Der Hund braucht Sozialkontakt



"Einem Hund ist ausreichend Auslauf im Freien außerhalb eines Zwingers oder einer Anbindehaltung sowie ausreichend Umgang mit der Person, die den Hund hält, betreut oder zu betreuen hat (Betreuungsperson), zu gewähren. Auslauf und Sozialkontakte sind der Rasse, dem Alter und dem Gesundheitszustand des Hundes anzupassen." Tierschutzgesetz §2 Abs. 1

Doch nicht nur im Tierschutzgesetz ist der Sozialkontakt benannt, sondern auch überall sonst präsent: In Vorbereitungskursen auf den Hundeführerschein wird darauf hin gewiesen, auf der Hundewiese in "Fachgesprächen" und in den Werbetexten der Hundeschulen."Der Hund braucht Sozialkontakt!", denn er ist ein "hochsoziales" Tier.

Schon der Welpe - braucht nach gängiger Meinung - unbedingt Kontakt zu seinen Artgenossen. Hier eine Auswahl der üblichen Begründungen: 

- Menschen sind nicht in der Lage, Erziehungsarbeit zu leisten und dies wird im Sozialkontakt von Artgenossen übernommen
- er lernt die Feinheiten der Körpersprache der verschiedenen Rassen
- es dient der Sozialisierung
- hat der Hund keine Sozialkontakte als Welpe oder Junghund können daraus schwere Verhaltensstörungen und Unverträglichkeiten gegenüber Artgenossen entstehen

für den älteren Hund gilt gemeinhin:
- die Sympathie und Erfahrung entscheidet über Freund oder Feind

Fragt man Hundebesitzer speziell zu ihrem Hund, lautet die Antwort oft: "Mein Hund möchte keinen Kontakt." oder sogar: "Mein Hund hat ein Problem mit (manchen) Artgenossen."

Tatsächlich ist es so, daß "Artgenossen- und/oder Leinenaggression" ein sehr verbreitetes Problem ist. Internetforen, Beobachtungen von Hundebegegnungen und die Fülle an Seminaren und Kursen zu dem Thema sprechen ebenfalls dafür, daß das Thema "Sozialkontakt" ein hochbrisantes zu sein scheint.

Aber wie kann das sein? Die meisten Hundebesitzer versuchen doch wirklich alles richtig zu machen. Bekommen sie einen Welpen, gehen sie in die Welpenstunde. Adoptieren sie ein älteres Tier, vielleicht sogar aus dem Tierschutz, besuchen sie eine Hundeschule, sind gut informiert und geben sich wirklich richtig viel Mühe. Und doch ist das Problem mit den Artgenossen allgegenwärtig. Umso verwunderlicher, wenn doch alles getan wurde, dies zu verhindern, zumal bei den Hunden aus dem Tierschutz oder Ausland. Oft hatten diese Hunde in ihrer Heimat überhaupt kein Problem mit Artgenossen. Nun kommen sie zu uns - und das Problem ist da. Wie kann das sein? Sind wir auf dem Holzweg? Braucht der Hund vielleicht gar keine Artgenossen?

Beginnen wir im Welpenalter: Der sich entwickelnde Hund teilt schon im Mutterleib den Platz mit seinen Geschwistern. Bereits hier beginnt Kommunikation, denn die taktile Reizwahrnehmung (der Tastsinn) ist bereits zu diesem Zeitpunkt aktiv. Kommunikation lernt der junge Hund also bereits VOR der Geburt. Bei der Geburt und in der Zeit danach kommen weitere Sinneswahrnehmungen dazu. Wahrnehmung und Kommunikation gehören zusammen (Sender - Empfänger). Die Entwicklung der Sinne erfolgt tatsächlich massiv in den ersten Tagen nach der Geburt. So steigert sich z.B. das Temperatur-, aber auch das Schmerzempfinden. Das Temperaturempfinden ist maßgeblich für die Suche nach Körperkonakt als Wärmequelle und macht einen wichtigen Teil im Sozialverhalten aus. Ebenso das Schmerzempfinden als Ausdrucksverhalten. Der Geruchssinn ist ebenfalls überlebenswichtig und daher extrem sensibel, steigert sich bis zur Geschlechtsreife. Dies beeinflußt v.a. auch die eigene Bewertung von Gerüchen je nach Erfahrung: "Den kann ich nicht riechen!"  - das gilt gleichermaßen (oder noch viel mehr) für unsere Hunde.

Der olfaktorische Sinn ist bei Hunden nicht nur stärker ausgeprägt als bei Menschen, sondern zudem auch noch sehr viel bedeutender als Ausdrucksmittel: Kot- und Urinabsatz als für Menschen sichtbare Zeichen, aber auch der Pfotenabdruck oder das Reiben an Gebüsch sind Mitteilungen an den Nachbarn...und kann dafür sorgen, daß gerade Nachbarshunde "sich überhaupt nicht riechen können!"
So bekommt die Gassirunde zum "Zeitungslesen" für den Hund eine völlig neue Bedeutung...aber das verdient einen eigenen Text.

Doch auch die anderen Sinne wie Hören, Schmecken und Sehen dienen der Kommunikation und werden im Alter von wenigen Tagen ausgebildet und bis zum Alter von ca. 3 Monaten verfeinert. 

Wenn man sich dann die hündische Kommunikation v.a. der Mutter und der Geschwister und - wenn optimalerweise vorhanden - der anderen Rudelmitglieder ansieht, dann kann man feststellen, daß der Übergang vom unmittelbaren Stillen der Grundbedürfnisse der Welpen bis hin zu den ersten erzieherischen Maßnahmen relativ schnell stattfindet. Die Mutterhündin beginnt also bereits recht früh, den Welpen das kleine Benimm-1x1 beizubringen. Im Spiel mit den Wurfgeschwistern wird dies dann noch optimiert und erste Erfahrung im sozialen Kontext mit potentiellen Konkurrenten und Partnern gesammelt.

