Wunder dauern länger

 Immer wieder erlebe ich es, daß Menschen zu mir in die Sprechstunde kommen, im Seminar sitzen oder im Erstgespräch und hoffen, ich hätte DIE Lösung für ihr Problem. Nicht selten ziehen sich die Augenbrauen hoch, wenn deutlich wird, daß auch ich nicht zaubern kann. Während bekannte Fachkollegen im Fernsehen oder auf der Bühne in 45 Minuten 3 Fälle lösen, wird natürlich nicht klar, daß auch ein Martin, so sagte er einmal, auch dreißig Stunden für jeden einzelnen Fall benötigt. Während manch ein Fachkollege mit Comedy, nicht selten auf Kosten seiner zahlenden Kunden, Geld verdient, benötigen Menschen selten mehr als eine Zehnerkarte bei mir, um ihre Beziehung zum Hund zu verbessern und selbständig dann ihre Probleme lösen zu können. Meistens nicht nur die, mit denen sie gekommen sind.

Hunde lernen immer, ja das tun sie. Das Dumme ist nur, sie lernen die Dinge, die sie lernen sollen, die der Mensch sich wünscht, ganz langsam. Zumindest wenn man die Lerntheorien zugrunde legt. Nach diesen muss jedes erwünschte Verhalten mindestens hunderte Male und das noch jeweils an unterschiedlichen Orten trainiert werden. Negative Dinge hingegen lernt der Hund bereits beim ersten Mal. Das kann man auch nachvollziehen, wenn man sich klar macht, dass es nicht schlimm ist, das mit schlechtem Timing gegebene Leckerchen mit der falschen Handlung zu verknüpfen. Im Gegensatz dazu, den vorbeifahrenden Zug zu übersehen, kann durchaus schlimm enden und zwar schon beim ersten Mal.
Schreckmomente sind lebensnotwendig und die negative Verknüpfung damit auch. Dies sollte sich jeder Hundehalter klar machen. Bei den Fachkollegen setze ich dieses Wissen voraus, wobei ich mich manches Mal wundere, wenn Menschen mit ihren hochgradig verunsicherten Hunden zu mir kommen, zu welchen Tipps ihnen geraten wurde...
Wenn ich also dem Hund in einer Situation, in der an forderster Front ICH mir nicht mehr zu helfen weiß, ich aufgrund unzureichender Beratung die Dose rappeln lasse oder die Schelle werfe, vielleicht sogar den Hund mit der Wasserflasche besprühe oder gar den Auslöser des Sprayhalsbandes drücke, dann kann ich mir zumindest darüber sicher sein: Dieses Unglück braucht nur eine Sekunde - das Wunder, es hinterher wieder zu richten, deutlich länger.
Abgesehen davon, daß der Hund nach der Wurfschelle die Haustür nicht mehr passieren mag, weil er vor dem klirrenden Schlüsselbund Angst hat oder plötzlich und unerwartet eine Phobie vor dem Auto entwickelt, nur weil man auf der letzten Sommerfahrt eine zischende Colaflasche geöffnet hat.

Probleme mit dem Hund löst man nicht in einer Sekunde, mit einer Wunderpille oder durch Handauflegen. Also Mann vielleicht schon - ich nicht! Dem Hund und Menschen nachhaltig und wirkungsvoll zu helfen, ist nahezu künstlerische Detailarbeit. Kriminalistisches Vorgehen ist die Grundlage, die Motivationen des Hundes zu ergründen, um die eine Schraube zu finden, an der man drehen kann, um alle anderen in Bewegung zu setzen. Der Schlüssel hierzu ist nicht etwa Zauberei, sondern die Lösung dazu ist der Hundehalter, das bist DU! Was nützt es Dir, wenn dein Hund an Hundetrainerfuß läuft, kein Interesse an anderen Hunden zeigt, nicht mehr in die Leine crasht, wenn es beim nächsten Gassigang bei dir wieder alles so ist wie vorher? Es ist alles eine Frage der Beziehung. So einfach und schwer ist das. Und eine Beziehung zu optimieren ist erstmal viel Arbeit an Dir und nicht an Deinem Hund. Du kannst es nur schwerer machen mit traumatisierenden Erlebnissen für Deinen Hund - auch das verändert die Beziehung. Und eines ist dabei sicher: Das Wunder dauert dann nur noch länger.

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