Falsch verbunden?

Mein Post Achtung! Leckerchen könnten Deine Beziehung gefährden! hat innerhalb von wenigenTagen eine Reichweite von über 67.000 Aufrufen erfahren. Offenbar beschäftigt dieses Thema viele Hundefreunde. Das spüre ich auch zunehmend mehr bei den Anfragen der Hundebesitzer, die mich kontaktieren. Dazu kommen heftige Diskussionen in diversen Foren und Kommentare auf meinem Blog.
Während im letzten Jahr noch oft Problemverhalten vom Hund das Hauptthema war, befragen mich zunehmend mehr vor allem JUNGE Hundehalter zum Thema Beziehungsaufbau. Viele Nachfragen zu dem o.g. Post liefen auch in die gleiche Richtung: "Wie nun baue ich denn eine Beziehung zum Hund auf, die stabil und vertrauensvoll ist?"

Ich werde mich im Nachfolgenden darum bemühen, etwas Licht in das Dunkel zu bringen. Dafür muß ich allerdings etwas weitläufiger ausholen. Dieses Mal werde ich mich auf die Wissenschaft beziehen, damit mir nicht wieder unterstellt wird, ich würde nur Meinung machen wollen. ;-)

Ich werde mich vor allem bei den Definitionen stark an den aktuellen Erkenntnissen aus der Humanpsychologie orientieren, da es nach heutigem Wissensstand keinen Zweifel an den Parallelen der natürlichen Beziehungsstrukturen des Hundes zu denen des Menschen gibt. Zudem lebt der Hund beim Menschen in einer lebenslangen Abhängigkeit und Menschen betrachten Hunde als Familienmitglieder, daher sei erlaubt, den beim Menschen lebenden Hund in einer Kind-ähnlichen Rolle zu sehen und die Ergebnisse der Bindungsforschung auf den Hund zu übertragen, zumal es inzwischen auch etliche Untersuchungen zum Thema Bindung Mensch-Hund gibt, die ebenfalls die Vergleichbarkeit unterstreichen.


Bindung oder Beziehung - wo ist der Unterschied?


Bindung:


Tiere und vor allem solche, die sozial in Gruppen zusammenleben, sind von Geburt an genetisch darauf ausgelegt, Bindungsbeziehungen einzugehen.
Für das menschliche Bindungsverhalten hat der britische Kinderpsychiater John Bowlby maßgebliche Definitionen geprägt. Diese sind von namhaften Kynologen wie z.B. Heinz Weidt, Erik Ziemen und Dina Berlowitz auf den Hund übertragen worden. So definiert Erik Zimen den Begriff der Bindung damit, daß der Hund eine besonders enge soziale Beziehung zu einem anderen Individuum eingeht. Heinz Weidt und Dina Berlowitz spannen den Bogen zu der Mensch-Hund Bindung als eine auf von Geborgenheit und Sicherheit gekennzeichnete Gefühlslage und sehen in der Bindung ein für den Hund lebensnotwendiges System.
In der Bindungsforschung nach Bowlby geht man heute davon aus, daß ein Säugling genetisch darauf programmiert ist, in seinem ersten Lebensjahr eine sichere Bindung an wenige bestimmte Personen zu entwickeln. Diese Personen sind vor allem mit Fürsorge, Versorgung und Schutz des Säuglings beschäftigt. So zielt Bindungsverhalten des Säuglings darauf ab, die Nähe zu dieser Person zu suchen, weil er sich dort sicher fühlt und seine Grundbedürfnisse befriedigt werden. Nach der kanadischen Psychologin Mary Ainsworth (Das Konzept der Feinfühligkeit) besitzt diese Person die Fähigkeit und Bereitwilligkeit  die Bedürfnisse und das Verhalten des Säuglings wahrzunehmen, richtig zu deuten und prompt und angemessen darauf zu reagieren. Bindung ist demnach eine lang anhaltende, gefühlsmäßige Verbindung zu einer spezifischen Person, die nicht austauschbar ist, in der Regel die Mutter. In Anwesenheit dieser Person ist später zum Beispiel das Erkundungsverhalten des Kindes komplementär zu sehen. So findet Erkundung nur dann statt, wenn das Kind "sicher gebunden" ist. Es gibt unterschiedliche Formen der Bindung, mehr dazu weiter unten.

