Der gebrauchte Hund - Schnellbucher mit Bonus

Es gibt unzählige Möglichkeiten, an einen Hund zu kommen. Züchter, Internetportale, Verkaufsgruppen in sozialen Netzwerken oder für die ganz sozialen Hundefreunde halten Tierschutzvereine, Pflegestellen oder Auslandsvermittlungen jede Menge Hunde bereit.
Ist also der Wunsch nach einem Familienmitglied auf vier Pfoten soweit fortgeschritten, wählt man in der Regel nach optischen Vorlieben aus und sucht sich in den unterschiedlichsten Angeboten das vermeintlich passende heraus. Langes Fell, glatte Haare, schwarz, weiß oder bunt. Schlappohren, kurze Nase oder lange Beine - es ist für jeden Geschmack etwas dabei. Während früher Hunde nach ihrer Verwendung gezüchtet wurden, steht in der „modernen“ Hundezucht die Optik im Vordergrund. Dummerweise sind Optik und Verhalten gekoppelt. Die Kurzschnäuzigkeit zum Beispiel von Old English Bulldog, Französischer oder Englischer Bulldogge und Konsorten hat ihren Ursprung zunächst in der Verwendung als Bullenbeißer. Diese Hunde wurden kurzschnäuzig gezüchtet, nicht weil man sie niedlich fand, sondern weil sie sich dann besser in der Nase der Bullen verbeissen konnten. Später wurden diese Rassen vorzugsweise in England in Kämpfen gegen Artgenossen, Löwen und Bären eingesetzt. Heute erfreuen sich diese Hunde besonderer Beliebtheit, weil sie mit ihrer überzüchteten und degenerierten Kopfform dem sogenannten Kindchenschema entsprechen. Sie lösen Pflegeverhalten beim Menschen aus und animieren zur Verniedlichung des Hundes. Man findet sie hilflos, was im Falle der Qualzuchten auch zutrifft, allerdings hilft man ihnen nicht mit übertriebener Liebe. Sie bekommen schlicht keine Luft mehr und sind daher oftmals nicht belastbar und erscheinen dadurch pflegeleicht. Die kurze Schnauze vermag aber nur optisch über die eigentliche Genetik dieser Hunde hinwegtäuschen. In ihrem Inneren schlummert das ursprüngliche Verhalten zum Zubeißen und Festhalten, gepaart mit einer sehr eingeschränkten Gesichtsmimik, da die Kurzschnäuzigkeit auch anatomische Veränderungen mit sich brachte. Zudem sind diese Hunde seinerzeit zur Arbeit am Großvieh äußerst robust und widerstandsfähig, um nicht zu sagen körperlich unsensibel gezüchtet worden. Kein Viehtreiber kann einen Hund gebrauchen, der beim Tritt durch eine Kuh winselnd das Weite sucht. Bei den Kämpfen in der Arena waren "Weicheier" nicht gern gesehen. So kommt es dazu, daß diese Hunde sich vorzugsweise festbeißen, körperlich unempflindlich sind und kaum mimisches Drohverhalten für andere sichtbar zeigen. Ob sie denken, sie würden drohen, sei dahingestellt, ich persönlich schätze, sie wissen ja nicht, daß draußen nichts von dem ankommt, was sie innerlich fühlen. So ist man bei diesen Hunden sehr auf die körpersprachliche Ausdrucksverhalten, so es denn überhaupt noch gezeigt werden kann, angewiesen, um Stimmungslagen zu erkennen. Aufgestellte Nackenhaare, ein steifer Gang und eine angespannte Körperhaltung sollten ernstzunehmende Alarmzeichen sein.
