Neue Forschungstruppe



















Ich habe Hühner. Seit Anfang September. Am Anfang war es eine Glucke mit ihren 7 Küken. Das war schon spannend zu sehen, wie sie denen die Welt zeigte: Was ist essbar oder auch nicht, wo kann man scharren, wovor muß man sich in Acht nehmen, wo kann man sandbaden, wo kann man schlafen oder ruhen etc. Für alle Tätigkeiten gab es spezielle Töne und auch die Küken hatten bestimmte Töne, mit denen sie ihre Befindlichkeiten kundtaten. Die Küken lernten durch Vorbildverhalten der Glucke, die sich als eine Super-Mama zeigte. Ihr großes Verantwortungsbewußtsein hat sie das Leben gekostet, denn sie hat sich geopfert, als der Bussard ernst machte. Ihre Küken hat sie so gewarnt, daß sie sich ins Haus flüchteten, während sie sich opferte. Nicht unerwähnt bleiben soll an dieser Stelle, daß es natürlich mein Fehler war, daß ich sie nicht genug geschützt habe - Anfängerfehler.
Nun habe ich seit drei Tagen ein neues Huhn - eine Junghenne, die vom Alter her genau zu meinen alten passt. Inzwischen sind diese natürlich auch zu stattlichen Jungtieren herangewachsen. Es sind auch zwei Hähne dabei. Ich habe die Henne am Samstag Abend von einer Landesschau mitgebracht. Es ist eine hübsche schwarze Lady aus der Sippe der Australorps (für die Hühnerfreunde unter uns). Es war schon dunkel, als sie ankam. Daher habe ich sie samt ihrem Transportkorb in die untere Etage des Hühnerhauses gestellt und den Zugang nach oben versperrt. Es soll angeblich sinnvoll sein, dass die Hühner den Stallgeruch annehmen, bevor sie vergesellschaftet werden. Wobei ich mich frage, wie das sein kann, da man Hühnern an anderer Stelle einen schlechten Geruchssinn unterstellt - nun denn. Am Sonntag morgen öffnete ich zunächst für Momo den Ausgang ins Gehege und sie stolzierte wie eine Diva die Hühnerleiter herunter. Der Boden im Auslauf ist derzeit etwas matschig, sodaß sie von der Leiter nicht auf dem Boden kletterte, sondern direkt auf einen Ast, um nicht in den Matsch zu müssen. Ganz Mädchen eben!
Dann ließ ich die Leiter herunter und öffnete damit den Zugang zur unteren Etage für die anderen Hühner. Diese stürzten wie gewohnt die Treppe hinunter und durch die Klappe direkt nach draußen ins Gehege. Dort nahmen sie Momo in Augenschein. Matti und Prillus begannen direkt mit einem Begrüßungskonzert und krähten aus vollem Halse ihr Glück in die Welt hinaus (wenn die wüssten..., aber das ist eine andere Geschichte). Momo zeigte sich gänzlich unbeeindruckt, allerdings schien das Lola sehr zu missfallen, denn diese stürzte sich direkt nach dem Hahnenschrei auf Momo. Es gab ein ziemliches Gehacke und Geflatter, denn die anderen "alten" stiegen direkt mit ein. Sie drängten die arme Momo in eine Ecke, sie duckte sich, schützte ihren Kopf in der Ecke und gab klein bei. Das interessierte die anderen herzlich wenig, sie hackten auf sie ein, als ob es kein Morgen gäbe. Ich habe sie dann etwas abgelenkt, damit Momo eine Chance hatte, aus der Ecke zu kommen. Sie hat die Chance genutzt und sich auf den Ast geflüchtet. 