Der Welpe wird in der Regel in genau diese für ihn natürliche Umwelt mit einem Muttertier, das seiner Bindungsbereitschaft entspricht, hineingeboren. In den ersten Tagen und Wochen entsteht durch gegenseitige Interaktionen von Mutterhündin und Welpe genau diese Bindung. Wird der Welpe seiner natürlichen Familie entnommen und in eine menschliche Gruppe verbracht, bleibt das Bedürfnis des Hundes nach Schutz und damit die grundsätzliche Bereitschaft, eine neue Bindung einzugehen. Der Hund hat keine Alternative. Um sich jedoch an eine andere (Tier)Art zu binden, ist es notwendig, daß der Hund in der sensiblen Phase seiner maximalen Lernfähigkeit positiven Kontakt und damit die notwendige Sozialisierung zum Menschen hatte. Nur dann ist es dem Hund möglich, eine Sozialbeziehung zum Menschen aufzubauen. Wenn Hunde in dieser Phase keine Erfahrungen mit Menschen gemacht haben, zeigen sie auch in späterem Alter Menschen gegenüber starkes Meideverhalten. Die grundsätzliche Bereitschaft des Hundes, sich vor allem an den Menschen zu binden, unterscheidet ihn tatsächlich vom Wolf und ist sehr wahrscheinlich eine Begleiterscheinung der Domestikation, wenngleich man sich auch fragen muß, ob dies nicht nur eine Anpassung an seine Umwelt ist, weil er keine andere Wahl hat. Schaut man sich wildlebende Hunde (immerhin ca. 80% aller auf der Welt lebenden Hunde) an, dann kommen in der Tat Zweifel auf, ob der Hund nicht doch lieber unter seinesgleichen leben wollen würde, aber das kann an anderer Stelle diskutiert werden.

Man sieht tatsächlich starke Parallelen im Bindungsmuster zwischen Hunden und Kindern. So führen auch bei Hunden Störungen der Bindung zu Verhaltensauffälligkeiten.
Bindung entsteht demnach zu der Person, die die Grundbedürfnisse des Hundes erfüllt.

Daraus ergibt sich im Umkehrschluß, daß der Welpe oder Hund, wenn er in eine neue menschliche Gruppe kommt, genau dann eine Bindung aufbaut, wenn dort seine Bedürfnisse erfüllt werden. Mehr noch: Er baut vor allem eine Bindung auf zu der Person auf, die diese Bedürfnisse erfüllt.
Zu den vorrangigen Bedürfnisse zählen vor allem 

- Sicherheit
- Nahrung und Nahrungserwerb
- Fürsorge
- Lernen lebensfertiger Fähigkeiten
- Integration in die soziale Gruppe

Dies wird in der hündischen Familie natürlicherweise von dem Muttertier übernommen. Bei Wölfen wären im Übrigen die Elterntiere Mutter wie Vater annähernd gleichermaßen damit beschäftigt und später auch die anderen Mitglieder des Familienverbandes. Hier kann man schon Rückschlüsse ziehen, daß beim Wolf und damit anlagebedingt vermutlich auch beim Hund grundsätzlich die Bereitschaft besteht, sich später auch an andere Individuen zu binden.
Kommt der Welpe nun in eine neue bzw. menschliche "Ersatzfamilie" verliert er zunächst genau diesen Bindungspartner. Da er schutzlos ist und sich auch so fühlt, bleibt natürlich seine Intention, sich erneut zu binden aufrecht. So kann eine sichere Bindung entstehen, die ähnlich derer ist, die der Hund zu seiner Mutter hatte. Vorausgesetzt, der Bindungspartner erfüllt wiederum die Bedürfnisse des Hundes. Ich würde sogar ergänzen wollen: Bedingungslos, denn das ist das, was in der Natur genau so vorkommt: Es werden von der Mutter KEINE Bedingungen gestellt, damit das Kind Wärme, Schutz, Integration, Anerkennung und Nahrung erhält.

Zusammengefaßt heißt das: Die sichere Bindung zwischen Mensch und Hund entsteht nur dann, wenn der Mensch (bedingungslos) die Bedürfnisse des Hundes nach Sicherheit, Nahrung, Fürsorge, Anerkennung und Integration erfüllt.

Wichtig: Natürlich gibt es im fortgeschrittenen Alter auch die Situation unter Hunden, daß einer dem anderen das Futter streitig macht bzw. nicht bereit ist, abzugeben geschweige denn zu teilen. Doch dann ist die Bindung bereits entstanden. Selbstverständlich agieren Hunde untereinander, die in stabilen Verbindungen stehen anders, als der Mensch agieren sollte, wenn er zu einem Hund eine Bindung aufbauen möchte. Und selbst dann zeigen Versuche, daß Hunde, die bekannt miteinander sind, für Nahrung, die nur der Artgenosse bekommt, gewillt sind einen Einsatz zu bringen. Es geht hier nicht darum, daß ein Hund den anderen "belohnt" wie fälschlicherweise in einem Kommentar bei Facebook geschrieben wurde. Wofür sollte der eine Hund den anderen belohnen? Weil er so brav vor dem Versuchsaufbau sitzt und wartet?
Tatsächlich zeigt dieser Versuch, daß Hunde Empathie empfinden und entsprechend handeln können, wenn es eine Bindung zwischen ihnen gibt. Ob diese Empathie auch auf den Bindungspartner Mensch übertragbar ist, werden weitere Untersuchungen zu zeigen vermögen - ich persönlich habe keinen Zweifel daran, vorausgesetzt, die Bindung ist sicher.


