"Der tut nix" - wörtlich genommen

Man kann nicht nicht kommunizieren“ (Watzlawick)
Man kann sich nicht nicht verhalten“ (Watzlawick)

Ausdrucksverhalten, Ethogramme und Verhaltenskategorien:
Wissenschaftler liegen seit Jahren auf der Lauer, um durch Wolfs- und andere Canidenbeobachtungen dem wahren Wesen des Hundes auf die Spur zu kommen. Bei Eiseskälte verbringen interessierte Fachleute Tag für Tag auf dem Bauch liegend, im Busch sitzend, ihre Zeit stets auf der Suche nach neuen Erkenntnissen über das Verhalten von Caniden. Auf diese Art versucht man, den Hund besser zu verstehen. Selbstverständlich sind die Erkenntnisse, die bisher gewonnen wurden, durchaus bereichernd in unserem heutigen Wissen über den Hund. Die Arbeiten von Bloch, Ziemen, Ratinger, Trumler, und Feddersen-Petersen, um nur einige zu nennen, verdienen Respekt und Achtung. Haben sie doch unendlich viel Zeit damit verbracht, Verhalten zu beobachten, Ethogramme zu schreiben und Verhaltenskategorien zu bilden. Ganze Regalwände voller Bücher sind dazu erschienen, nicht wenige bilden Standardwerke und sind die Grundlage für Prüfungen, Zertifizierungen und andere offizielle Anerkennungen. Die Erkenntnisse aus diesen Forschungen bilden die Grundlage für eine Vielzahl von Dissertationen, wissenschaftlichen Forschungen und Gutachten von verhaltensauffällig gewordenen Hunden. Sie sind die Bibeln des Hundeswesens.

Doch was hat das alles wirklich mit dem Hund zu tun? Manch eine Beobachtung wurde zum Beispiel an den nordamerikanischen Timber Wölfen gemacht, deren Genpool sich wesentlich von dem der heutigen Haushunde unterscheidet und bei dem genetische Studien darauf hindeuten, daß er eine eigene Art neben dem Wolf darstellt. Andere Untersuchungen basieren auf Beobachtungen unter Gehegebedingungen. Das heißt die Tiere lebten in einer vom Menschen zusammengestellten Gruppe zusammen und hatten keinen direkten Kontakt zu rudelfremden Artgenossen oder Außenreizen der menschlichen Gesellschaft wie zum Beispiel Postboten oder Besuchern. Dennoch sind diese Ethogramme die Grundlage für Interpretationen von hündischem Ausdrucksverhalten und damit der Kommunikation und Bedürfnisse.

Und dann gibt es da noch die zugegeben -unwissenschaftlichen- Erkenntnisse aus den Beobachtungen von Straßenhunden zum Beispiel von Stefan Kirchhoff, der drei Monate lang in 8 verschiedenen Ländern das Leben der Streuner und Straßenhunde beobachtete und dokumentierte. In diesen Beobachtungen geht es weniger um Ausdrucksverhalten als viel mehr um die Frage: „Was tut ein auf sich gestellter zum Teil ehemaliger Familienhund, wenn er vom Menschen unbeeinflusst tun kann, was seinen Bedürfnissen entspricht? Diese Beobachtungen zeichnen sehr schnell ein anderes Bild des Hundes. So hat Kirchhoff zum Beispiel beobachtet, daß die Hunde sich eher zu einer Art Wohngemeinschaft zusammenschließen und mitnichten den Familienverband gründen, den andere Forscher bei den Wölfen beobachteten. Weiterhin kommt es weniger zu sozialen Kontaktritualen wie zum Beispiel das sogenannte „Fellwittern" oder gegenseitiges Beknabbern und ebenso selten hat Kirchhoff das Kontaktliegen beobachtet. Die Notwendigkeit sich in Gruppen zusammenzufinden scheint bei den beobachteten Straßenhunden keine so bedeutende Rolle zu spielen. Die großen Vorteile, sich zu stabilen sozialen Gruppen zusammenzufinden, nämlich Sicherheit, Jungenaufzucht und gemeinsame Nahrungsbeschaffung, scheint für Straßenhunde längst nicht so wichtig zu sein wie für ihre wilden Verwandten. Weiterhin beschreibt Kirchhoff, mit welchem Verhalten, welchen Tätigkeiten die Straßenhunde überwiegend beschäftigt sind: Den Löwenanteil der Zeit verbringen sie mit Schlafen. An zweiter Stelle steht direkt das Beobachten laut Kirchhoff. Die Straßenhunde sitzen oder liegen und beobachten die Umgebung. Ohne weitere Aktivität. Bei den Beobachtungen von Günter Bloch in Italien konnte dies ebenfalls als eine der Hauptaktivitäten der beobachteten Pizza-Hunde festgestellt werden: Beobachten. Vermutungen legen nahe, daß auch die wilde Verwandschaft viel Zeit des Wachseins mit körperlicher Bewegungslosigkeit, aber Beobachtungen der Umgebung und Artgenossen verbringt. Dies kann jeder, der zum Beispiel im Wolfcenter Ethogramme erfasst, bestätigen...man schreibt endlos oft: Guckt nach links, schaut nach rechts, wobei es im Ethogramm korrekt heißt: Dreht den Kopf nach links und dreht den Kopf nach rechts, denn gucken, blicken oder schauen oder sehen gibt es als Verhalten so nicht, sondern nur "fixieren", was dem nicht gleichzusetzen ist.
Die Quantität des Beobachtens wird nicht realistisch erfasst, weil man es für bedeutungslos hält - es passiert ja offenbar nichts. Es ist aber bedeutsam, schließlich scheinen Hunde einen Großteil des Tages damit zu verbringen.
Spazierengehen als Gegenbeispiel, konnte Kirchhoff bei keinem der beobachteten Hunde feststellen. Bewegung hingegen schon und zwar zielgerichtet und mit Absicht. Sei es, daß Hunde sich bewegten, um Nahrung zu suchen oder mit Artgenossen zu interagieren oder aber um Kot und Urin abzusetzen. Doch Laufen um der Bewegung willen, also ohne erkennbare Absicht oder ein bestimmtes Ziel, gab es bei den Straßenhunden nicht.

