Wer braucht eigentlich wen zur Erholung?



Menschen adoptieren einen Hund, weil sie in der Natur unterwegs sein wollen. Sie möchten nach der Arbeit und am Wochenende auf einem Spaziergang mit dem Hund entspannen. Der Alltag stresst und wenn wir Feierabend haben, dann wollen wir die Gedanken loslassen, frische Luft genießen und uns frei fühlen. Was also liegt näher, als sich dafür einen Begleiter zu holen, der genau wie wir gerne draußen unterwegs ist. Wir holen uns den Hund zum Entspannen.

 Der Hund liegt und wartet den ganzen Tag auf unsere Rückkehr und wird dann auch gerne bereit sein, mit uns draußen die Natur zu genießen. Dass Hunde dies auf ihre Art tun, ist vielfach beschreiben worden. Was aber noch hinzu kommt: Wir wollen, daß der Hund uns entspannt - die Wahrheit ist, wir müssten den Hund entspannen!
 Bei unserer Rückkehr von der Arbeit geht es schon los: Der Hund springt, bellt und freut sich wie ein Verrückter, kaum dass er den Schlüssel im Schloss gehört hat. Er ist aufgeregt, hat den ganzen Tag auf nichts Anderes gewartet. Wir meinen, er meint uns - in Wahrheit meint er sich: Wer sich heftig beim Wiedersehen freut, hat denjenigen auch ganz schön doll vermisst. Nicht selten berichten Nachbarn oder Freunde, daß der Hund die Zeit des Alleinseins gebellt oder gejault hat. Alleine bleiben ist eines des Hauptthemen in Hundeschulen und Verhaltensberatungen. Während wir unserer Arbeit nachgingen, hatte der Hund Stress und Sorge um unser Leben und vielleicht auch um seines, denn zurückgelassen werden vom Familienclan ist eigentlich asozial. Dies ist dem Hund bewußt. Zudem kommt die Sorge um seine Menschen, werden sie zurückkommen? Werden sie es überleben? Man weiß es nicht.
 Häufig ist es so, daß der Hund während unserer Abwesenheit nicht tief schläft oder ausruht. Manche tigern rastlos durch die Wohnung, andere wechseln ständig den Platz oder überwachen am Fenster die Straße. Die Wohnung mit all seinen offenen Zimmern ist für viele Hunde, vor allem solche aus dem Ausland oder mit Deprivationsschäden, zu groß und sie suchen sich einen Platz unter dem Bett. Der Stress wird also nicht ab- sondern aufgebaut.

 Kommen Herrchen oder Frauchen dann zurück, ist der Hund extrem erleichtert, sein Clan ist wieder vollständig. Natürlich könnte es sein, daß er sich freut. Dies würde er mit einer in mittlerer Position hängenden locker wedelnden Rute zeigen, alle vier Pfoten blieben am Boden (nicht, weil man es „geübt“ hat, sondern weil er Körperrespekt zeigt), er würde sich eher zurücknehmen als nach vorne zu preschen. Oft sieht man jedoch Hunde, die bei der Rückkehr außer Rand und Band sind, sich nicht einkriegen, hochspringen, jaulen, Spielzeug anschleppen oder vielleicht sogar dem Besitzer in die Hand oder in den Arm greifen, also das Maul „locker“ um Körperteile legen. Auch wenn es Diskussionen darum geben mag, wie dies vom Hund gemeint ist, eines ist sicher: Es fährt ihn hoch. Mit allen Konsequenzen, die zu einer erhöhten Erregungslage gehören, was mindestens ein Anstieg aller Stresshormone ist.

Der Besitzer greift schnell nach der Leine, um mit seinem Vierbeiner sofort rauszugehen, er hat doch schon so lange gewartet. Nun reagiert der Hund mit noch mehr Hektik, könnte es doch sein, daß Herrchen oder Frauchen nunmehr ein weiteres Mal ohne ihn das Haus verlassen. Oder er hat längst gelernt, daß nach heftiger „Begrüßung“ endlich die Revierkontrolle, pardon der Spaziergang stattfindet. Nun fährt die Erregung noch mehr hoch. Stresshormone setzen den Organismus in Alarmbereitschaft und veranlassen das Tier zu reagieren: Menschen gehen dann joggen oder ins Fitness-Studio, um ihren Adrenalin- und Cortisolspiegel zu regulieren. In der Regel gelingt dies über Bewegung und Muskelaktivität. Der Hund reagiert ebenfalls mit einem erhöhten Bewegungs“bedürfnis“ - aber nicht genetisch bedingt, sondern Stress-Hormon-bedingt. Er will unbedingt durch die Tür nach draußen, hängt in der Leine. Da der Besitzer den Rat bekommen hat, als Anführer immer zuerst durch die Tür zu gehen, gibt es eine Diskussion mit dem Hund. Auch dies erhöht abermals den Stresspegel des Hundes. Ist man endlich durch die Tür, wird vom Hund vorneweg in der näheren Umgebung die Lage gecheckt. Man liest in der Hundepost, wer wann wohin gepinkelt hat und welche Aussage über mögliche Konkurrenz oder Heiratsangeboten darin stecken.

