Hunde aus dem Tierschutz: 5 Hoffnungen zum Aufgeben

1. Tierschutzhunde brauchen nicht so viel Zeit wie zum Beispiel ein Welpe

Wer glaubt, ein Mitleidshund bräuchte weniger Zeit und Engagement seitens des Besitzers, dem bleibt unter Umständen ein böses Erwachen nicht erspart. Bei einem Welpen zum Beispiel braucht man Zeit, um ihn stubenrein zu bekommenEs stehen zunächste einige Wochen oder gar Monate bevor, in denen man eine besondere Obacht auf den Welpen haben sollte, um kleine Mißgeschicke zu verhindern. 

 Fakt ist bei einigen Mitleidshunden, daß sie niemals in einem häuslichen Umfeld gelebt haben. Sie konnten ihre Notdurft überall verrichten. Nun verstehen sie nicht, daß der plüschige Wollteppich kein Hundeklo ist. Einen erwachsenen Hund stubenrein zu bekommen, ist ungleich schwieriger als einen Welpen, der zudem das Leben im Haus gewöhnt ist. Wochenlanges Training stehen bevor und eine zusätzlich gegebene Unsicherheit im gesamten neuen Umfeld erschweren dies zusätzlich. Manche Mitleidshunde lernen es nie. 

 Ein Welpe oder Junghund lernt in bestimmten Lebensphasen zum Beispiel während der sogenannten sensiblen Phase im Alter von der 6. bis zur 18. Lebenswoche besonders leicht, sozusagen im Schlaf. Alle Erfahrungen in dieser Zeit beeinflussen die spätere Wahrnehmung und Beurteilung von Reizen, sowie die individuellen Reaktionen darauf. In dieser Zeit entwickelt sich die Persönlichkeit des Hundes, Strategien bilden sich heraus, wie auf bestimmte Situationen reagiert wird, ob zum Beispiel mit Flucht oder Angriff. Dieses Verhalten ist in höherem Alter nur sehr schwer zu verändern und benötigt sehr viel Engagement, Wissen und Zeit. Mehr Zeit jedenfalls als im Welpenalter. Dabei sollte man nicht vergessen, daß über genau diese sensible Phase bei Mitleidshunden in der Regel nichts bekannt ist. Man weiß also nicht, wie dieser Hund in bestimmten Situationen reagieren wird.



 Fazit: Einen adoptierten Mitleidshund zu integieren, braucht in der Regel mehr Zeit und Engagement als zum Beispiel einen Welpen oder Hund mit bekannter Herkunft und Biographie

Foto: Stefan Linnemann

2. Ein Tierschutzhund ist billiger als ein anderer Hund

Mitleidshunde kommen meistens aus unklaren Verhältnissen. Selten ist etwas über das bisherige Leben bekannt. Ebenso wenig weiß man über Vorerkrankungen oder bestehende Verletzungen. Mitleidshunde sind in der Regel aufgrund der Lebensbedingungen in ihrer Gesundheit gefährdeter als andere Hunde. So spielt zum Beispiel die Ernährung während des Wachstums eine wichtige Rolle. Oft ist diese Phase jedoch längst vorbei, und es ist unklar, ob der Hund optimal oder mangelhaft ernährt wurde. Genauso unklar ist, ob mit Folgeerkrankungen deswegen zu rechnen ist. 

 Selbiges gilt gleichermaßebn für Wurmkuren, Flohbefall oder Befall mit anderen Parasiten wie zum Beispiel Zecken, die mitunter gefährliche Krankheiten übertragen können.

 Auch andere Infektionskrankheiten können in dem Hund schlummern und erst ausbrechen, wenn die Stressbelastung der Adoption und damit der Umzug in das neue Zuhause das Immunsystem überstrapazieren. Nicht selten sind Mitleidshunde aus Kostengründen nicht ausreichend geimpft. Manche reisen mit falschen Papieren und eine gründliche tierärztliche Untersuchung ist notwendig. 

