Training oder Beziehung?

 Wenn ich in den letzten Jahren mit meinem Hund verschiedene Situationen geübt hätte...

Wenn wir hunderte von Malen nach den Lerntheorien einzelne Übungen an verschiedenen Orten immer und immer wieder trainiert hätten, um sie zu hoffentlich zu generalisieren...

Wenn ich meinen Hund mit „ausschließlich positiver Verstärkung“ zu Verhalten gebracht hätte, das er sonst vielleicht nicht gezeigt hätte...

Wenn ich meinen Hund mit Leckerchen abgelenkt hätte von der Sorge um seine Individualdistanz ohne sein eigentliches Bedürfnis zu beachten...

Dann würden vielleicht die Lerntheorien erklären können, warum mein Hund in Fußgängerzonen mit Menschenansammlungen oder in Einkaufszentren keine Verhaltensauffälligkeiten mehr zeigt. Dann wäre es vielleicht erklärlich, daß er auf glatten Fliesen, über offene Treppen hoch und runter laufen kann, daß er Menschenmassen an lockerer Leine durchläuft, daß er laufende Kinder nicht mehr anbellt, daß er nicht mehr durchstartet, wenn irgendein Reiz ihn dazu veranlasst, daß er im ersten Stock nicht mehr flach auf dem Boden kriecht, weil er Höhenangst hat und durch die Glasscheiben nach unten sehen kann...

Vielleicht könnten sie es erklären, vielleicht wäre es aber auch gar nicht so, weil wir vielleicht NICHT in DIESER Fußgängerzone geübt haben oder NICHT in DIESEM Einkaufszentrum und sich die „Übung“ NICHT generalisiert hat oder mein Timing schlecht war...wer weiß?

Fakt ist: Ich habe das letzte Mal vor 3 Jahren mit ihm ein Einkaufszentrum besucht. Ich war das letzte Mal vor 3 Jahren mit ihm in einer Fußgängerzone mit vielen Menschen. Damals war es nicht schön, dies mit ihm zu tun. Also vermied ich es, ihn in diese Situationen zu bringen. Er musste das nicht können. Er musste es auch nicht lernen, weil ich mir dachte, ich lasse es so wie es ist. Mit Kindern kann man sowieso nicht „üben“...also was soll's...So habe ich in den letzten 3 Jahren Einkaufszentren, Menschenansammlungen und Fußgängerzonen gemieden. Ja, ich bin genau genommen, gar nicht mehr mit ihm irgendwo gewesen, denn ich habe eine große Fläche zur Verfügung, auf der er sich super austoben kann und der Wald ist auch nicht weit weg...wenn uns da Kinder und andere „böse“ Reize begegneten, konnten wir weitläufig ausweichen.
Die jahrelange Überforderung, die sich in multipler Stress-Symptomatik bei ihm zeigte, hatte gleichermaßen den Grundstein wie auch die Notwendigkeit dafür gelegt: Es musste sich etwas ändern. Dieser Hund konnte nicht diese Aufgaben erfüllen, die er sich gesucht und die ich ihm überlassen hatte. Dieser Hund war nicht bereit, sich für Leistung bezahlen zu lassen, er ließ sich nicht dressieren. Ich musste alles überdenken, was ich bisher mit meinem Hund angestellt hatte. Dies führte zu Veränderungen in meinem Denken und Umgang mit dem Hund.
Statt „Zeigen und Benennen“ oder „Schönfüttern“ und Ablenken, statt systematisch zu desensibilisieren, statt gegen zu konditionieren, statt zu löschen oder gewöhnen oder gar zu überfluten oder aversiv zu konditionieren, habe ich von den bekannten lerntheoretischen Verhaltensmodifikationen gar nichts eingesetzt, um daran etwas zu ändern. Ich habe schlicht und ergreifend die kritischen Situationen gemieden, meinen Hund nicht mehr damit konfrontiert. Stattdessen habe ich auch im Positiven nach keiner der genannten Lerntheorien mit meinem Hund gearbeitet. Unsere gemeinsamen Aktivitäten unterlagen nunmehr den biologischen Gesetzmäßigkeiten einer sozialen Gruppe mit verständlicher Kommunikation auf Basis von erklärten und akzeptierten Zuständigkeiten unter Berücksichtigung der hündischen Bedürfnisse vor allem nach Sicherheit und nachvollziehbarer Beschäftigung. Mein Ziel war es, meinem Hund zu zeigen, daß ich durchaus Kompetenzen aufzuweisen habe, die ihm zu Gute kommen. Nun, nach drei Jahren Abstinenz, ist es problemlos möglich, ihn in Situationen zu bringen, die ihn vorher überforderten. Er folgt mir an lockerer Leine durch die Menschenmenge, um die Ecke flitzende Kinder erschrecken ihn nicht mehr und veranlassen ihn schon gar nicht zum Verbellen. Er orientiert sich an mir, bleibt in meiner Nähe und hat offensichtlich keinen großen Stress. Dies scheint auch für andere Bereich zu gelten, die ihn ängstigten wie z.B. Gewitter und Silvester. Nach einer manifesten Geräuschphobie war schon letztes Jahr Silvester für seine Verhältnisse entspannt - ganz ohne Medikamente. Ich bin gespannt auf dieses Jahr...Damals, als ich mich entschied, diesen anderen Weg zu gehen, hatte ich keine Ahnung, wie lange es dauern würde. Fest stand aber: Auch das "Trainieren" nach Lerntheorien dauert lange und ist mühsam. Ich hatte also nichts zu verlieren. Und das Zusammenleben mit einem Lebewesen bzw. Familienmitglied benötigt ohnehin stete Anpassung und ist nicht Training oder Dressur. Heute bin ich froh, diesen Weg gegangen zu sein: Beziehung statt Training
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