Dear Doc!


Lieber Tierarzt,
als ich ein kleines Mädchen war, habe ich davon geträumt, einmal Tierärztin zu werden. Immer, wenn meine Tiere krank waren, bewunderte ich unsere Dorftierärztin, wie sie mit den Tieren umging, mit ihnen sprach, sie berührte und wie sie es oft schaffte, sie zu heilen. Und wenn nicht, konnte ich sehen, mit welcher Ruhe sie die Tiere auf ihren letzten Weg begleitete.
 Sie operierte, nähte Wunden, heilte Schnupfen und beantwortete mir jede Frage und davon hatte ich viele. Ich war berührt von ihrer Freundlichkeit, von ihrer Fürsorge und Umsicht. So wollte ich auch sein, ich wollte unbedingt Tieren helfen, sie heilen, ihr Leid mildern und vor allem wollte ich alles über sie wissen - warum sie sind wie sie sind, warum sie tun, was sie tun. 
 Und so fing ich schon früh an, mich damit zu beschäftigen: Mein erstes eigenes Buch, das ich alleine für mich las, war „Tiere und ihr Verhalten“ von keinem geringeren als Tinnbergen aus der Time Life Serie. Während eines Urlaubes beim meinen Großeltern fraß ich die frühen Erkenntnisse ethologischer Arbeiten förmlich in mich hinein, daß ich mich heute noch erinnere, welche Bilder die Themen unterlegten.
 Ich war immer fasziniert, wenn der Pferdetierarzt zum Gestüt kam, auf dem ich die Pferde Nachmittags pflegte. Einmal mußte ich sogar ein neugeborenes Fohlen retten, das unter dem Zaun in den Graben gerutscht war. Da erlebte ich selber, was Prägung heißt und konnte dem Fohlen helfen und ihm sein Leben retten, weil ich wußte, wie wichtig die Kolostralmilch direkt nach der Geburt ist.
 Immer hat mich der Wunsch, mehr über das Verhalten der Tiere zu erfahren, begleitet. Mein Leben verlief aber nicht nach Wunsch und so konnte ich meinen Traumberuf nicht direkt erlernen. Doch immer, wann ich konnte, war ich den Tierärzten an der Seite. Ich begleitete Freundinnen, wenn sie mit ihren Tieren in die Praxis mussten, ich war regelmäßig in Tierheimen und Reitställen und fuhr mit Pferdetierärzten durch die Lande. Am Wochenende zwang ich meine Eltern in den Zoo und große Teile meiner Ferien verbrachte ich mit täglichen Besuchen im naturhistorischen Museum in Braunschweig.
 Als ich endlich ein langersehntes Praktikum bei einem Tierarzt machen konnte, mußte ich feststellen, daß ich bei aller Faszination eines nicht kann: Ich kann kein Blut sehen. Mit aller Macht versuchte ich es zu können, aber mein Körper spielte nicht mit. Es ging nicht um das Behandeln von Verletzungen, sondern um die Kombination von verschiedenen Gerüchen im OP. Mein Kreislauf verlies mich jedes Mal, wenn ich im OP einer Behandlung beiwohnen wollte. Damit war mein Traumberuf gestorben...
 Aber ich wollte doch gar nicht operieren, ich wollte doch mit Tieren umgehen, ihr Verhalten verstehen, Haltungsformen verändern. Warum wurden in den 80-er Jahren Meerschweinchen und Kaninchen in Einzelhaltung in kleinen Gitterkäfigen gehalten? Warum Vögel in kleinen Bauern, warum mußte der Wellensittich, der doch in großen Gruppen fliegt, dem Menschen auf den Finger klettern? Ich verstand es als Kind nicht und als Jugendliche erst recht nicht. Nie werde ich vergessen, wie ich für meine Meerschweinchen ein großes Außengatter zimmerte mit einem kleinen Häuschen als Unterschlupf und nie werde ich das Gesicht der Tierärztin vergessen, als ich sie als elfjähriges Mädchen im Jahr 1977 bat, meinen Meerschweinchenbock zu kastrieren, damit er bei den weiblichen Schweinen bleiben durfte. Damals war es nicht üblich, männliche Meerschweinchen oder Kaninchenböcke zu kastrieren.
 Ich wollte alles über Tiere wissen, ihr Verhalten, den Umgang, ihre Sozialkompetenz. Daktari und Bernardt Grzimek gehörten zu den regelmäßigen Sendungen, die ich im Fernsehen sah, Horst Sterns Bemerkungen über Hunde und später auch über Pferde und seine für die damalige Zeit sehr provokanten Fernsehbeiträge waren für mich absolute Highlights. Später folgten Bücher von Konrad Lorenz und von Vitus B.Dröscher: Für mich die absoluten Bibeln. Ich war stets mit Pferden, Katzen, Hunden und Kleintieren umgeben, habe sie beobachtet, Haltungsänderungen vorgenommen, mich über Ernährung informiert und immer ihr Verhalten studiert, während meine Freundinnen Pferdnamen austauschten und wiehernd über die Straße galoppierten oder Gummitwist spielten.
 Im Berufsleben hat es mich ebenfalls weiter verfolgt, wo immer sich mir die Gelegenheit bot, stand ich Tierärzten an der Seite, erlebte tiefe Freundschaften und großzügige Weitergabe von Wissen und las alles, was ich an Büchern über Verhalten, Physiologie, Medizin und Naturheilkunde in die Finger bekam. Ich absolvierte Ausbildungen, bei denen ich fortwährend viele meiner Fragen beantwortet fand und hospitierte stets in Klein- und Großtierpraxen. Ich bin sehr dankbar dafür, daß ich dies alles so erleben durfte und nun auch in der Lage bin, mein Wissen anwenden und weitergeben zu können...bis August 2014.

Lieber Tierarzt,
ich glaube, wir haben viel gemeinsam: Die Liebe zum Tier; den Wunsch zu helfen und dabei den unermesslichen Wunsch nach noch mehr Wissen. Ich habe unglaublichen Respekt vor Deiner Arbeit, mit welcher Sicherheit Deine Diagnosen kommen, wie erfolgreich Deine Therapien (oft) sind, wie einfühlsam die letzten Minuten für das Tier gestaltet werden. Ich bin tief beeindruckt, mit welchem Engagement Du Dich über das normale Maß hinaus für Tiere einsetzt und dabei einen so empathischen Umgang mit Menschen hegst. Immer bist Du für sie da, am Wochenende und Nachts, für Dich gibt es kein Weihnachten und keinen Feierabend. All das bin ich auch bereit zu geben, für meine Kunden und ihre Tiere in meinem kleinen bescheidenen Verhaltensberater-Dasein. Immer haben wir Hand in Hand gearbeitet. Ich habe Dir Patienten geschickt und Du mir, wir haben Diagnosen besprochen und das weitere Vorgehen. Immer waren wir beide im Dienste der Tiere unterwegs und haben niemals deren Wohlergehen aus den Augen verloren. Es war die perfekte Symbiose immer im Sinne der Tiere.

Wir haben so viel gemeinsam - Was uns trennt, sind 8 Semester und dass ich kein Blut sehen kann und … ein neues Gesetz.

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