In unserer heutigen Zeit erfreuen sich ausgerechnet diese Rassen großer Beliebtheit, da sie von der Größe her handlich, von der Fellpflege her eher pflegeleicht und vom Aussehen her als niedlich gelten. Natürlich kann es Zuchten geben, die sowohl auf körperliche Unversehrtheit Wert legen und zudem darauf achten, zukünftige Welpenbesitzer gezielt auszuwählen und anzuleiten - die Realität zeigt sich mir anders: Nicht selten findet man gerade diese „pflegeleichten“ Hunde in den Kleinanzeigen regionaler Käseblätter als Hund aus „zweiter“, manchmal aber auch dritter und vierter Hand wieder. Das plötzliche Auftreten einer Allergie oder sich verändernde Lebensumstände sind häufig die genannten Abgabegründe. So wählt denn der zukünftige Hundebesitzer seinen neuen Lebensgefährten nach Größe und Optik aus und wie wir Menschen nun mal sind: Oft entscheidet ein „Augen“blick und es ist um uns geschehen. Der Verstand setzt aus, alle guten Vorsätze, den Hund nach „sinnvollen“ Gesichtspunkten auszuwählen, scheinen vergessen. Nimmt man dann Kontakt mit dem Verkäufer auf, sind 90% der vorbereiteten Fragen ohnehin hinfällig, weil vielleicht noch eine herzerweichende Geschichte erzählt wird, warum der Hund nun ganz schnell abgeholt werden muß. Im Zweifel droht sonst das Tierheim. Fährt der Interessent nun spontan los, ist der Keks gegessen. Kaum einer fährt ohne Hund zurück. Ich kennen keinen! Was man über diesen gebrauchten Hund weiß oder in Erfahrung bringen kann, ist in der Regel dürftig. Eigentlich kann man fast eine Regel daraus machen: Je mehr bekannt gegeben wird, umso unproblematischer wird der weitere Verlauf mit dem Hund sein. Und umgekehrt: Je weniger bekannt ist, umso schwieriger wird es.
Hinzu kommt das Gefühl und der Wunsch, dem Hund mit der Übernahme ja ein besseres Leben als bisher zu gönnen, da ist es auch egal, was alles schief gelaufen ist, man möchte nur den Hund mitnehmen, um sofort mit dem besseren Leben zu beginnen. So findet sich der Hund relativ spontan und unvermittelt in einer vollkommen neuen Umgebung und sozialen Situation wieder. Die erste Zeit, so etwa 4 Wochen ist noch alles gut, man bemüht sich, alles richtig zu machen, denn der Hund sollte es ja besser haben. Nach ca. 4 bis 6 Wochen treten dann die ersten Probleme zu Tage: Er bellt beim Alleinebleiben, zerstört die Wohnungseinrichtung oder zeigt Aggression. Man wundert sich, hatte er doch bisher nur Probleme mit dem Eingewöhnen: lief nicht gut an der Leine, verbellte Artgenossen und hatte Angst in der neuen Umgebung beim Gassigehen. Die ersten Wochen hat man alles getan, damit der Hund sich wohlfühlt, hatte er doch bisher ein so schlechtes Leben. Er bekam das beste Futter, durfte sich Schlaf- und Liegeplätze aussuchen und durfte seine Freiheit genießen und endlich „Hund sein.“ Ein Hund, für den sich zum zweiten, dritten oder gar vierten Mal, mitunter im ersten Lebensjahr das gesamte Umfeld inklusive Sozialpartner ändert, ist gnadenlos überfordert, wenn er keine Orientierung, Grenzen und Regeln vorgegeben bekommt. Er wird „Hund sein“ und seine Grenzen suchen, seinen Platz ausloten innerhalb der Familie. Die ständigen Wechsel geben keine Verlässlichkeit, keine Vorhersehbarkeit und werden mit großer Wahrscheinlichkeit vom Hund mit zunehmender Unsicherheit beantwortet. Diese kann sich im Zweifel auch gegen die gut meinenden neuen Besitzer wenden.
All das kann man in Kauf nehmen und seine Entscheidung für einen „gebrauchten“ Hund treffen, aber man sollte sich der Risiken und Konsequenzen bewußt sein, damit einen unliebsame Überraschungen nicht aus der Bahn werfen. Eine gewisse Erfahrung im Umgang mit Hunden wäre schon ratsam und eine Entscheidung, mit der man sich ein wenig Zeit lässt, um den ausgewählten Hund stärker unter die Lupe zu nehmen. Wenn sich dieses Szenarion dann auch noch in einer Familie abspielt, in der es um die Unversehrtheit von Kindern geht, wird es sehr brisant. Am Ende steht möglicherweise die Abgabe oder gar Euthanasie des Hundes, sollte es zum Äußersten kommen. Mit großer Wahrscheinlichkeit endet die Geschichte mit lauter Verlierern. Und warum? Weil man es nicht abwarten konnte, weil man meinte, sowas würde immer nur den anderen passieren, diesen Hund würde man schon hinkriegen. Den Preis dafür zahlt mindestens der Hund.

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