Hand griff von oben in die geöffnete Kiste. Doch diesmal war er schneller. Er schoß nach oben und biss in die Hand mit aller Kraft, die ihm noch geblieben war. Die Hand flog zurück, das Gesicht schrie auf und jemand kippte die Kiste aus. Er purzelte aus der Kiste, landete nach einer Seitwärtsrolle durch sein Erbrochenes auf einem harten Fußboden und schüttelte sich nach einem kurzen Moment. Er blickte sich um, die Hand näherte sich wieder. Diesmal steckte auch wieder ein Bröckchen gut riechenden Futters darin. Er überlegte kurz, ob er die Strategie mit dem Beissen noch einmal anwenden sollte, doch während er überlegte, ließ die Hand das Bröckchen fallen. Vorsichtig näherte er sich dem Bröckchen und nahm es auf, jedoch nicht ohne den Blick fest auf die Hand geheftet zu lassen.

Lucky landete in einer Pflegestelle u.a. für Tiere aus Beschlagnahmungen in Fällen von Animal Hording. Seine Mutter musste eingeschläfert werden, da sie in zu schlechtem Zustand war. Lucky wurde in den nächsten Wochen mit der Flasche aufgezogen, da ihm die Mutter sehr fehlte. Leider gab es in der Pflegestelle keine Ammenhündin, die sich seiner hätte annehmen können. Sozialkontakte mit anderen Hunden hatte Lucky nicht, da es ein ständiges Kommen und Gehen von fremden Hunden gab. Kein Hund war länger als eine Woche dort und so vertrat die Leiterin der Pflegestelle die Ansicht, Risiko und Nutzen würden sich nicht die Waage halten und verzichtete lieber auf Sozialkontakte, zumal Lucky nicht nach einer Woche vermittelt werden würde. Sein Zustand sollte sich erst stabilisieren.
Lucky blieb insgesamt bis zur zehnten Woche in der Pflegestelle, wobei er eigentlich nur die Leiterin kennenlernte. Vielleicht gab es dort auch gar keine anderen Menschen...
Eines Tages wurde er abgeholt. Eine Frau mittleren Alters kam und verliebte sich sofort in ihn.
„Er ist soooo süß und wuschelig! Den nehme ich“ rief sie erfreut aus.
Ja, das war wirklich ein Vorteil! Alle anderen Hunde in der Pflegestelle waren älter und oft auch sehr böse zu den Menschen, die kamen, um sich einen Hund auszusuchen. Doch bei Lucky war das anders. Er knurrte zwar auch und schnappte sogar, wenn jemand von oben über seinen wuscheligen Kopf streicheln wollte, aber irgendwie schien das keiner Ernst zu nehmen. Vielleicht waren seine Zähne nicht groß genug.. . nun sie würden ja noch wachsen...
Die Frau nahm ihn jedenfalls mit. Sie wollte schon immer einen Hund haben, frische Luft ist ja auch so gesund. Der Arzt hatte ihr verschrieben, viel spazieren zu gehen.
Was liegt da näher, als sich dafür einen Hund zu holen. Einen Partner hatte sie nicht mehr, ihr Mann war verstorben und Kinder hatten sie nie kriegen können.
Nun könnte dieser kleine wuschelige Welpe aus der Nothilfe endlich ihre Bedürfnisse erfüllen. Sie könnte mit ihm alles nachholen, was sie versäumt hatte.
Sie könnte mit ihm Agility machen. Wie süß würde es aussehen, wenn er mit seinen kurzen Beinchen und wehendem Fell im Slalom um die Stangen fliegen würde. Sie könnte vielleicht sogar einmal an einem Turnier teilnehmen...naja, vielleicht nicht sie, aber die Trainerin, mit der sie neulich gesprochen hat. Die Trainerin stellte öfter fremde Hunde auf Turnieren vor, wenn deren Frauchen oder Herrchen nicht mehr so gut zu Fuß sind. Das Publikum wäre begeistert, wenn das kleine Notfellchen eine Leistung wie die Großen vollbringen würde. Sie bekäme endlich die Anerkennung, die sie in ihrer wöchentlichen Malgruppe nie bekommen hatte.

