Frohes Neues Jahr



...oder wie war Dein Silvester so?

Diese Frage hört man unter Hundehalter eher hinter vorgehaltener Hand. Silvester ist ein Reizthema und ähnlich umstritten wie die Frage: Leine ab oder dran, Sozialkontakt ja oder nein. So lautet die Antwort in diesen Tagen: "Naja...Hauptsache, es ist vorbei."

Es gibt Hundehalter, die haben kein Problem mit Silvester. Diese Hundehalter haben entweder einen vollkommen relaxten Hund (selten), einen, der nichts mehr mitkriegt (öfter), weil er vielleicht schon in einem Alter ist, in dem das Hören und Sehen schwerfällt oder sie haben einen guten Tierarzt (oft).
War Silvester für den Hund kein Problem, dann liegt es in vielen Fällen darin, daß man sich rechtzeitig zwischen den Feiertagen in der Tierarztpraxis die jährliche Dosis Beruhigungsdragees geholt hat. Die Palette der bunten Pillen ist lang: Zum einen gibt es die Fraktion der Azepromazine, die dafür sorgen, daß der Hund lethargisch auf seiner Decke liegt und seinen Menschen mit blutunterlaufenen Augen anstarrt, aber nicht schläft. Das sonst nervige Umherlaufen, Zittern und Winseln findet nicht statt, es geht ihm gut - scheinbar. Denn leider ist es so, daß Azepromazin den Hund körperlich ruhigstellt, die ängstigenden Wahrnehmungen bleiben jedoch, er kann sich nur nicht mehr bewegen. Leider hat sich diese Erkenntnis noch nicht bei allen Tierärzten herumgesprochen.
Dann gibt es die Möglichkeit des Valiums (Diazepam) oder z.B. Alprazolam, allerdings mit der Notwendigkeit, diese ein- und auszuschleichen und dem Risiko, daß es abhängig macht. Der Hund jedenfalls schwebt zumindest für einige Stunden (länger hält die Wirkung nicht an) auf Wolke sieben und fällt erst nach Abflauen der Wirkung, so gegen 2 - 3 Uhr in ein lautes Kriegsgebiet, das er vorher nicht wahrnehmen konnte und die Nachböller in der Nachbarschaft sein Leben zutiefst gefährden. Der Jahreswechsel war locker - was danach kam eine Katastrophe.
Naturheilkundlich angehauchte Tierärzte verschreiben auf ausdrücklichen Wunsch der Hundebesitzer auch schon einmal Pheromon-Halsbänder, -Sprays oder Tabletten mit Wirkstoffen aus der Botanik oder der "nebenwirkungsfreien" Chemie-Küche. Von B wie Baldrian bis T wie Tryptophan ist über K wie Kaseinhydrolysat ist alles dabei, was die Industrie so zu basteln vermag, sogar spezielles Futter zur Stabilisierung des Nervenkostüms findet sich bei Diätnahrungen von Tierärzten - natürlich nur dort!
Doch auch die Tierheilpraktiker sind nicht wehrlos: Phytotherapie, Bachblüten, Akupunktur oder -pressur, Homöopathika, spezielle manuelle Therapien wie TTellington-Touch®, Massagen, aber auch Aromatherapie, Thundershirt, Gehörschutz oder CalmingCap werden empfohlen.
Der Hundetrainer versucht sich auch in diesem Marktsegment, indem er Desensibilisierungsworkshops und entsprechende Geräusch-CDs zum Verleih anbietet. Bei den Workshops werden die Hunde an die angstauslösenden Knallgeräusche mit einer systematischen Desensibilisierung oder per Konditionierung mit positiven Erfahrungen herangeführt. Es scheint ein unersättlicher Markt zu sein, Hunde über diese 12 Stunden zu bringen. Wem das alles zu overdone ist, der findet seine eigene Strategie und erklärt auf die Frage "Wo verbringst Du denn so Silvester mit Deinem Nervenbündel?": "Irgendwann geht Panik-Ella in den Keller und bleibt dort - am Neujahrstag holen wir sie dann wieder hoch." Andere Hundebesitzer, die schon alles ausprobiert haben und es nicht über's Herz bringen, ihre Panik-Ella in den Keller zu lassen (oder sie haben keinen Keller), sitzen dann die gesamte Silvester-Nacht mit ihrem Hund im Arm im Badezimmer und hoffen, daß es bald vorbei ist. - Erfahrungsgemäß ist das dann die längste Nacht ihres Lebens.
Das alles kann klappen, muß aber nicht.
Und wenn es nicht klappt, dann ist es auch nicht schlimm, dann ist es ja irgendwann vorbei und man hat Ruhe bis zum nächsten Mal - Silvester ist ja zum Glück nur einmal im Jahr...
Ja, so sieht das für den Menschen aus - für den Hund nicht. Er landet unter Umständen in der Silvesternacht in einer Hilflosigkeits-Situation, die für ihn traumatisch sein kann und folgenschwer dazu. Diese Lernerfahrung hat nämlich Einfluß auf alles, was danach kommt. Mindestens für die Jahreswechsel später - nicht umsonst heißt es: Silvester-Angst wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Und dazwischen manifestieren sich überraschend (?) und unbemerkt noch Empfindlichkeiten gegen andere Geräusche...Gewitterdonner...Türenknallen, Gewehrschüsse etc.
Und es hat Einfluß auf die Beziehung: Übersteht der Hund die Silvesternacht in Angst und Panik OHNE seinen Menschen, hat das Folgen.
Nie wieder hat man so viel Zeit bis zum nächsten Silvester, wie Anfang Januar. Nutzen wir die Zeit, zu analysieren, wie der letzte Jahreswechsel für unseren Hund war und was wir vielleicht von langer Hand vorbereiten können, um es nächstes Mal anders, besser für unseren Hund zu machen. Jeder Hund ist anders, und jeder Hund reagiert auch anders. Jeder braucht sein individuelles Programm, manchmal beginnt es schon mit einer Nahrungsumstellung oder anderen Trainingsformen. Wie soll ein Hund Silvester "entspannt" verbringen, wenn er schon mit einem hohen Stresslevel (z.B. durch die Weihnachtstage vorher) in den Jahreswechsel startet. Wie soll der Hund abschalten, wenn schon seit Wochen/Monaten der Magen übersäuert ist oder die Darmflora gestört und er schon seit vielen Nächten unruhig ist. Silvester ist zwar am Jahresende, aber eigentlich nur die Spitze des Eisberges - Stress hat der Hund das ganze Jahr über und das summiert sich bis zum Ende auf. Jeder hat die Chance, es jetzt für seinen Hund besser zu machen, es wirklich GANZHEITLICH anzugehen, und ein individuelles Konzept zu entwickeln, das alles beinhaltet: Gesundheit, Ernährung, Training, Beziehung und Umgang. In diesem Sinne: Frohes Neues Jahr!





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