 Ein Hund, der vielleicht bereits einen Unfall hatte oder mit einer anderen akuten Erkrankung wie zum Beispiel Milben, Hautpilz oder Ohrenentzündung beim Mitleidskäufer ankommt, hat eventuell aufwändige und langwierige Behandlungen vor sich. Das kann sehr schnell richtig ins Geld gehen. 



 Fazit: Mitleidshunde sind zwar preiswert aber nicht kostengünstig

3. Hunde aus dem Tierschutz sind sozial kompatibel


Viele Mitleidshunde, die zum Beispiel aus Tierheimen im Ausland oder aus Pflegestellen kommen, werden dort angeblich „artgerecht“ im Rudel, soll heißen, mit Artgenossen zusammen gehalten. Nicht selten passiert dies weniger aus Gründen der artgerechten Haltung als daß vielmehr hier die Kosten eine Rolle spielen. Nicht alle Hunde sind dafür geeignet, in einer Gruppe von mitunter 20 und mehr Tieren gehalten zu werden. Zumal diese Hunde kein Rudel im Sinne der eigentlichen Familie wie es bei den hundeartigen üblich ist, bilden. Diese Hundegruppen ähneln in ihrer Struktur eher einer Wohngemeinschaft, bei der aber niemand frei entscheiden kann, ob er bleiben will oder lieber ausziehen. Die Hunde haben keine Wahl und sich sich der Alternative, eventuell getötet zu werden oder in „Freiheit“ zu sterben nicht bewußt. Sie finden sich in dieser Situation wieder und entwickeln - jeder für sich - eine Strategie, damit umzugehen: Der eine rennt weg und der andere benutzt die Artgenossen, um seinen Frust abzubauen. Jeder Neuzugang in dieser Gruppe wird erstmal kleine Brötchen backen, sich möglichst unauffällig benehmen und eher sein Heil in der Flucht suchen. Denn ihm ist bewußt: Alle anderen sind EINE Gruppe! Da hat ein einzelner keine Chance, wie sehr er sonst auch Artgenossen verabscheuen mag. Kommt dieser Hund nun zu seinem Mitleidskäufer, findet er sich meistens in menschlicher Gesellschaft, sprich Familie wieder. Trifft er nun draußen auf einen Artgenossen, bedeutet dieser zunächst eine gefühlte Bedrohung mindestens der eigenen Individualdistanz. Diese gilt es zum eigenen Schutz zu verteidigen. Traumatische Erfahrungen aus dem Leben vorher tun ein Übriges dazu. Der Hund hat gelernt: Bevor der andere mich bedroht, halte ich ihn mir vom Hals. Eine die eigene Bewegungsfreiheit einschränkende Leine mit einem hilflos erscheinenden Menschen am anderen Ende verschärft die Situation zusätzlich.



 Fazit: Mitleidshunde sind nicht automatisch sozial verträglich




4. Hunde aus dem Tierschutz sind extrem anpassungsfähig

Der Mitleidshund ist genauso viel oder wenig anpassungsfähig wie jeder andere Hund, allerdings mit der Einschränkung, daß im fortgeschrittenen Alter die Anpassungsfähigkeit nachlässt. Nie wieder ist sie so hoch wie im Welpenalter.
Auch das gilt für alle Hunde. Jedoch machen die Hunde und auch Welpen hier eine Ausnahme, die zum Beispiel aufgrund traumatischer Erfahrungen ohne Mutter oder Geschwister aufgewachsen sind. Solchen Hunden fehlt es nicht selten die Fähigkeit, Vertrauen aufzubauen. Diese Hunde haben bereits sehr früh die Erfahrung gemacht, daß sie am Besten alleine zurecht kommen. Doch auch Hunde, die in jungen Lebensmonaten auf sich gestellt, alleine Lebenserfahrungen gesammelt haben, sind später nicht an ihrem Menschen orientiert, sondern entscheiden selbständig und unabhängig. In zum Beispiel ängstigenden Situationen - die im Übrigen bei solchen Hunden aufgrund unzureichender Gewöhnung relativ oft auftreten - sind diese Hunde einfach weg. Sie flüchten kopflos und nicht selten lassen sie sich auch nicht wieder einfangen mit manchmal tödlichem Ausgang. Zudem haben Mitleidshunde in der Regel nicht die besten Erfahrungen mit Menschen gemacht. So tun sich gerade diese sehr schwer damit, Vertrauen zum Menschen aufzubauen. Oft gelingt dies nicht oder nur mit sehr viel Engagement und Fachwissen. 