Die Sozialisierung des Hundes startet demnach bereits beim Züchter und wird in der Regel beim Welpenkäufer fortgeführt, da Welpen ab einem Alter von 8 Wochen abgegeben werden dürfen. Diese wichtige Phase im Leben eines Welpen ist im Alter von ca. 3 Monaten vorbei, wobei danach selbstverständlich noch immer gelernt wird, allerdings sind die bis dahin gemachten Erfahrungen und v.a. die erlernten Reaktionsmuster auf Reize relativ fest geprägt. Diese erste Zeit sollte also tatsächlich dafür genutzt werden, den Welpen möglichst viele unterschiedliche Hundecharaktere kennenlernen zu lassen. Da es aber auch um potentielle Negativ-Erfahrungen geht, ist es natürlich mindestens ebenso wichtig, darauf zu achten, daß die Kontakte für den Welpen positiv verlaufen. Was nicht heißen soll, daß er nicht erzogen werden darf, wenn er Grenzen überschreitet. Wichtig ist, einen Kontakt zu ermöglichen, bei dem der Welpe lernen darf, was geht und was nicht. Also seine Erfahrungen aus der Kinderstube festigen und erweitern kann. Es geht also nicht um die Menge an Sozialkontakten, sondern vor allem um die Qualität.

Beim älteren Hund ist die Frage, welchen Sinn ein Sozialkontakt haben könnte: Die aktive Lernphase ist seit dem 3.Lebensmonat vorbei, die wesentlichen Verhaltensmuster sind festgelegt und wenn umgelernt werden muss, dann bitte im sozialen Kontext und der korrigierenden Begleitung des Menschen. Es gibt Menschen, die meinen Hunde korrigieren zu können, wenn sie sie zu Sozialkontakten "zwingen". Hier liegt die Gefahr darin, daß der Mensch keinen Einfluß auf die neu erlernte Strategie hat. Das kann ziemlich nach hinten losgehen, wenn die Lernerfahrung ist: "schneller, heftiger und öfter" aggressives Verhalten zu zeigen.
Der grundsätzlich sozial-verträgliche "Althund" hat sicherlich keine Einwände, einen guten Freund oder eine gute Freundin zu treffen und vielleicht ein kleines Jagdspiel zu erleben. Ob dieser Hund allerdings ständig neue Konfrontationen mit (unbekannten) Artgenossen braucht, um sich von jungen Schnöseln oder von penetranten, distanzlosen Angebern provozieren zu lassen, wage ich zu bezweifeln. Ist es nicht vielmehr so, daß sich erwachsene Hunde durchaus die Frage stellen, ob das, was einem da entgegenkommt, für einen selber einen Vorteil verspricht? Was könnte das aus der Sicht des Hundes sein? Ein Vorteil wäre immer Futter - selten hat ein entgegenkommender Hund etwas dabei und selbst wenn, würde er es mit Sicherheit nicht abgeben...
Ein weiterer Vorteil wäre ein Sexualpartner: meistens sind die Hunde kastriert oder wir Menschen wünschen nicht, daß unser Hund mit "irgendwem" eine Familie gründet. Also fällt auch dieser potentielle Vorteil weg. Bliebe nur noch "Spaß haben" - wobei... woran hat mein Hund Spaß und kann er das mit einem fremden Artgenossen ausleben? Manchmal ja - oftmals nein. Was also sollte mein Hund mit einem Artgenossen tun?

Unbestritten ist natürlich, daß es für einen Hund nur artgerecht wäre, innerhalb seiner "Familie" mit einem weiteren Hund zusammenzuleben. Das wäre ja auch eine richtiger Sozialpartner für ihn, der mit ihm Fellpflege betreiben und vielleicht noch ein wenig für Sicherheit sorgen könnte. Das setzt aber mehr voraus, als eine kurze Begegnung auf der Hundewiese.

Wie so oft kommt man am Ende des Tages zu einem anderen Ergebnis, als man auf den ersten Blick dachte. Es macht offenbar Sinn, die "Schlagworte" der Hundehaltung durchaus zu hinterfragen und differenzierter zu betrachten, als sie kritik- und kommentarlos zu übernehmen und herunterzubeten wie das Vater-unser. Halten wir für die Frage nach Sozialkontakt bei Hunden fest:

Ja, der Hund ist hochsozial und braucht für seine Bedürfnisse (Sicherheit, Nahrungserwerb, Komfortverhalten) einen Sozialpartner.

Sozialpartner aus der Sicht beider (!) Hunde sind:
- bekannt
- beliebt
- erwünscht

Wer dies erfüllt, ist sicher ein Gewinn für den Hund.







1 Kommentar:

  1. Wie immer, eine hoch differenzierte, durchdachte und mit Erfahrung belegte Darstellung komplexer Themen, rund um das Leben, das Hunde im Menschenverband führen dürfen oder müssen. Respekt, Susanne (Frau Last). Da bekommt man auch als kynologischer "Intensivdenker" immer mal wieder einen "Spiegel vorgehalten", den gerade die Coaches/Trainer/Berater sonst nirgendwo mehr finden. Ich danke für die generell guten, befruchtenden Beiträge (auch) in Form von Blogs, die mich immer motivieren und erinnern, das eigene Gehirn und die Intuition nie abzuschalten... und sich dennoch selbst zu hinterfragen. Liebe Grüße aus NRW.

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