Der Hund ist ein Familienmitglied ?


Früher lebten Hunde selten in Häusern direkt bei ihren Menschen. Meistens lagen sie in den Eingangsbereichen der Gehöfte oder waren mit dem Vieh auf den Weiden und belgeiteten den Schäfer auf Wanderschaft. Sie waren an der Seite des Jägers oder verteidigten Hab und Gut. Viele Hunde, an die ich mich erinnere, lebten tagsüber im Zwinger und wurden am Abend herausgelassen, um das Grundstück zu bewachen. Manche hatten das Glück, mit Artgenossen zusammenleben zu können, andere wiederum sprangen bei Sichtkontakt zu "ihrem" Menschen wild am Zaun oder an der Zwingerwand auf und ab, laut bellend und ungeduldig. Die Ernährung des Hundes damals bestand aus Essensresten und Schlachtabfällen.
Heute leben Hunde in der Stadt, im elften Stockwerk und werden vom Frauchen in der Tasche zum Shoppen getragen. Oder sie leben in städtischen Randgebieten, wo man ihnen viel Freilauf über Felder, Wiesen und in Wäldern gönnen kann. Sie leben nah beim Menschen, bekommen auf ihre Bedürfnisse ausgerichtete Nahrung und das Beste ist gerade gut genug für unseren heutigen Familienhund. Dafür zahlt er einen hohen Preis: Er darf vieles von dem nicht mehr tun, wofür Züchter ihn ursprünglich vermehrt haben. Jagen und Bewachen ist beim "Familienhund" höchst unerwünscht. Er soll sich anpassen und unauffällig sein, wenn man sich mit ihm in der Gesellschaft und Öffentlichkeit zeigt. 

Everybodys Darling, für jedermann/frau greifbar, um deren Kuschelbedürfnis zu befriedigen. Der Hundegbesitzer selber erwartet vom Hund das Erfüllen SEINER Bedürfnisse nach tierischer Gesellschaft, Begleitung beim Spazierengehen oder Erfüllung von Ehrgeiz beim Hundesport (um nur Beispiele zu geben). Trotzdem sollte der Hund ganz nach Belieben auch in der Lage sein, alleine zurück zu bleiben und Ruhe zu halten, damit die Nachbarn sich nicht beschweren. Dem Hund sind viele Dinge, die wir von ihm erwarten, nicht verständlich oder gänzlich sinnentleert.

Die Hundetrainerszene hingegen fechtet unerbittlich Kämpfe aus, wenn es darum geht, ob man den Hund dressieren, trainieren oder erziehen sollte, um unerwünschtes Verhalten abzustellen.  Die Verunsicherung der Hundehalter wird umso größer, je stärker das Problemverhalten ist. Hunden abzugewöhnen, wofür sie ursprünglich spezialisiert wurden, ist vergleichbar mit dem Schnabelkürzen von Käfighühnern, damit sie nicht mehr picken können.
Erwünschtes Verhalten wird auf vielfältigste Art in den Hund programmiert, doch auch hier bleibt die Individualität auf der Strecke, alles läuft nur nach den Prinzipien der alten Lerntheorien ohne Rücksicht auf Persönlichkeit und Konsequenzen.

 Die Erwartungen an einen Hund, wenn er in die neue Familie kommt, sind ungeheuer hoch. Je nachdem, welche Rasse und Vorerfahrungen man sich ins Haus holt, hat man es mit einem absoluten Individuum und Spezialisten zu tun. Doch die Frage, ob er überhaupt leisten kann, was Mensch erwartet, stellt man sich in den seltensten Fällen, genauso wie die Frage, welche Bedürfnisse der Hund mitbringt.

Die Ratschläge für Hundehaltung sind vielfältig. Ganz vorne rangieren Tipps wie "Den muß man nur geistig genug auslasten" oder "nach Lerntheorie A und B kann man jeden Hund hinkriegen." Immer geht es um "den Hund" - ganz allgemein. Aber ich habe nicht "den Hund" - ich habe DIESEN Hund. Und der ist wahrlich nicht zu vergleichen mit anderen.
Am Ende des Tages sollte sich jeder im Spiegel anschauen und sich ehrlich fragen, ob das, was er heute mit seinem Hund "getan" hat, dessen wirklichen Bedürfnisse als sozialer, territorialer Beutegreifer befriedigt hat, in seinem Sinne und zu seinem Vorteil war. Und man sollte sich fragen, ob man dies auch mit einem anderen Familienmitglied so getan hätte. Nicht die Bedürfnisse des Menschen sollten im Vordergrund stehen, sondern die des Hundes, denn der Hund hatte keine Wahl.

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