Nun wohnte Lucky also bei der netten Dame. Er bekam zwei Mal am Tag etwas zu Fressen aus einer kleinen Porzellanschüssel. Frauchen zelebrierte das Futtergeben regelrecht. Er bekam jedesmal ein kleines Leckerchen noch obendrauf gelegt. Ansonsten gab es zwischendurch immer mal etwas aus der Hand und morgens ein Stück Leberwurstbrot.
Das klappte gut, er mußte nur mit zum Frühstückstisch laufen und kläffen, dann schnitt sie von ihrer Scheibe etwas ab, hob ihn hoch auf ihren Schoß und hielt es ihm vor die Nase. Wenn Sie nicht schnell genug war, sprang er an ihren Beinen hoch und hielt auch schon mal die Hand fest.
Es mangelte ihm an nichts, er durfte auf dem Sofa liegen, hatte in ihrem Bett, dort, wo ihr Mann geschlafen hatte, ein weiches Kissen.
Immer wenn er wollte, wurde er gestreichelt, besonders, wenn er ihr den Bauch hinhielt, dann quietschte sie ganz vergnügt und kraulte, bis es ihm zuviel wurde. Dann konnte es auch schon mal sein, daß sie erst aufhörte, wenn er ihre Hand ins Maul nahm.
Vier Mal am Tag ging sie mit ihm spazieren, nicht so lang, weil ihre Füße nicht so wollten, nur die kleine Runde, dafür aber immer die gleiche, denn sie wollte alles richtig machen: So ein kleiner Racker muss ja auch Zeitung lesen! Trafen sie andere Hunde, war es kein Problem für ihn, dorthin zu sprinten, denn er war so gut wie nie an der Leine.
Er kannte ja den Weg, den sie immer gingen. Meistens schoß er laut bellend auf die anderen Hunde zu. Besonders die großen hatten es ihm angetan, bei denen freute er sich besonders laut...
Schlimm war es nur mit ihm in der Stadt... Frauchen mußte regelmäßig zum Arzt in die Fußgängerzone. Da wimmelte es nur so vor Menschen und anderen Hunden. Hier war es eng, die Lichter und Geräusche waren laut und wirr. Dinge standen hier, die er nicht kannte, die ihm Angst machten...da war sie wieder...die Angst... Frauchen band ihn dann immer an der Hausecke fest. Er hatte inzwischen gute Strategien entwickelt, dass ihn keiner mehr anfasste. Näherte sich jemand, stellte er sich sofort steifbeinig hin, sträubte das Nackenfell und knurrte so böse, daß jeder sofort zurückwich.

Komischerweise hatte Lucky immer nach diesen Tagen nachts Leckattacken. Er leckte sein ganzes Kissen im Bett ab, er schmatzte und schluckte in einer Tour. Manchmal ging das stundenlang, es war nicht zum Aushalten. Manchmal bekam Frauchen kein Auge zu...
Irgendwann durfte Lucky dann nicht mehr neben ihr schlafen, sondern mußte vor ihre Tür in den Flur. So störte er sie wenigstens nicht mehr.
Überhaupt: Das Lecken, das war eine blöde Angewohnheit von ihm. Manchmal machte er es tagsüber immer und immer wieder.
Seine Pfoten waren schon ganz wund, einige seiner Krallen waren abgekaut und entzündeten sich immer wieder. Sein Frauchen hatte ihn schon zum Tierarzt gebracht, aber schon auf der Fahrt dorthin hat sich Lucky ständig übergeben. So diagnostizierte der Tierarzt eine Reisekrankheit und verschrieb ein Mittel gegen Übelkeit. Für den Juckreiz gab es ein Kortison und gegen die Bakterien ein Antibiotikum.