Zurück zu unseren Haushunden: Nehmen wir eine im Jahr 2008 abgeschlossene Studie zum wechselseitigen Beziehungsverhalten zwischen Menschen und Hunden. Mehr als 6000 Hundehalter nahmen an dieser Studie teil. Ein Ergebnis dieser Studie war eine Zusammenstellung, welche grundlegenden Anforderungen erfüllt werden müssen, um eine artgerechte Hundehaltung sicher zu stellen. Als da wären: Sozialkontakt zum Menschen, Kontakt zu Artgenossen, Beschäftigung und Auslauf, Ernährung, Pflege und Gesundheitsprophylaxe und Unterbringung, sowie Utensilien und Hilfmittel. Diese Punkte finden sich in Formulierungen allgemein im Tierschutzgesetz und speziell den Hundeverordnungen wieder.
Ich würde an dieser Stelle gerne den in diesem Zusammenhang nicht wirklich korrekt gewählten Begriff „artgerecht“ austauschen wollen gegen den besser passenden Begriff „tiergerecht“ - gemeint ist damit eine Haltung, die den individuellen Bedürfnissen der Tiere gerecht wird und dem Tier eine dem Wesen angemessene Behandlung zuteil kommen lässt (Sundrum 1998). Nach Tschanz (1984) muss eine tiergerechte Haltung die Reize bieten, die das Tier braucht, um sein arteigenes Verhalten entwickeln und einsetzen zu können. Gemeint sind Reize, die das Tier - hier der Hund - über seine Sinne wahrnimmt. Zu den Sinnen gehören die Augen - beim Sicht- und Nasenjäger Hund in großem Maße.

In dieser Aufstellung dessen, was Hundebesitzer meinen, was ein Hund braucht, sucht man vergeblich die Aktivität, mit der zumindest der Straßenhund die meiste Zeit seines Wachseins verbringt: nämlich Gucken und Schauen. Wir sollten, wenn wir über tiergerechte Hundehaltung nachdenken, viel mehr berücksichtigen, an welchen Beobachtungen und Studien wir uns orientieren. Wie dicht dran oder weit entfernt sind diese Studien wirklich von unseren Haushunden und ihrem Leben in unserer menschlichen Gesellschaft? Haben sich die Bedürfnisse des Hundes durch die Domestikation wirklich so stark geändert? Hat der Hund sich dem Menschen schon so stark angepasst, daß er keine eigenen Bedürfnisse mehr hat? Daß er lieber spazierengeht als zu Gucken? Daß er lieber mit Spielzeug spielt als jagen zu gehen? Haben die erstellten Ethogramme nicht wichtige Aspekte außer Acht gelassen? Wurden alle Aktivitäten in ihrer Quantität berücksichtigt und nicht nur in ihrer Qualtität erfasst? Nichtstun und „Gucken“ ist Kommunikation, Schauen und Beobachten ist Verhalten und hat damit eine Bedeutung. Die reellen Bedürfnisse des Hundes sollten im Vordergrund stehen und nicht die des Menschen an seiner Seite.
 Sind die festgeschriebenen Ethogramme und "Bibeln" des Hundeverhaltens die einzige Wahrheit? Oder sind nicht vielmehr weiterführende Beobachtungen und Erfahrungen von Menschen mit Hund viel notwendiger, um das wahre Wesen "Canis lupus familiaris" kennenzulernen?
Wir sollten es den Hunden gleichtun: Einfach selber mehr beobachten und nicht ein Bild im Kopf haben, das dem Hund nicht gerecht wird. Schaut hin und lernt Euren Hund wirklich kennen.

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