Zivilisationskrankheiten beim Hund


ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung) oder ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom), SDU (Schilddrüsenunterfunktion), Allergien gegen Futter, Milben, Gräser und/oder Duftstoffe, Nervosität, Angststörungen, Panikattacken, Herzprobleme, Reizbarkeit, Magenschleimhautreizungen und Bauchspeicheldrüsenentzündungen...Nicht wenige Hunde und noch mehr Besitzer können davon ein Lied singen. Viele Hunde sind Dauergäste beim Tierarzt, der sich in der Regel redlich bemüht, herauszufinden, was den Hund so plagt. Endlose Untersuchungen des Blutes und der inneren Organe, Röntgen- und Ultraschallaufnahmen geben dem Kind einen Namen. So erfolgt eine symptomatische Behandlung der Beschwerden, Schmerzen werden gelindert, Organe in ihrer Funktion unterstützt und das Nervensystem zur Not auch mit Ritalin stabilisiert. Meistens hilft das auch erstmal im akuten Fall, manchmal reicht es jedoch nicht aus und der Patient wird zum Spezialisten weitergereicht, bei dem der Behandlungsmarathon erneut beginnt. Die Beschwerden, mit denen unsere Hunde heutzutage zu kämpfen haben, sind sicherlich keine neuen Erkrankungen. Es wird vielmehr so sein, daß wir heutzutage nur mehr Möglichkeiten der Diagnostik haben. Dennoch sollte man sich die Frage stellen, ob es nicht auch andere Gründe haben könnte, daß diese Erscheinungen so vielfach auftreten? Natürlich ist es leichter, den Buh-Mann außerhalb der eigenen vier Wände zu suchen:
1. "Die Zucht ist Schuld" - früher wurde mehr Wert auf Wesen und Charakter gelegt, heute züchtet man mehr nach Optik und es bleiben Charakter und Wesensstärke auf der Strecke. 
2. "Die Gesellschaft ist Schuld" - durch verschärfte Gesetze zur Hundehaltung mit Leinenzwang und Rasselisten sind Hunde in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt und können sich nicht mehr natürlich entwickeln. Verhaltensauffälligkeiten sind die Folge.
3. "Die Vorbesitzer sind Schuld" - Mein Hund kommt aus schlechten Verhältnissen, ist ein Tierschutzhund, kommt aus dem Ausland...der hat nichts kennengelernt, hat Deprivationsschäden. Da ist es doch nur verständlich, daß er so viel Streß hat, daß er krank wird.
4.  Die Rasse ist "Schuld" - Jackys und Border collies sind nunmal Balljunkies. Da kann man nichts dran ändern...

Was wäre, wenn die anderen vielleicht gar nicht "Schuld" sind, sondern das Problem eher "hausgemacht" ist? Könnte es nicht auch sein, daß wir mit unserer Vorstellung von der Hundehaltung auf dem Irrweg sind? Ist wirklich alles, was wir mit und für unseren Vierbeiner tun, so sinnvoll? Ist es ratsam, so früh und viel wie möglich mit dem kleinen Welpen unterwegs zu sein, ihn überall mit hinzuschleppen? Man hat doch nicht viel Zeit, die Sozialisierungsphase ist doch so kurz, er muß sich doch an alles gewöhnen...ja, sollte man, aber um welchen Preis? Die Frage ist nicht wieviel der Welpe lernt, sondern, daß er überhaupt lernt und Lernen braucht vor allem Ruhe und nicht Unruhe.
Ist es wirklich richtig, mit meinem territorial orientierten Hund täglich Runden um den Block zu laufen? Vielleicht sollte man sich einmal ansehen, was der Hund dabei macht und wieviel Streß er u.U. dabei hat.
Braucht der Junghund täglich ein Dressurprogramm zu "körperlichen und geistigen Auslastung"? Ist nicht (Er)wachsen(werden) schon anstrengend genug?
Hunde ruhen normalerweise bis zu 20 Stunden am Tag...welcher Hund hat den Luxus, dies auch tun zu können? Wenn man sich ansieht, welche chemischen Prozesse im Organismus ablaufen, wenn dieser unter (Dauer-) Stress steht, dann kann man leicht den Bogen schlagen zu den oben erwähnten Erkrankungen. Viele unserer Hunde könnten gesunden, wenn sie die Chance bekämen, den Stress durch Ruhe abzubauen. Eine Verhaltenstherapie und ein Stressmanagement gehören unbedingt zu einer Behandlung von stressbedingten Erkrankungen. Ansonsten kratzt man nur an der Spitze des Eisberges und löst das Problem nicht. Ich würde mir wünschen, wenn hier jeder Fach"mann" seine Grenzen erkennen würde. Diagnostik und Medikamententherapie ist nur EIN Baustein im System. Bedürfnisbefriedigung, Haltungsmanagement und Umgangsformen sind die anderen wesentlichen Basiselemente einer gesunden Hundehaltung. Für diese Bausteine gibt es keine Medizin vom Tierarzt.

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