Er hatte aber noch mehr unerwünschte Angewohnheiten: Er fing seinen Schwanz. Zuerst fand sein Frauchen das noch lustig, warf dann Leckerchen.
Es klappte gut, wenn er nicht wußte, was er tun sollte, um das Leckerchen zu bekommen oder das Geräusch auszulösen, was das Leckerchen ankündigt. Erst legte er den Ball zu Frauchens Füßen und wenn das nicht klappte, dann drehte er sich im Kreis und jagte seinen Schwanz.
Irgendwann bemerkte er, daß es ein gutes Gefühl ist, so zu Kreiseln... er machte es öfter, auch immer wieder, als längst schon kein Leckerchen mehr flog. Frauchen tat erst so, als sähe sie es nicht und fing dann irgendwann an zu schimpfen...
Er brauchte kein Leckerchen mehr, das gute Gefühl reichte ihm...
Dieses Gefühl bekam er auch, wenn er immer wieder hinter dem Ball herrannte.
Agiltiy hatte Frauchen aufgegeben...auch wegen des Schwanzjagens, er war immer so aufgeregt gewesen, wenn es losging, hatte gebellt, ständig wieder und dann angefangen, seinen Schwanz zu jagen.
Jemand hat gesagt, daß sei nicht gut, sie sollte mit Agility aufhören. Nun machte sie nur noch Bällchen- und Stöckchenwerfen mit ihm. Manchmal holte er auch einen Tannenzapfen oder sonst irgendwas, was sie werfen konnte.
Das gab den Kick...er jagte hinterher und fing manchmal sogar den Ball noch im Flug, brachte ihn zu Frauchen zurück. Sie schimpfte oft mit ihm, weil er den Ball nicht loslassen wollte, aber es war ein tolles Spiel mit dem Ball wegzurennen. Doch leider war Frauchen ja nicht so gut zu Fuß, so rannte sie nicht hinter ihm her.
Dann brachte er den Ball wieder zu ihr und sie warf und warf und warf, bis er absolut nicht mehr konnte. Sein Herz machte ihm zu schaffen, es raste immer so, wenn er merkte „jetzt geht es los!“

Das Gefühl war so ähnlich wie damals, als die Menschen seine Mutter geholt hatten...nur diesmal fühlte es sich gut an, dieses Gefühl, wenn nur das Herz nicht immer so rasen würde... Er wollte dieses Gefühl immer mehr und immer öfter haben. Es kam aber nicht nur beim Ballspielen, dieses Gefühl. Es kam auch, wenn er Beppo traf. Beppo wohnte drei Straßen weiter. Leider hatte Lucky nicht mehr so viel Urin übrig, wenn er in Beppos Revier kam, aber ein paar Tropfen genügten, ihm ordentlich die Meinung zu sagen. Beppo hatte feste Markierstellen, die kannte Lucky gut. Neuerdings markierte Beppo aber auf einer neuen Stelle...das war eigentlich die Stelle von Lisa...Nun war die Feindschaft erklärt...wer auf Lisas Pinkelstelle markiert, in Luckys Revier...der hat nichts mehr zu lachen...Lucky perfektionierte seine Attacken gegen Beppo. Kaum dass er ihn erspäht hatte, ging er knurrend und bellend nach vorne und attackierte ihn. Neuerdings hatte er jedoch einen Maulkorb auf, weil Frauchen nicht wollte, daß Lucky wirklich mal zubiss. Diese Aufregung machte ein gutes Gefühl, fast so gut wie Ballspielen.