 Fazit: Mitleidshunde sind nur so anpassungsfähig wie ihre Vorerfahrungen mit Menschen positiv verlaufen sind, was selten der Fall ist

Foto:Nadine Krei

5. Hunde aus dem Tierschutz sind dankbar

Ein Mitleidshund lebt genau wie alle anderen im HIER und JETZT. Er macht sich keine Gedanken darüber, was gewesen wäre, wenn....oder darüber, was sein könnte. Ihm ist nicht klar, daß im Extremfall die Alternative zu seiner jetzigen Situation die Tötung gewesen wäre. Ihm ist gar keine Alternative klar. Er findet sich nach der Adoption in einer für ihn vollkommen neuen Situation wieder, die er sich ja nicht ausgesucht hat - er hatte keine Wahl. Hätte er eine gehabt, hätte er vielleicht anders entschieden, das weiß man nicht. Nun ist es aber so, daß er zurecht kommen muss, in dieser neuen, mitunter für ihn vollkommen fremden Welt. Er kennt davon nichts, keine Autos, keine Sirenen, schreienden Kinder, manchmal nicht einmal geschlossene Räume, geschweige denn Kommandos oder seinen Namen. Nicht selten fallen die Mitleidshunde in ihrem neuen Zuhause in eine Schockstarre, verlassen den Platz, auf den sie gesetzt wurden, nicht mehr. Manche sind so geschockt, daß sie sogar dort Kot und Urin absetzen. Sie kennen die Menschen nicht, keine Haustürklingel oder einen Fernseher. Nichts ist mehr wie vorher, alles Bekannte, vielleicht der befreundete Artgenosse, der bisher Sicherheit gab - alles ist weg, anders. Der Hund befindet sich im Schockzustand.
 Oft können solche Hunde nicht an der Leine geführt werden, denn sie kennen weder Geschirr noch Halsband. Nach einer Woche beginnen sie dann eventuell die eigene Individualdistanz zu verteidigen und der Mitleidshund zeigt zum ersten Mal angstaggressiv die Zähne. Alles ist möglich, aber Dankbarkeit wird man vergeblich erwarten. Der Mitleidshund ist zutiefst verunsichert, hat vielleicht Angst um sein Leben.

 Fazit: Dankbar wird er erstmal nicht sein

Nachtrag:

Diese fünf Hoffnungen sollen keine Argumente gegen die Adoption eines Tierschutzhundes zum Beispiel aus dem Ausland oder einem Tierheim sein, sondern vielmehr aufklären. Menschen meinen es gut, wollen einem Mitleidshund ein besseres Leben geben, ihn vielleicht vor dem sicheren Tod bewahren. Das sind großartige Motive für die Adoption eines Mitleidshundes. Doch wenn in diesem Vorhaben nicht nur Selbstlosigkeit eine Rolle spielt, sondern daran bestimmte Erwartungen geknüpft sind, sind Enttäuschungen vorprogrammiert.

 Um einem Hund den Weg von Mitleid über Enttäuschung hin zum Wanderpokal zu ersparen, gibt es nur den Weg, Menschen vorher zu ENT - TÄUSCHEN, also aufzuklären, was sie wirklich erwartet.
 Wer sich unter Akzeptanz dieser Konsequenzen dennoch oder gerade deswegen für einen Mitleidshund ganz bewußt entscheidet, verdient absoluten Respekt!

 Für alle anderen gibt es diverse Tierschutz- und vor allem Kastrationsprojekte vor Ort, die es ebenso verdienen, zumindest finanziell unterstützt zu werden.




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