Dort blieb sie den ganzen Sonntag unbeweglich sitzen. Am Nachmittag hockten sich mal zwei der Damen kurz neben sie. Als am frühen Abend alle Damen und die Herren ins Haus marschierten, saß Momo immer noch unbeweglich auf ihrem Ast. Ich habe sie dann in der Dämmerung dort abgepflückt und ins Haus gesetzt - wogegen sie sich wehrte - sie wollte partout nicht ins Haus. Sie hockte sich dann in die untere Ebene wie in der Nacht zuvor - in eine Ecke. Als es etwas später war, habe ich die Leiter heruntergelassen und sie hat tatsächlich ihre Chance ergriffen und sich nach oben gestohlen - im Schutze der Dunkelheit (Hühner sind nachtblind). Sie hat die Nacht dann abseits der anderen auf der Hühnerstange verbracht. Am Montag habe ich alle wieder herausgelassen. Momo blieb im Haus. Die anderen gingen ihren Tagesgeschäften nach: Hackordnung klären, Futter suchen, picken, scharren, sandbaden, Gras fressen, streiten, ruhen etc.) Momo traute sich erst ins Gehege, als die anderen im Zweitgehege außer Sicht waren. Sobald sie zurückkamen, flüchtete sie ins Haus oder stellte direkt die Bewegung ein. Die anderen nahmen keinerlei Notiz von ihr. Selbst die Macker würdigten sie keines Blickes. Es schien, sie wäre ein Außenseiter. Wäre kein Netz über dem Gehege - sie wäre sicher ein Opfer des Bussards geworden, die anderen hätten sie (offenbar gerne) geopfert. Am Abend hat sie es jedoch alleine geschafft, hinter den anderen ins Haus zu kommen und sich auf die Stange zu mogeln.
Am Dienstag dauerte es schon nicht mehr so lange, bis Momo sich nach draußen traute. Die anderen waren bereits im Nebengehege, aber Matti war noch im Auslauf, als Momo die Treppe herunterstolzierte. Das Federkleid und den Kopf nicht mehr so devot nach unten haltend, sondern eher schon aufgerichtet und stolz. Matti erblickte sie und fing direkt mit einem Hühnergezwitscher an. Lockrufe, kurze trampelnde Tritte im Kreis, Kopf herunter, Schmuckfedern hoch, fing er an, ihr den Hof zu machen. Sie gab sich verängstigt, floh vor ihm und wollte keine Annäherung zulassen. Es schien, sie kokkettierte mit den Erfahrungen der Tage zuvor. Matti schmiss sich richtig ins Zeug, ihr Vertrauen zu gewinnen. Den Tag über sah ich Momo immer häufiger in der Nähe der anderen. Die "alten" Hennen ließen ihre Nähe zu, es gab keine Attacken mehr auf Momo. Sie konnte sich in dem selben Gehege wie die anderen bewegen, ohne angegriffen zu werden. Zweimal habe ich sie sogar im Nebengehege gesehen (das nur durch einen schmalen Durchgang zu erreichen ist). Am Nachmittag konnten sogar alle gleichzeitig aus einer Schale Gras picken.

Ich habe keinen Zweifel daran, daß Momo schon morgen ein vollwertig anerkanntes Mitglied meiner Hühnerschar ist und nicht ein schwerst traumatisiertes verstossenes Huhn...

Warum ich das schreibe? Nun, ich hätte auch aufschreiben können, wie ein neues Pferd in eine bestehende Herde integriert wird (Monty Roberts beschreibt das mit dem Begriff "Join-up") oder was Hunde tun, wenn sie auf fremde Artgenossen treffen. Ich hätte auch Ethologen zitieren können, die jahrelang Primaten, Wölfe oder Elefanten beobachten, um zu selbem Ergebnis zu kommen. Ich schätze mal, das ist universelles Verhalten von allen Tieren, die in sozialen Gemeinschaften leben (auch vom Menschen).

Schade, dass ich vor viereinhalb Jahren, als ich meinen Welpen bekam, noch keine Hühner hatte...ich hätte sicher in der ersten Woche einiges anders gemacht.

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