Doch ein ähnliches Gefühl kam auch, wenn er Angst bekam. Und die bekam er oft. Dann steigerte sich aber das Gefühl in Panik, die Kehle war wie zugeschnürt, das Herz raste, er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Er war einfach nicht mehr er selbst.
Das fühlte sich nicht gut an. Dann war es wie damals, als ihm die Luft wegblieb, er zitterte wie Espenlaub, mußte niesen und bekam keine Luft mehr, manchmal mußte er husten oder gar erbrechen, seine Haut schien überall zu brennen und er wußte nicht wohin mit sich. Lucky brauchte auch immer sehr lange, bis das Gefühl wieder weg war, manchmal ging es auch gar nicht weg. Das passierte immer dann, wenn ihn etwas an früher erinnerte oder er etwas nicht kannte. In engen Situationen, wenn Unbekanntes auf ihn einströmte, unheimliche Menschen oder Tiere sich näherten, er nicht ausweichen konnte, weil z.B. die Leine dran war. Er mußte für seine Sicherheit selber sorgen...

 Wenn es denn mal geklappt hätte...seine Zähne waren immer noch nicht groß genug...es nahm ihn keiner ernst. Und jetzt hatte er auch noch einen Maulkorb...
Lucky hatte alles, was man als Hund so braucht, Frauchen kochte das beste Futter, war stets besorgt um sein Wohlergehen und seine Gesundheit. Er hatte jede Menge Spielzeug und sein Frauchen las ihm jeden Wunsch sofort von den Augen ab. Und trotzdem war er oft krank. Er nahm jede Infektion mit, die er nur kriegen konnte: Zwingerhusten, Magen-Darm-Infekte, Mittelohrentzündung und Atembeschwerden und immer wieder dieses Erbrechen.
Zuletzt bekam er sogar eine Allergie gegen das so liebevoll zubereitete Futter von Frauchen. Er war deshalb oft beim Tierarzt, was jedes Mal dieses Gefühl der Panik in ihm aufkommen ließ. Wegen seines Schwanzjagens befragte Luckys Frauchen einen Spezialisten.
Dieser hatte eine gute Idee. Er berichtete ihr von einer Studie, in der es um die Therapie von unerwünschtem Verhalten ging. Dabei hatte man festgestellt, daß z.B. Leckattacken und stereotypes Verhalten wie Schwanzjagen mit speziellen Halsbändern erfolgreich zu behandeln sind. Er gab ihr ein Leih-Halsband mit und empfahl ihr, den Hund unauffällig zu beobachten und bei jedem Fehlverhalten den Auslöser zu betätigen.
Sie nahm das Halsband mit nach Hause und tat, wie man ihr aufgetragen hatte.
 Leider gab es inzwischen viele Situationen, in denen Lucky unerwünschtes Verhalten zeigte. Er bellte, leckte, speichelte und schluckte viel, er drehte sich wie ein Brummkreisel, wenn sie sich zum Spaziergang anzog, er kaute an seinen Pfoten, kratzte an ihren Beinen, schleppte ständig Sachen an, die er vor ihre Füße legte und knurrte sie sogar an, wenn sie ins Bett gehen wollte.
Er zerstörte Sachen, wenn sie nicht aufpasste, und er konnte keine Sekunde alleine bleiben, er kratzte an den Türen und Fenstern, zerpflückte das Sofa und kratzte auf dem Teppich. In eine Box konnte sie ihn nicht sperren, nicht für das leckerste Leckerchen der Welt wäre er dort hineingegangen. Er mied die Box komplett und hätte sich massiv zur Wehr gesetzt, wenn sie versucht hätte, ihn zu zwingen. Lucky war aggressiv, wenn ihm andere Hunde begegneten und knurrte, wenn Menschen ihn streicheln wollten. Sogar beim Futter versuchte er, seinen Dickkopf durchzusetzen und verschmähte das liebevoll zubereitete Allergiefutter. Nur die Leckerchen, die nahm er ihr noch aus der Hand, auch wenn er sie dabei oft zwickte.

