Wer hat das Problem?

Seit ich 4 Jahre alt bin, also sozusagen, seit ich so etwas Ähnliches wie denken kann, habe ich mir einen Hund gewünscht. Aus diesem romantischen Kindheitswunsch wurde nach und nach unter Einfluß von Lebenserfahrung eine bestimmte Vorstellung von dem Zusammenleben mit dem Hund. Ganze 40 Jahre später hatte ich nicht nur Wünsche und Vorstellungen, sondern auch Erwartungen und Träume, die ich mit dem Thema "eigener Hund" verband. Ich träumte von einem treuen Begleiter, der mit mir durch dick und dünn ging, mich überallhin begleiten würde. Langhaarig sollte er sein und natürlich hübsch. Dabei aber nicht stinken und auf keinen Fall sabbern. Der Hund könnte mich zum Pferd in den Stall begleiten und auf Ausritten dabei sein. Er würde vorneweg laufen und wäre natürlich so erzogen, daß er gut hören würde. Es wäre nur eine Frage des Trainings, dass das so wäre...Mein Pferd habe ich ja auch ganz gut hinbekommen und Verhalten von Tieren war seit jeher mein Steckenpferd. Ich würde ihn sorgfältig aussuchen, damit er keine Erbkrankheiten hat, ein Hund aus seriöser Zucht - dann kann nichts schief gehen. Menschen würde er lieben und sollte das nicht so sein, könnte man ihn sicher mit Leckerchen überzeugen. Das Training in der befreundeten Hundeschule würden wir mit links meistern, schlau sollte er sein und gerne mit mir zusammenarbeiten, "will to please" haben. Keine Frage - ein Aussie: Das war genau das Richtige. Und die Farbe war auch klar: Black-tri. Ich habe ein Faible für dunkle Tiere. Am Besten eine Hündin, eine Trainerin sagte, sie seien leichter zu erziehen. Natürlich machte ich mir auch Gedanken über die weniger erfreulichen Dinge: Was wäre im Urlaub? Hätte ich wirklich Lust, jeden Tag, auch bei Regen spazieren zu gehen? Richtig Sorge hatte ich in Bezug auf andere Hunde: Mir war klar, daß ich nicht wirklich Erfahrung im Lesen der Körpersprache von Hunden hatte. Natürlich wußte ich, was Knurren bedeutet, aber durch die Arbeit mit Pferden war mir bewußt, daß eben viel "zwischen den Zeilen" gesagt wird, und genau das traute ich mir bei Hunden nicht zu. Vor allem, weil ich aus Beobachtungen wußte, daß sie verdammt schnell sind, und ich hatte Bedenken, ob ich andere Hunde gut genug lesen könnte, um Situationen richtig einzuschätzen. Ich rechnete an dieser Stelle mit Problemen, denn irgendwie hatte ich den Eindruck, daß Hunde sich nicht automatisch immer gleich gut mit Artgenossen verstehen.
 Irgendwann kam dann der Tag der Entscheidung: Die Kinder groß, Familie und Beruf stabil, hatte ich viel potentiellen Freiraum für ein neues Familienmitglied. Also machte ich mich auf die Suche nach einem passenden Hund. Ich wählte mit Bedacht eine Zucht aus, besuchte die Welpen, nahm das Muttertier in Augenschein, steckte in einem heimlichen Moment sogar meine Nase in ihr Fell. Die Züchterin charakterisierte die Welpen und riet mir von der Hündin ab, in die ich mich verguckt hatte. Sie empfahl mir einen der beiden Rüden, sie seien viel ruhiger und versprachen leicht erziehbar zu werden, vielleicht sogar als Therapiehunde geeignet.

Heute - 5 Jahre später - liegst Du nun auf Deiner Matte hinter meinem Schreibtischstuhl. Es ist absolut nichts so geworden, wie ich dachte, außer...die Farbe und Rasse und dass ich bei Regen nicht spazieren gehe. Du bist ein Black-tri und ein Aussie. Ansonsten hast Du Stress beim Autofahren, weshalb ich Dich nur selten mitnehme. Ohnehin bleibst Du lieber zu Hause, zur Not auch stundenweise alleine. Dadurch läufst Du auch nicht am Pferd mit und begleitest mich nur selten mit in den Stall. Menschen findest Du unnötig, bist unbekannten Menschen gegenüber eher skeptisch und magst nicht gerne angefasst werden, bist ohnehin nicht besonders kuschelig. In manchen Situationen neigst Du schnell dazu, eigene Strategien zu entwickeln und selbständig zu handeln. Manche Geräusche findest Du gruselig und bist danach lange gestresst. Besucher sind nicht immer willkommen, dafür kannst Du umso besser mit Artgenossen umgehen. Hier bekommst Du alles geregelt, manchmal weiß ich nicht wie und wünsche mir, Du würdest es nur halb so gut mit Menschen hinkriegen...Leckerchen interessieren Dich nicht, und die Hundeschule hat Dich bereits in der dritten Woche so gelangweilt, daß Du mich nur noch angekläfft hast. Meine Katzen und anderes Getier würdest Du jagen, wäre ich auch nur einen Moment unaufmerksam. Du hast eine Futtermittelmilbenallergie und in Stress-Situationen bekommst Du Magenschmerzen. Viele Nächte hat uns das gekostet, in denen Du hechelnd neben meinem Bett gelegen hast und nicht in den Schlaf finden konntest.

Heute - 5 Jahre später bin ich 5 Jahre reifer. Du hast mir gezeigt, wie die Welt aus Deinen Augen aussieht, was Dich ängstigt, was Dir Freude bereitet, welche Bedürfnisse Du wirklich hast. Du tust Dinge, bei denen ich nie gedacht hätte, dass Hunde zu so etwas fähig sind, verstehst unglaublich viel und drückst mindestens genauso viel aus. Du zeigst mir immer wieder, wie unglaublich wenig wir über Tiere wissen. Du hast meine Neugier geweckt und mich angetrieben, mehr zu erfahren.
Und das ist es, was ich in den 5 Jahren mit Dir gewonnen habe: Die Frage am Ende des Tages: Wer hat das Problem? Hätte ich in allem versucht, meine Vorstellungen, Wünsche und Erwartungen umzusetzen, wären wir beide gescheitert. Ich an Dir und Du an mir. Hätte ich versucht, Dich zu verbiegen, aus Dir den Hund zu machen, von dem ich geträumt habe, wäre von Dir nichts übrig geblieben. Stattdessen hast Du Qualitäten, an die ich damals ja nicht denken konnte. Die hast Du mir in den letzten 5 Jahren gezeigt, sie mir angeboten. Das ist es, was Dich ausmacht: Deine individuelle Persönlichkeit, zu der Seiten gehören, die ich so nicht wollte, die vielleicht auch FÜR MICH ein Problem sind, aber auch die Seiten, die Dich so liebenswert machen. Denn das bist DU mit Haut und Haaren. Um nichts in der Welt würde ich Dich wieder hergeben, auch wenn Du nicht mein "Traumhund" von damals bist, so bist Du doch ein traumhafter Hund! Du bereicherst jeden Tag mein Leben und lässt mich so viel Neues erfahren. Es ist nicht so, wie ich dachte, es ist einfach nur anders. Und ich lasse Dich so wie Du bist, solange DU damit kein Problem hast.

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