Auf der Hundewiese oder im Wald endlich angekommen, wird die Leine abgemacht, damit der Hund sich endlich austoben und seine Freiheit genießen kann. Er soll Sozialkontakte pflegen, sich frei bewegen können und endlich Hund sein dürfen, wobei ich mich frage, was er denn die restliche Zeit ist...
Doch auch hier fährt eher das Stress-System hoch: Leine ab bedeutet alleine, also ohne Betreuung, auf sich gestellt in Entscheidungen und Verantwortung gegenüber allen mehr oder weniger DEM HUND bedrohlich erscheinenden Reizen. Doch auch gut gemeinte Aktivität MIT dem Hund, wie z.B. Apportierspiele mit vielerlei Flugobjekten puschen das Stress-System zu noch mehr Aktivität. Fahrradfahren käme dem Abbau des Stress-System eigentlich entgegen, ist es doch Bewegung ähnlich dem Joggen des Menschen, allerdings sieht man häufig bei Hunden am Fahrrad eher das Gegenteil als einen entspannten Jog. Zudem gibt es Hunderassen, die aufgrund ihrer anatomischen Voraussetzungen Probleme mit der optischen Wahrnehmung bei schneller Geschwindigkeit haben und dadurch auch wiederum ihr Stress-System zusätzlich aktiviert wird.

 Zuhause wieder angekommen, sind manche Hunde alles andere als müde. Jeder, der einen hektischen Tag hinter sich hat, kennt das Problem, nicht zur Ruhe zu finden. Diese Hunde „stalken“ ihrem Besitzer hinterher, lassen ihn im Haus nicht aus den Augen, kontrollieren jede Bewegung. Am Ende des Tages verfallen sie in einen Tiefschlaf, der den Menschen Glauben macht, der Hund sei gut ausgelastet, das Tagesprogramm genau das Richtige. Die Wahrheit ist, daß Stresshormone sich nur im Tiefschlaf abbauen, allerdings reicht beim Hund die nächtliche Tiefschlafphase dafür nicht aus, er braucht auch am Tage mindestens eine davon. Um tief schlafen zu können, muß sich der Hund absolut sicher fühlen, Voraussetzung dafür ist eine sichere Bindung zum Besitzer. Diese ist nur dann gegeben, wenn in der Beziehung klar ist, daß der Mensch die Sicherheit garantiert, für Ruhe sorgt und aufpasst, um Gefahren abzuwenden. Aber...der Mensch ist tagsüber nicht da.
 Derjenige, der Orientierung bietet, ist nicht aufgeregt und hektisch, sondern bietet Struktur und sorgt für Ruhe. Erst Recht im Umgang mit dem Hund. Nur an einem ruhigen, souveränen Partner wird sich der Hund anschließen und orientieren. Und nur dann kann er wirklich entspannen. Um diese Rolle zunehmend besser als Mensch zu erfüllen, könnte man z.B. eher auf ruhige gleichmäßige Bewegung des Hundes achten, ihn nicht mit Hetzspielen puschen oder mit unbekannten Artgenossen konfrontieren. Man könnte selber an sich arbeiten, um mit mehr Ruhe mit dem Hund umzugehen. Über die Stimmungsübertragung hätte man gute Voraussetzungen, den Hund entspannen zu lassen, anstatt sein Stress-System zu aktivieren. Die gemeinsam verbrachte Zeit sollte an ihrer Qualität gemessen werden und nicht an den Leistungen des Hundes. Es kommt nicht auf Geschwindigkeit an, sondern auf Ruhe und noch besser: Konzentration z.B. über Nasenarbeit. Verbessert man die Qualität im Umgang mit dem Hund, entsteht eine sichere Bindung und viele Probleme z.B. mit der Leinenführung und Impulskontrolle verschwinden wie von selbst, ganz ohne Dressur oder sonstige Manipulation. - Probier es aus - entschleunige Deinen Hund.

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