Es wurde also wirklich Zeit, etwas an seinem Verhalten zu ändern...
Allerdings hatte Luckys Frauchen auch ein schlechtes Gewissen.
Jedes Mal, wenn sie den Auslöser betätigt hatte, erschrak sich Lucky so sehr, daß er aufschrie und unter das Sofa flüchtete.
Aber der Fachmann hatte doch gesagt...
und außerdem hatte ja alles andere nicht geholfen, was sie probiert hatte.
Und das waren wahrlich auch nicht immer die sanftesten Methoden gewesen. Sie hatte alles ausprobiert: Die Wurfschelle, die Wasserpistole, Rappeldose und auch die Leine hatte sie nach ihm geworfen.
Lucky war aber auch ein harter Brocken, so ein kleiner selbstbewußter Kerl!
Aber wenn er dann so zitternd mit eingeklemmter Rute unter dem Sofa lag, tat er ihr irgendwie doch leid.
Um sich nicht ganz so schlecht zu fühlen, versuchte sie ihn anfänglich noch mit dem Leckerchen in der Hand unter dem Sofa hervorzulocken. Früher hatte das doch immer funktioniert. Doch jetzt … nicht mehr so richtig.

Bis auf einmal...da hatte sie den Auslöser noch in der Hand und hielt ihm mit der anderen ein Stück Leberwurstbrot hin, das mochte er doch immer so gerne...
Er robbte unter dem Sofa vor, nahm das Stück Leberwurstbrot aber auch einen Finger von ihr ins Maul.
Sie war schon öfters von ihm geschnappt worden, das hatte ihr natürlich nicht gefallen, und sie wollte auch dieses Verhalten abstellen, also drückte sie in dem Moment den Auslöser und ein neuer Stromstoß ging durch sein Halsband.

Nun kam Lucky nicht einmal mehr für seinen geliebten Tennisball oder für das Leberwurstbrot unter dem Sofa vor. Er liess sich nicht locken, knurrte nur noch und schnappte, wenn sich eine Hand näherte. Eigentlich müsste er dauerhaft den Maulkorb tragen. Das hatte ihr der Trainer empfohlen, in dessen Hundegruppe sie nun nicht mehr mitmachen durfte, weil Lucky aggressiv zu anderen Hunden war. Aber sie brachte es nicht übers Herz. Seine Zähne waren ja zum Glück nicht so groß.
Außerdem hat sie jetzt eine Hausleine an seinem Halsband befestigt, und konnte ihn unter dem Sofa herausziehen, so konnte sie wenigstens nochmal in den Garten zum Ballspielen mit ihm gehen.
Beim nächsten Tierarztbesuch berichtete sie von den aktuellsten Entwicklungen mit Lucky, vor allem aber von seinen neuen Krankheitssymptomen. Lucky röchelte nachts, erbrach Galle und war schon zweimal beim Bällchenspielen zusammengebrochen...neulich war es so schlimm, daß er sogar einen fürchterlichen Zuck-Anfall hatte. Er lag mehrere Minuten auf der Seite und strampelte mit den Beinen, die Kiefer schlugen aufeinander und die Augen waren schrecklich verdreht. Frauchen hatte sich sehr darüber erschrocken und fragte den Tierarzt, was das wohl gewesen sein mag.

Der Tierarzt runzelte die Stirn, murmelt etwas von Epilepsie, Herzhusten, Magengeschwür und Röntgen, während die Helferinnen aus einer Mullbinde eine Maulschlinge anlegten...

Da war es wieder...dieses Gefühl... alles war zu eng, zu viele Menschen, Geräusche...er konnte nicht weg...es roch komisch...

Dann bekam er einen Pieks...wie damals... alles verschwamm, er wurde müde, ganz müde...alles war plötzlich dunkel...

Als der Tierarzt das Teletakthalsband abnahm, sah er die Narbe von der Schlinge an Luckys Hals. Er fand noch ein paar tröstende Worte und sagte zum Schluß: „Er hat halt keinen guten Start gehabt...nehmen sie das nächste Mal lieber einen Hund aus dem Ausland oder vom Züchter. Die sind robuster und bekommen solche Probleme nicht.“

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