"Oh! Ist der aber süüüüß!"

Wenn man einen Welpen hat, dann ist man sehr beliebt bei seinen Mitmenschen. Nachbarn sprechen plötzlich mit einem, fremde Menschen auf der Straße kommen näher, manch einem Griesgram zaubert man plötzlich und unerwartet ein Lächeln ins Gesicht. Welpen mit ihrem plüschigen Fell, den tapsigen Bewegungen und dem niedlichen Kopf rühren uns sofort am verwundbarsten Punkt. Kaum ein Mensch, der nicht darauf anspringt und sofort seine Hände im warmen weichen Pelzchen versinken lassen will. Doch nicht nur draußen, sondern auch in der Familie kommt Welpi gerade recht. Hat der Sohnemann doch mit seinen 13 Jahren die erste Identitätskrise, während Töchterchen mit ihren 16 Jahren den ersten Liebeskummer zu verwinden hat und gerade sehr deutlich spürt: Pubertät ist, wenn die Eltern anfangen schwierig zu werden. Papa arbeitet den ganzen Tag und wünscht sich jemanden, der sich freut, wenn er nach Hause kommt und Mama kann auf der Hundewiese neue Kontakte knüpfen.

Welpi wird umsorgt, das beste Futter herangeschafft. Unmengen von Quietschetieren, Plüschhasen und Bällen stehen dem Kleinen zur Verfügung. Ein kuscheliges Bettchen im Flur, auch wenn Welpi meistens im Wohnzimmer auf dem Sofa liegt oder Mama in die Küche folgt, aber das kann man ja noch trainieren.
 Vormittags ist Mama mit Welpi alleine zuhause macht Klicker-Training. Sie hat gehört, ein Hund könnte auch im Haushalt mithelfen, das käme ihr gerade Recht. Wenn dann die Kinder aus der Schule kommen, können sie gleich mit ihm spielen und sich von dem Schulstress erholen. Mama geht dann Nachmittags in die Welpengruppe oder auf die Hundewiese, denn Welpi braucht ja Sozialkontakte und Mama auch.
 Wenn Papa dann Abends von der Arbeit kommt, wird mit Welpi eine ordentliche Runde durch den Garten gerockert. Mit dem Zerrseil macht es Papa und Sohnemann besonders viel Spaß, während Töchterlein lieber Bälle oder Stöckchen wirft, denn Welpi ist schon ganz schön schnell, nur das Bringen und Abgeben müssen sie noch üben. Welpi lässt den Ball nämlich immer kurz vor Töchterlein fallen und will sie ihn dann aufheben, schnappt Welpi in die Finger. Das passiert natürlich nur aus Versehen, denn Welpi will ja nur den Ball haben. Da muß man eben etwas besser aufpassen sagt Mama.
 Stubenrein ist Welpi auch schon, er steht immer an der Tür, wenn er mal muß. Manchmal muß er draußen erst lange schnüffeln und am Zaun lang laufen, bevor er sich lösen kann.
 Ein Problem ist das Gassigehen. Welpi will nicht mit, sondern dreht immer ganz schnell wieder um und rennt nach Hause. Aber Welpi muß doch raus und spazierengehen. Also probiert Mami immer mal wieder aus, ob es mit Ziehen oder Locken besser geht. Aber so richtige Fortschritte kann man nicht sehen. Und wenn es regnet, mag sowieso keiner mit Welpi raus. Dann holt Töchterchen sich Welpi in ihr Zimmer und kuschelt. Das mag sie  am Liebsten. Welpi stellt keine Fragen. Neulich brauchte sie allerdings ein Pflaster, weil Welpi beim Kuscheln plötzlich ihren Finger erwischt hat. Er dachte wohl, sie hätte einen Ball in der Hand. Oder lag es daran, daß ihr Bruder immer Fangspiele mit den Fingern macht? Sie holte sich ein Pflaster und schnappte sich Welpi wieder zum Kuscheln. Doch dieses Mal duckte er sich unter ihren Händen weg und lief zur Tür. Diese hatte sie jedoch sorgsam verschlossen, damit Mama nicht reinkam und lästige Fragen stellte. Töchterchen setzte sich auf den Fußboden, um Welpi zu greifen, da schoss Welpi nach vorne und biss direkt in ihren Finger.
Sie schrie auf, riss die Hand weg und zog damit eine blutende Wunde in ihren Finger, denn Welpis Milchzähne waren messerscharf.

Was war passiert? War es Zufall oder Absicht? Wenn es Absicht war: Hatte Welpi eine schlechte "Kindheit", war beim Züchter etwas schief gelaufen? Hatte er keine sogenannte "Beisshemmung"? War es ein verhaltensgestörtes Tier? Und was tun? Abtrainieren? Mit einer Wurfschelle zum Beispiel das Verhalten abbrechen und bestrafen? Ihn zurückgeben und sich einen anderen Hund holen? Oder einen zweiten dazu, damit er artgerecht kommunizieren kann?

Ich kann dazu nur sagen: Wenn man ein Tier adoptiert, dann hat man die Verantwortung, seine Grundbedürfnisse zu erfüllen. Zum obersten Grundbedürfnis zählt Sicherheit und die beginnt bei der Individualdistanz. Werden permanent Grenzen von den Menschen überschritten, der Hund gänzlich überfordert im Anspruch der Menschen, ihre Bedürfnisse über den Hund zu stillen, wird der Hund über kurz oder lang für sich auftreten. In der Verantwortung liegt auch die Pflicht zu Fürsorge und dazu gehört vor allem auch die körperliche Unversehrtheit. Respektlosigkeit und körperliche Übergriffe werden vom Hund genauso beantwortet.

Ein Hund ist weder ein Spielzeug für Kinder noch ein Kuscheltier.

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