Welche anderen Bindungsformen gibt es noch?


Neben der sicheren Bindung gibt es noch die unsicher-vermeidende Bindung. Auch in den nachfolgenden Ausführungen beziehe ich mich auf die wissenschaftlichen Definitionen nach Bowlby und Ainsworth (s.o.). Der Hund in der unsicher-vermeidenden Bindung sucht keine Nähe zum Menschen in für ihn belastenden Situationen. Seiner Erfahrung nach war der Mensch nicht hilfreich bzw. hat möglicherweise den Stress noch erhöht. Nach Trennungen ist der Hund desinteressiert an der Rückkehr des Menschen. Eine solche Bindung entsteht in der Regel dann, wenn auf die Nöte des Hundes beim Bindungsaufbau nicht feinfühlig eingegangen wurde, er wenig oder keinen Rückhalt erfahren hat. Dies geschieht nicht selten dann, wenn in für ihn belastenden Situationen der Hund ignoriert wird. Nach Mirjam Cordt gehören dazu auch Situationen, in denen ohne erkennbaren Stress der Hund Kontakt zum Menschen aufnimmt, dieser aber darauf egalitär reagiert bzw. den Hund zurückweist. Häufig findet man diesen Ratschlag, um angeblich den Rang zu klären. Was der Hund tatsächlich lernt, ist daß er von seinem Menschen keine Zuneigung oder Hilfe erwarten kann, sondern er auf sich allein gestellt ist. (Mirjam Cordt in "Halten wenn ungehalten" Sitz - Platz - Fuß Ausgabe 27). Psychosozialer Stress ist die Folge, was sicher nicht zu einer Bindungsoptimierung beiträgt.

Weiterhin gibt es die unsicher-ambivalente Bindung bei der sich der Hund in Anwesenheit seines Menschen gestresst und im Erkundungsverhalten gehemmt zeigt. Er kann sich nicht mit der Umwelt auseinandersetzen, da er ständig "auf der Hut ist", weil er nicht weiß, ob er sich auf seinen Menschen verlassen kann. Der Mensch ist für den Hund nicht berechenbar. Kommt es zur Trennung, ist der Hund verunsichert. Er kann sich nicht konzentrieren. Er gerät unter Stress, und kommt der Mensch zurück, zeigt der Hund ambivalentes Verhalten. Er klammert sich an den Menschen, nimmt ihn stark in Beschlag, wehrt ihm möglicherweise sogar ab. Diese Bindung ergibt sich vor allem dann, wenn für den Hund keine klare Linie im Umgang erkennbar ist. Der Hund weiß nicht, ob und wann der Mensch für ihn eintritt, da dessen Fürsorgebereitschaft und Sensibilität nach aktueller Befindlichkeit schwankt.

Der Aufbau einer sicheren Bindung führt natürlicherweise über Empathie, Einfühlungsvermögen sowie Kenntnis und Erfüllung der hündischen Bedürfnisse. Der Mensch sollte für den Hund berechenbar und verlässlich in seinen Reaktionen sein und zudem in Kommunikation mit seinem Hund bleiben. Bindung baut sich in der Regel sehr früh (kurz nach der Geburt) auf und kann später bei Verlust des ursprünglichen Bindungspartners auch auf den Menschen übertragen werden, sofern der Welpe in der sensiblen Phase positive Erfahrungen mit Menschen gemacht hat und entsprechend sozialisiert ist - vorausgesetzt der Mensch erfüllt bedingungslos die Bedürfnisse des Hundes.


Beziehung

Von einer sozialen Beziehung spricht man, wenn zwei Individuen oder Gruppen ihr Handeln, Denken oder Fühlen aufeinander beziehen. Soziale Beziehungen orientieren sich an den unterschiedlichen Eigenschaften der jeweiligen Partner, wobei eine der wichtigsten Eigenschaften die besondere Attraktivität des anderen ist. (Meyer)

Dr. Udo Gansloßer (Biologe) und Petra Krivi (Hundetrainerin) beschreiben in ihrem Buch "Verhaltensbiologie für Hundehalter" den Begriff "Attraktivität" bezogen auf Hunde wie folgt: "Unter Attraktivität verbergen sich eine ganze Menge Einzelkomponenten wie z.B. Führungskompetenz, Übersicht und Handlungssicherheit, insbesondere in schwierigen Situationen, aber auch Wissen, interessante Spiel- und andere Tätigkeiten, Regelmäßigkeit und Vertrauenswürdigkeit im gegenseitigen Umgang, Fähigkeit zur Ausübung von sozialer Unterstützung in Stresssituationen usw."

So bringt jeder Partner in eine Beziehung etwas ein, sie wird von beiden gestaltet. Beim Bindungsaufbau hingegen ist der Welpe eher "passiv" und nur indirekt beteiligt. Er ist darauf angewiesen, daß der Bindungspartner seine Bedürfnisse erkennt.

Beziehungen sind auch noch in höherem Alter bei Bereitschaft beider Partner zu bilden, wobei die Qualität der Beziehung eine große Rolle spielt. Sie gibt es auch hier je nach Ausprägung positiver oder negativer Aspekte verschiedene Beziehungsarten:

Unterstützend soziale Beziehung: Hier sind die positiven Facetten stark ausgeprägt und so gut wie keine negativen Aspekte vorhanden. Soziale Unterstützung und positive Erfahrungen miteinander spielen eine wichtige Rolle.

Indifferente soziale Beziehung. Diese wird als gleichgültig erlebt, da sie wenig bis keine positive oder negative Qualitäten aufweist. Der andere ist "egal", in dem was er tut, man hat kaum Kontakt zueinander, kommuniziert nur das Nötigste und ist gleichgültig dem anderen gegenüber, hat andere Prioritäten.

Eine ambivalente Beziehung liegt vor, wenn sowohl positiv als auch negativ empfundene Qualitäten in einem hohen Ausmaß vorliegen, wie z.B. ein Freund oder Kollege, der gleichzeitig auch in Konkurrenz um etwas tritt. Diese Beziehungen werden oft ambivalent erlebt. Man mag sich, steht aber irgendwie auch im Wettstreit.

Aversive Beziehung: Einer der beiden Partner verhält sich dem anderen gegenüber ungerecht. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn eine erbrachte Leistung nicht angemessen honoriert wird. Dabei zählt das, was einer Partner an Ungerechtigkeit fühlt und nicht, was wirklich ungerecht war. Eine aversive Beziehung wird primär als negativ erlebt wie z.B. ein als ungerecht wahrgenommener Vorgesetzter.


Welche Bindungs- und Beziehungsform findet man nun natürlicherweise beim Hund?


Zweifelsfrei lebt der Hund natürlicherweise und obligat in einer sicheren Bindung. Anders wäre sein Überleben gefährdet. Dies ist die Bindungsform, die er aufbauen würde zu dem Lebewesen, das den Ansprüchen gerecht werden würde. Er würde zudem Beziehungen zu Menschen aufbauen, die ihm eine unterstützend soziale Beziehung anbieten. Soziale Unterstützung und positive Erfahrungen miteinander sind hier die wichtigsten Parameter, wobei ausschlaggebend ist, was der Hund dabei empfindet und nicht, was der Mensch damit meint. Es stellen sich folgende Fragen:

- was sind die Grundbedürfnisse des Hundes / Welpen?
- wie kann ich sie so erfüllen, daß sie für den Hund als befriedigt wahrgenommen werden?
- wodurch fühlt sich der Hund von mir sozial unterstützt?
- was sind für den Hund positive Erfahrungen mit mir?
- wie verhindere ich das Entstehen anderer Bindungs- und Beziehungsformen?

Ich hoffe, ich konnte erklären, warum ich davon überzeugt bin, daß eine sichere Bindung und innige Beziehung über Herz und Hirn aufgebaut werden kann und nicht über die Hand. Keiner von den genannten Autoren spricht von Futter, Spiel, Zuwendung oder anderem als Belohnung, sehr wohl aber von sozialen Interaktionen und Integration des Hundes. Daß die Lerntheorien "funktionieren", stelle ich hier nicht in Frage, sie sind aber - meiner Meinung nach - nur ein Bruchteil des Lernweges eines Hundes und zum Beziehungsaufbau aus meiner Sicht mit Konsequenzen behaftet, über die ich aufklären möchte. Was jeder einzelne mit seinem Hund tut, bleibt ihm selbst überlassen.

Allen, die sich auf dieses spannende Abenteuer einlassen, wünsche ich viel Erfolg und den anderen von Herzen alles Gute und das meine ich ganz ehrlich!

1 Kommentar:

  1. Danke liebe Susanne für diesen Herzerfrischenden Bericht. Es ist sehr interessant zu lesen, und ich interessiere mich für weitere Infos diesbezüglich. Mir liegt dass Thema sehr am Herzen, und ich möchte mich zum wohle meiner Hunde gerne weiter entwickeln. Kannst du mir, um das Thema zu vertiefen gute Literatur empfehlen?
    Liebwink Angela Schneider

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